Demografie

Mit 65+ noch in der Apotheke

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Berlin -

Der Fachkräftemangel betrifft auch die Apotheken. Weil Angestellte rar und auch Nachfolger nicht immer leicht zu finden sind, ist die Rente mit 65 für viele Apotheker keine Option. Bis zu 15 Prozent der Inhaber und 6 Prozent der Approbierten sind bereits im Rentenalter. Die Kammern suchen nach flexiblen Lösungen, um ältere Kollegen länger im Berufsleben zu halten.

Der Anteil der aktiven Apotheker im Rentenalter variiert von Bundesland zu Bundesland: In Bayern sind 14,1 Prozent der Inhaber und 4,6 Prozent der Angestellten älter als 65 Jahre, das sind 377 beziehungsweise 418 Kollegen. Insgesamt sind damit 795 Approbierte im Rentenalter noch berufstätig. Das entspricht 6,7 Prozent der rund 11.800 aktiven beziehungsweise 5,6 Prozent aller 14.200 Kammermitglieder. Anders ausgedrückt: Auf drei inaktive Mitglieder kommt ein aktiver Apotheker der Generation 65+.

In Baden-Württemberg, dem mit rund 12.700 Mitgliedern zweitgrößten Kammerbezirk, stehen 640 Apotheker, die bereits älter als 65 Jahre sind, noch mitten im Berufsleben: 300 Leiter und 340 Angestellte. Das bedeutet, dass auch hier 14,2 Prozent aller Inhaber und 3,8 Prozent der Angestellten bereits den Ruhestand genießen könnten.

In Sachsen sind dagegen nur 3,5 Prozent der Apotheker, die regelmäßig hinter dem HV-Tisch stehen, älter als 65 Jahre: 45 Inhaber und 34 Angestellte – das entspricht einem Anteil von 5,8 beziehungsweise 2,3 Prozent. 2917 Mitglieder hat die Kammer insgesamt, darunter 2270 Berufstätige und 647 inaktive Mitglieder. Die Kammer in Dresden weist sogar die Zahl der Rentner aus: 596 Apotheker sind derzeit in Ruhestand. Demnach sind 11,7 Prozent aller 675 Mitglieder über 65 noch berufstätig.

In Niedersachsen wiederum sind sogar 618 der 5378 aktiven Mitglieder älter als 65 Jahre – das entspricht 11,5 Prozent. 317 Inhaber und Angestellte sind zwischen 65 und 69 Jahre alt, 260 zwischen 70 bis 79 Jahre. Immerhin 41 Apotheker sind zwischen 80 und 91 Jahre alt. Der älteste aktive Apotheker in Niedersachsen wird in diesem Jahr 91 Jahre alt, die älteste aktive Apothekerin feiert ihren 90. Geburtstag.

Frank Jaschkowski, Geschäftsführer der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, beobachtet eine Überalterung des Berufsstandes, vor allem bei den Inhabern. Er schätzt, dass heute jeder vierte Apothekenleiter älter als 60 ist, 8 bis 10 Prozent seien älter als 65. Dabei spielten unterschiedliche Gründe eine Rolle: die Freude am Berufsleben oder – mit steigender Tendenz – ein fehlender Nachfolger. Die Gesundheitspolitik sei schwer zu beurteilen, Interessenten seien deshalb auch für große Betriebe rar.

„Wir gehen aber nicht davon aus, dass sich die Zahl deutlich älterer Kollegen, etwa die über 70-Jährigen noch weiter erhöht“, so Jaschkowski. Zu groß sei der Frust, etwa über Rabattverträge und andere bürokratische Herausforderungen. Wer sein finanzielles Auskommen gesichert habe, höre irgendwann auf. Nur in Einzelfällen würden Apothekenleiter bis ins ganz hohe Alter arbeiten, nach oben hin sei die Grenze dabei offen. Anreize, wie sie der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, kürzlich vorgeschlagen hatte, um Arbeitnehmer länger im Berufsleben zu halten, seien auch im Interesse der Kammer, sagt Jaschkowski. Auf diese Weise könnten Nachwuchsprobleme zumindest teilweise kompensiert werden.

Laut Regina Overwiening, Kammerpräsidentin in Westfalen-Lippe, ist die demografische Entwicklung in den Apotheken eine „tickende Zeitbombe“: Zwei Drittel der Apothekenleiter seien heute älter als 50 Jahre; jeder sechste Inhaber ist sogar älter als 65 Jahre. 18 Selbstständige in ihrem Kammerbezirk sind älter als 75, darunter eine 81-jährige Apothekenleiterin und ein 82-jähriger Apothekenleiter.

In Westfalen-Lippe gibt es bereits einen Pool von gut 50 sogenannten „Notfall-Apothekern“, die fast alle im Rentenalter sind und bei akutem Bedarf tage- oder wochenweise einspringen. „Das ist zum einen eine große Entlastung für die Apothekenleiter, zum anderen aber auch eine sehr sinnvolle Beschäftigung für die, die auch im fortgeschrittenen Alter noch nicht ganz vom Thema Apotheke lassen können“, so ein Sprecher der Kammer.

Auch in Bremen arbeiten laut Dr. Isabel Justus, Geschäftsführerin der Kammer, bereits heute viele Inhaber, die ihre Apotheke abgegeben haben, anschließend vertretungsweise weiter. Wer regelmäßig weiter hinter dem HV-Tisch steht, kann den Bezug der Rente bis zur Vollendung des 70. Lebensjahres hinausschieben. Die weiterhin gezahlten Beiträge sowie die nicht in Anspruch genommenen Rentenbeträge werden pro Kalenderjahr in eine Erhöhung des Rentenwertes umgerechnet. Wie stark die Rente steigt, ergibt sich aus der Leistungstabelle. Der entsprechende Antrag muss mindestens drei Monate vor dem planmäßigen Beginn der Altersrente beim Versorgungswerk eingereicht werden.

+++ APOTHEKE ADHOC Umfrage +++

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