Bürokratiewahnsinn

Apotheker (71): Plausicheck, Rabattverträge und andere Ärgernisse

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Berlin -

Günther Pilz führt seit mehr als 38 Jahren die Burg-Apotheke in Odenkirchen, einem Stadtteil von Mönchengladbach. Allen Widrigkeiten zum Trotz denkt er noch lange nicht ans Aufhören. Der Beruf sei seine Berufung, betont der 71-Jährige.

Pilz‘ Berufswahl ist familiär geprägt. „In meiner Familie wimmelt es nur so von Apothekern oder Drogisten.“ Der Großvater besaß eine Apotheke im lettischen Riga. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er von dort vertrieben und wagte einen Neustart im damals deutsch besetzten Posen. Bei Kriegsende musste der Pharmazeut erneut fliehen und ließ sich im rheinischen Odenkirchen nieder. „Als 1957 die Niederlassungsfreiheit für Apotheker kam, packte er die Gelegenheit beim Schopfe und eröffnete hier die Burg-Apotheke“, erzählte der Enkel.

Pilz selbst legte 1966 sein Vorexamen in Münster ab und erhielt sechs Jahre später die Approbation. „Mein Großvater verstarb in den letzten Dezembertagen des Jahres 1979. Zum 1. Januar 1980 übernahm ich seine Apotheke und verlegte sie zwei Jahre später in einen Neubau mit angeschlossenem Ärztehaus. Dort sind wir noch heute.“

Seine Entscheidung habe er in all den Jahren nicht bereut: „Der Pharmazeut ist ein fantastischer Beruf, für mich eine Berufung“, so Pilz. „Dafür ist aber auch einen gewisser Einsatz erforderlich. Wir müssen für alle da sein und unsere Patienten rund um die Uhr mit allem versorgen können, was für ihre Gesundheit nötig ist.“ So hält er Waren wie Babynahrung und Inkontinenzprodukte vorrätig, auf die manche Kollegen wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit verzichten. Doch nicht nur in der Versorgung mit Medikamenten sei er gefragt, sagt Pilz. „Der Apotheker ist in einem Ort wie Odenkirchen eine Institution und eine ganz wichtige Schaltstelle.“

Sein 20-köpfiges Team teile seine Vision einer Apotheke, über lange Jahre sei es konstant dabei geblieben. „Seit 14 Jahren hatte ich so gut wie keinen Personalbedarf, dann kündigte eine Apothekerin aus persönlichen Gründen, sie ist Heilpraktikerin geworden“, berichtet Pilz. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich schwieriger als gedacht. Mittlerweile habe sich bei vielen Nachwuchskräften wohl die Einstellung zum Beruf geändert, glaubt er: „Mehrfach bekam ich von jungen Kollegen zu hören, dass ich mit ihnen mit Samstagseinsätzen oder Nachtdiensten gar nicht erst kommen müsste.“ Er habe darüber mit der Apothekerkammer Nordrhein gesprochen. „Aber auch da ist man hilflos.“

Zu schaffen mache ihm der zunehmende bürokratische Aufwand. „Wir von der 66er-Garde wissen genau, wie wir in der Rezeptur arbeiten müssen. Es kann nicht sein, dass ich 45 Minuten für eine Plausibilitätsprüfung benötige und dann habe ich mit der Herstellung noch gar nicht angefangen“, sagt der erfahrene Apotheker. „Die Salbe ist in fünf Minuten angerührt. Ich weiß genau, auf was zu achten ist und welche Schwierigkeiten auftreten können. Es ist schlimm, dass wir uns hier den Normen der Industriedokumentation anschließen müssen.“ Auch mit den von den Krankenkassen vorgegebenen Restriktionen tut er sich nach eigenem Bekunden schwer: „Es ist gar nicht meine pharmazeutische Aufgabe, mich noch um Rabattverträge zu kümmern.“

Überhaupt gebe es so viel abzuarbeiten. „Für die Kassennachschau habe ich wochenlang in meinem Team die Prozesse abgehandelt.“ Securpharm und Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) brächten weitere Hürden mit sich. „Wir sind Pharmazeuten und keine Bürokraten“, betont Pilz. „Ich habe zwar 20 Mitarbeiter, kann für die Dokumentationen aber keinen von ihnen abstellen, es sei denn, uns wird das bezahlt.“ Der Gesetzgeber sei dringend gefordert, die Apothekenhonorare entsprechend anzupassen. „Sonst haben wir ein Problem.“

Es mache ihn traurig, seine Mitarbeiter nicht ihrer Leistung entsprechend bezahlen zu können. „Ich sehe, dass sie tagtäglich hervorragende Arbeit leisten, sie beraten gut, stellen die richtigen Medikamente bereit und achten auf mögliche Wechselwirkungen.“ Er schätze sich glücklich, dass er schon etwas höhere Gehälter zahlen könne, als es der Tarifvertrag vorsehe. Viel mehr sei nicht drin, wenn er wirtschaftlich arbeiten wolle. „Der Rohgewinn meiner Apotheke beträgt etwa 25 Prozent, 12 Prozent gehen davon für Personalkosten ab. Die Löhne machen insgesamt 60 Prozent der Gesamtkosten aus, dazu kommen die Miete und weiteres.“

