„Als müsste man wieder von vorn anfangen“

PTA-Reform: Ansporn oder Enttäuschung?

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Berlin -

Die PTA-Reform sorgt in Apotheken für große Diskussionen: Während einige Teammitglieder das Erreichen des Fortbildungszertifikats als Ansporn sehen, um ohne Beaufsichtigung arbeiten und Rezepte abzeichnen zu können, empfinden andere die neue Regelung als eine regelrechte Degradierung ihres Berufs. Die Stimmen von PTA und Inhaber:innen sind zwiegespalten – APOTHEKE ADHOC hat einige eingefangen.

Vor Inkrafttreten der Reform lag es im Ermessen der Apothekenleiter:innen, wie streng die PTA im Team beaufsichtigt werden müssen, beziehungsweise ob sie selbst Rezepte abzeichnen dürfen. Jetzt ist die Befugnis an ein Fortbildungszertifikat geknüpft. Das bedeutet für viele Apotheken zusätzliche Hürden im Apothekenalltag. In den Augen der Apothekerschaft wurde die Reform nicht bis zu Ende gedacht. Der Ansatz sei gut gemeint, aber vor dem Hintergrund des akuten Personalmangels in vielen Apotheken nur schwer umsetzbar, so die Kritik. Dennoch wollen einige Inhaber:innen den Einsatz belohnen.

Bonus für erreichte Fortbildungspunkte

In der Apotheke am Osttor in Beckum versucht Inhaberin Eva Tingelhoff ihr Team mit einer besonderen Honorierung zu locken. „Ich unterstütze das total“, meint sie. Deshalb gibt es einen Bonus, wenn die Fortbildungspunkte erreicht werden. Dieser wird individuell festgelegt – so seien beispielsweise auch ein neues Handy oder iPad möglich. Tingelhoff findet jedoch, dass durch die Nachwirkungen der Pandemie die Resonanz aktuell noch relativ zurückhaltend ist. „So langsam fängt es jedoch wieder an und die Motivation kommt zurück.“

Aktuell sei es häufig noch schwierig die Zeit „freizuschaufeln“, da doch noch die ein oder andere Krankmeldung in die Apotheke flattert. „Meist werden die Fortbildungen daher in Form von Webinaren besucht.“ Oft würden diese am Abend stattfinden, sodass während der Öffnungszeiten der Apotheke kein Ausfall entsteht. Im Juni hat die Inhaberin jedoch ein größeres Vor-Ort-Symposium mit dem Team geplant – das erste Mal wieder nach Corona. „Das ist aber dann eher die Ausnahme“, so Tingelhoff. Als Hürde für die Präsenzveranstaltungen sieht die Apothekerin vor allem die häufig langen Anfahrtszeiten: „Meistens müssen wir mindestens noch eine Stunde fahren – manchmal sogar länger.“

Kurze kostenpflichtige Fortbildung als Alternative

Apothekerin Tanja Sinzig-Huskamp hat zur PTA-Reform eine konkrete Idee. Die Inhaberin der Schlangen-Apotheke in der Nähe von Wiesbaden würde sich für ihre Mitarbeiter:innen sowie alle anderen PTA eine kurze, knackige Fortbildung wünschen: „Eine abschließende Prüfung nach einer kurzen Fortbildung, in der nochmal alle pharmazeutisch relevanten Themen abgefragt werden, wäre meiner Meinung nach sinnvoll. Das würde Zeit sparen und berufserfahrene PTA könnten dann am besten online das bereits erworbene Wissen überprüfen.“ Die Fortbildung könne ruhig auch etwas kosten, wenn es sein müsse, so Sinzig-Huskamp.

Sinzig-Huskamp würde nach absolvierter Prüfung sogar ein höheres Gehalt zahlen: „Wenn ich könnte, bekämen alle meine PTA bis zu 40 Prozent über Tarif. Denn seien wir mal ehrlich, wer schmeißt denn im Endeffekt den Laden? Meine PTA kennen fast jeden Kunden und jeden Ablauf.“ Im Endeffekt müsse eine PTA aber auch entscheidungsfreudig sein und ohne Aufsicht arbeiten wollen. „Diese Punkte-Sammlerei ist in meinen Augen ziemlich an den Haaren herbeigezogen, hier geht es gar nicht so richtig um Fachliches. Es wäre zudem sinnvoll, wenn PTA Apotheker:innen auch für eine Zeitlang vertreten könnten. Es wäre vielen von uns sehr geholfen, schon allein wegen des Personalmangels.“

Frust statt Motivation: 100 Punkte sind zuviel!

Beim Team der Wald-Apotheke von Christine Bettendorf überwiegt eher die Enttäuschung, berichtet sie. „Natürlich achte ich darauf, dass regelmäßig Fortbildungen wahrgenommen werden. Da wir Inkontinenz, Kompression und auch Altenheimversorgung anbieten, werden meine Mitarbeiter in diesen Bereichen regelmäßig geschult – aber 100 Punkte sind meiner Meinung nach schwer zu erreichen.“ Auch sie fügt die Distanz zu den Schulungsorten als Hürde an – der nächste Fortbildungsort für Kammerfortbildungen ist für ihr Team das rund 30 Kilometer entfernte Passau.

Während der Pandemie habe es zumindest viele interessante Online-Angebote gegeben, die bequem von Zuhause aus wahrgenommen werden konnten. „Vor Corona fanden die meisten Fortbildungen in München oder Nürnberg statt, was für uns allein wegen der weiten Entfernung nie eine Option war“, so Bettendorf. „Gerade auch für PTA, die aus der Elternzeit wiederkommen und bei denen man froh ist, dass man sie wieder hat, wirken diese Pflichtschulungen dann eher abschreckend. Neben der Kinderbetreuung wird nach einem Arbeitstag kaum mehr Zeit sein, um abends Fortbildungen zu besuchen.“

Für Alleinerzeihende schwierig

PTA Sina Marxkope* sieht das Thema ähnlich kritisch: „Die PTA-Reform ist in meinen Augen gerade für alleinerziehende Mütter sehr schwierig. Als Angestellte in der Apotheke bekomme ich gerade so alles unter einen Hut. Ich habe zwei Kinder und pflege zusätzlich meine schwerkranke Mutter. In meiner Freizeit ist es daher unmöglich, noch Fortbildungen zu absolvieren. Wenn ich demnächst als berufserfahrene PTA wieder unter Aufsicht arbeiten muss, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren.“

Es müsste möglich sein, solche Zertifikate während der Arbeitszeit zu erwerben, dann sei Marxkope sehr gern bereit dazu. „In unserer kleinen Apotheke werde ich aber kaum abkömmlich sein, um mich in eine stille Ecke zu setzen, um mich fortzubilden. Ich bin im Grunde dafür, sein Wissen regelmäßig aufzufrischen, aber diese Reform ist in meinen Augen nicht bis zu Ende gedacht.“ Gerade an den Wochenenden sei ihr Tag zeitlich durchstrukturiert, da könne sie nicht noch zusätzlich zu einem Seminar gehen.

Zudem fühlt sich Marxkope auch ein wenig in ihrer Autorität untergraben: „Im Prinzip ist es traurig, nach etwa 17 Jahren Berufserfahrung fühle ich mich degradiert und nicht richtig ernst genommen. Nach all den Jahren selbstständigen Arbeitens meint man fast, man müsse wieder von vorn anfangen.“

* Name von der Redaktion geändert

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