ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Arzt übernimmt Apotheke

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Berlin -

Vom Inhaber zum Ausgestoßenen: Ein paar harmlose Kreuze in einem Abfragebogen des Gesundheitsamtes reichten aus, um einem Apotheker alles zu nehmen. Und das nur, weil seine Offizin dort als krisenfest, autark und perfekt ausgestattet markiert wurde. Während ein ihm unbekannter Arzt mit fragwürdigen Methoden sein Lebenswerk besetzt, begreift er: Seine vorbildliche Vorsorge wird ihm nun zum Verhängnis.

Alles begann mit einem harmlosen Schreiben vom Gesundheitsamt. Energieabfrage bei Stromausfall, Dieselvorrat, Notstromversorgung – ein paar unschuldige Kreuzchen, die im turbulenten Apothekenalltag so unauffällig waren wie der neueste Engpass. Niemand hätte auf die Idee kommen können, dass diese Häkchen mehr waren als reine Formsache.

Tatsächlich wirkten sie wie digitale Marker auf einer behördlichen Karte, eine Art Apothekenfahndung im Standby-Modus: Hier ist jemand vorbereitet, belastbar, einsatzfähig und hat auch noch genügend räumliche Kapazitäten. Ein gemachtes Nest, aus dem man den bisherigen Inhaber über den langen Arm der dienstlichen Behörde einfach hinauskomplimentieren konnte, lange bevor der überhaupt begreifen konnte, dass er wie ein ahnungsloser Singvogel tatsächlich von einer Elster aus seinem eigenen Nest gedrängt wurde.

Der Doc als Herr des Hauses

Ein paar Tage später steht Inhaber Caspar Zimmermann am Samstagmorgen vor seiner eigenen Apotheke. Der Schlüssel passte nicht mehr: Die Schlösser waren ausgetauscht, die Zuständigkeiten offenbar gleich mit. Auch die Milchglasfolie, deren Anbringung er definitiv nicht beauftragt hatte, war neu.

Durch einen schmalen, gnädig freigelassenen Spalt ließ sich gerade noch erkennen, dass sich in der Offizin inzwischen jemand häuslich eingerichtet hatte. Mitten im Verkaufsraum sitzt ein beleibter Mann an einem improvisierten Schreibtisch. Die Knöpfe seines viel zu engen Kittels sind gespannt wie die Zuschauer eines Drahtseilaktes in 20 Meter Höhe.

Lässig wirft er sich ein in die Jahre gekommenes Stethoskop um den Hals, als er den Apotheker vor der Tür bemerkt. Er winkt freundlich, erhebt sich dann und bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit eines Hausherrn in Richtung Notdienstklappe.

Bisschen apothekern kann ja wohl jeder

Erst jetzt kann Zimmermann das Namensschild lesen: Dr. med. Rolf‑Dieter Bösenburg. Und langsam dämmerte ihm, dass hier kein Missverständnis vorlag, sondern ein Zugriff. „Na“, sagte der Arzt mit einem Lächeln aus der Zahnpastawerbung. „Ich werde jetzt hier mal ein bisschen apothekern.“ Rezepte ausstellen dürfe er ja schließlich, hatte man ihm gesagt. Die Rechnungen könne der Apotheker doch dann abheften, falls er irgendwann wieder hineindürfe. „Ich habe gehört, in Drogeriemärkten brauche sie jetzt Leute wie Sie. Da finden Sie bestimmt schnell einen Job.“

Zimmermann schüttelt ungläubig den Kopf. „Das kann doch alles nicht wahr sein“, murmelt er mehr zu sich selbst und öffnet reflexartig die Apothekenteamgruppe auf WhatsApp. Bis auf den Chef selbst sind allerdings alle Mitarbeitenden ausgetreten. Es finden sich Kommentare wie „Dass Sie uns nichts gesagt haben, schwache Leistung“ und „Sie sind echt das Letzte, Herr Zimmermann.“

Selbstbedienung im Alphabet

Das ärztliche Team hatte sich inzwischen vollständig eingerichtet. Man hatte einen Durchbruch zum Backoffice umgesetzt, Zugänge erweitert, Passwörter geändert. Der Arzt selbst bekannte offen, dass er sich durch das Alphabet nicht besonders sicher bewege – wozu komplizierte Fertigarzneimittelnamen, wenn man auch einfach Wirkstoffe verordnen kann? Deshalb dürfen die Patientinnen und Patienten sich ihre Medikamente ab sofort einfach selbst zusammensuchen.