Und da gebe es noch die Versandkonkurrenz: „Ich als Apotheker bin Steuerzahler in Deutschland, der Staat hat dagegen Firmen groß gemacht, die uns von den Niederlanden aus das Leben schwer machen.“ Das mache ihm gar nicht so sehr vom Umsatz, dafür aber psychologisch schwer zu schaffen, bekundet Pilz. „Da fragen die Kunden schon mal nach, warum das Ginkgo-Mittel bei DocMorris 40 Euro kostet, bei uns aber 60 Euro. Es ist nicht allen begreiflich zu machen, dass wir vom Verkaufserlös auch Löhne oder Miete finanzieren müssen.“

Seit dem EuGH-Urteil zum Rx-Versandhandel seien die Dämme ganz gebrochen. „Die Preisgestaltung, die danach für im Ausland ansässige Versender möglich geworden ist, macht mich wütend“, bekundet Pilz. „Der nächste logische Schritt wäre, die Rx-Preise auch für deutsche Versandapotheken frei zu geben. Dann wären im übernächsten Schritt die Preise in den Präsenzapotheken nicht mehr zu halten.“ Dabei könnte sich die Konkurrenz aus dem Internet die Rosinen herauspicken: „Rezeptur- oder BTM-Rezepte werden wieder an den Kunden zurückgeschickt, auch Antibiotika, Insuline oder Impfstoffe bleiben an uns hängen, weil sie sich für die Versender nicht rentieren.“

Das Überleben sei für die Vor-Ort-Apotheken nur bei einem gesunden Mix aus Freiwahl und Rezeptpflicht gesichert. „Wenn der Umsatz aus dem Rx-Bereich wegbricht, haben sie ein großes Problem.“ Dabei denken andere Handelszweige bereits über eine mögliche Gegenwehr nach, hat Pilz erfahren. „In der Elektronikbranche wird diskutiert, eine Gebühr für eine Beratung in Höhe von 20 Euro zu erheben, der Betrag soll dann gut geschrieben werden, wenn tatsächlich ein Fernseher im Laden gekauft wird.“ Ähnliches sei durchaus für Apotheken denkbar: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir auf den Apothekenzuschlag verzichten, wenn wir stattdessen ein Honorar für unsere Beratung erhalten“, so Pilz. „Das könnte den Versandapotheken das Wasser abgraben.“

Der Pharmazeut verfügt da über Insiderkenntnisse, führte er doch selbst seit 2004 eine kleine Versandapotheke, „eine von 1500 in Deutschland“, wie er betont. Doch das Volumen habe sich in Grenzen gehalten. „Ich hab immer 15 Prozent Rabatt auf OTC- und Freiwahl-Bestellungen gegeben, aber was nützt das, wenn ich Kunden aus Berlin oder Leipzig habe, die ansonsten nicht in meine Apotheke kommen? Einen wirtschaftlichen Vorteil hatte ich nicht.“

Der alte Shop ist mittlerweile vom Netz gegangen. Schon im Juni will Pilz mit einem neuen Konzept an den Start gehen: „Wir wollen ein Angebot für die unmittelbare Region schaffen. Gegen eine Gebühr von 2,40 Euro garantieren wir eine Lieferung innerhalb von zwei Stunden.“

Mit seinen mittlerweile 71 Jahren wäre es vielleicht Zeit, sich auf die Suche nach einem Nachfolger zu begeben. In seiner eigenen Familie würde er da im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr fündig: „Ich gehöre schon einer Generation, die ihren Kindern erlaubt hat, sich selbst zu entfalten“, sagt Pilz. Ein Kind habe einen technischen Beruf ergriffen, ein anderes sei Künstler geworden. „Nur eine Tochter ist Pharmazeutin, aber sie lebt in Karlsruhe, für sie kommt eine Übernahme der Apotheke nicht infrage.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz denkt Pilz noch lange nicht ans Aufhören. Da können auch Hobbys wie das Oldtimer-Fahren oder der Karneval nicht locken. „Ich bin gesundheitlich in Ordnung. Vor allem aber bin ich leidenschaftlicher Apotheker. Warum soll ich nicht noch weiter das tun, was ich am besten kann?“ Zwar mussten allein 2017 in Mönchengladbach sechs Apotheken schließen. „Das betraf sehr viele ältere Kollegen, die kleine, nicht überlebensfähige Betriebe hatten.“

Doch seine Bilanz sei gesund, das Ärztehaus garantiere einen stetigen Nachschub an Rezepten. „Die Burg-Apotheke wird es mit der richtigen Beratung noch lange geben. Und ich bin mir sicher, dass der Apothekerberuf eine große Zukunft hat.“

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