So schwer kann das schließlich nicht sein, das ABC beherrscht ja wohl jeder – und ohnehin wissen die Leute eh, was sie jeden Tag schlucken. Zur Sicherheit überprüft eine MTA an der Tür die Tüten noch einmal mit professionellem Blick – nicht aus Misstrauen, sondern weil irgendwer ja den Überblick behalten muss.

Notfalldienst, DAS ist anstrengende Arbeit!

Bösenburg wirkt sehr zufrieden. Keine Sprechstunden, kein Stress, kein Praxisbetrieb. Ein bisschen Apotheke nebenbei, das schaffe ja wohl jeder, denkt er augenzwinkernd. „Ich habe vorher den Bereitschaftsdienst in den Notfallpraxen gemacht. DAS ist anstrengende Arbeit.“ Die Notfallpräparate brachte er ebenfalls gleich selbst mit, man wolle ja unabhängig sein. Und überhaupt: Dieses Lager voller unbekannter Arzneimittel sei überschätzt. Vieles kenne er ohnehin nicht, denn Fertigarzneimittelnamen werden in seinen Augen völlig überbewertet.

Besonders pikant: Zimmermann war genau wegen seiner Vorbereitung ausgewählt worden. Er ist Prepper aus Überzeugung. Solarzellen, Diesel, ein eigener kleiner Wald, ausgebauter Bunker mit Dosen voller Mischgemüse und zig Beuteln Trockennahrung – nicht aus Paranoia, sondern aus Verantwortung. Seine Apotheke ist dementsprechend krisenfest, autark, bereit. Genau deshalb hatte man sie markiert. Nicht trotz der Kreuzchen, sondern wegen ihnen.

Am Ende bleibt für Zimmermann nur die nüchterne Erkenntnis, die niemand laut aussprach, die aber über allem hing wie eine neue Verwaltungsvorschrift: selber schuld, wenn ihr Angaben macht. Oder, frei nach Leonard Cohen: First we take the pharmacy – then we take whatever comes next.

12.000 Apotheken reichen

Tatsächlich wurden Apotheken nach den Blackouts in Berlin im Rhein-Sieg-Kreis aufgefordert, ihre Notfallvorsorge zu melden – einschließlich Notstromkapazitäten und Bereitschaft, Räume für KV-Ärzte zur Verfügung zu stellen. Ein Apotheker äußerte Verärgerung über die Anfrage angesichts der politischen Situation: „Am Ende heißt es womöglich noch, ich soll die Apotheke verlassen, ein Amtsapotheker übernimmt.“

Das Thema der Woche war der Ramipril-Rückruf von 089-Pharma. Der sorgte für entsprechende Verunsicherung bei vielen Patientinnen und Patienten, auch wenn er nur für die Handelsstufen gilt. Mittlerweilehat der Hersteller auf Beschwerden aus Apotheken reagiert; er gewährt eine Gutschrift, wenn Apothekenteams eine Ersatzpackung auf Basis eines Privatrezepts an betroffene Patientinnen oder Patienten abgeben.

„Die Apotheken mit einem Apotheker und PTA haben doch nicht mehr die Kraft, zu existieren“ – das sagte in dieser Woche Apotheker Gerben Klein Nulent. Er hatte zuletzt seine Anteile an der Apotheke im Bahnhof in Emmerich verkauft. Der Niederländer, der in seinem Heimatland die Apothekenkette Mediq mit aufbaute, plädiert für eine deutlich geringere Zahl an Betrieben.

In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

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