Nebenwirkungen, Studien & Co.

Pädiatrie: Melatonin mit Vorsicht genießen

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Berlin -

Melatonin erfährt seit längerer Zeit einen Hype. Weil viele freiverkäufliche Mittel den Stoff enthalten, gehen auch einige Eltern davon aus, dass die Präparate eine gute Option zur Schlafförderung bei Kindern sind. Doch die Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern sollte nicht ohne einen Arzt/eine Ärztin erfolgen. Dazu kommt, dass das Hormon zu Nebenwirkungen führen kann.

Melatonin ist für viele Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, das Wundermittel schlechthin. Egal ob als Tablette, Spray oder sogar als Weingummi – der Arzneistoff soll beim Ein- und Durchschlafen helfen. Dass es sich dabei um ein Hormon, welches natürlicherweise im Körper von der Zirbeldrüse (Glandula pinealis) ausgeschüttet wird, handelt, wissen dabei die wenigsten. Der Stoff beeinflusst den zirkadianen Rhythmen des Körpers.

Beratungstipp 1: Nur weil ein Produkt rezeptfrei erhältlich ist, heißt das nicht, dass es völlig harmlos ist. Kund:innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass es sich bei Melatonin um ein Hormon handelt und Schlafstörungen bei Kindern oftmals ärztlich begleitet werden sollten.

Studien zeigen, dass Melatonin einigen Patientengruppen durchaus zu einem besseren Schlaf verhelfen kann. Zu Schichtarbeitern und Jetlag liegen Studiendaten vor. Dass Melatonin aber Durchschlafstörungen lindern kann, dieser Effekt beruht eher auf guter PR oder dem klassischen Placebo-Effekt. Auch innerhalb der Pädiatrie können einige Kinder von dem Stoff profitieren. So kann Melatonin bei ADHS oder bestimmten Autismusformen hilfreich sein, um schneller in den Schlaf zu finden. Dann aber handelt es sich um eine ärztlich eingeleitete und begleitete Melatonin-Therapie – nicht um einen Selbstversuch.

Beratungstipp 2: Melatonin scheint vor allem bei zirkardianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen wirksam. Diese betreffen vor allem Menschen mit unregelmäßigem Schlafrhythmus. Die Wirkung für die kurzzeitige Behandlung von Schlafstörungen, die auf eine schlechte Schlafqualität zurückzuführen ist, konnte in Studien nur bei einer kleinen Anzahl von Proband:innen nachgewiesen werden. Zudem zeigte sich erst im höheren Lebensalter eine ausreichende Wirksamkeit. In der EU ist Melatonin in dieser Indikation daher erst für Menschen über 55 Jahren zugelassen. Kinder profitieren laut aktueller Studienlage nicht von Melatonin.

Schlafstörungen haben in den letzen 20 Jahren immer weiter zugenommen. Laut CDC-Bericht (Centers for Disease Control and Prevention) geht die US-amerikanische Behörde des Gesundheitsministeriums davon aus, dass ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in den USA nicht ausreichend Schlaf bekommen. In Europa dürfte die Entwicklung ähnlich sein. Die Gründe für Schlafmangel können dabei vielfältig sein. Die alleinige Einnahme von schlaffördernden Mitteln stellt keine adäquate Therapieform dar. Denn: Für die Dauerbehandlung von Schlafstörungen sind die wenigsten Mittel geeignet.

Beratungstipp 3: Egal ob Erwachsene oder Kinder – Schlafstörungen haben ihre Ursache oft in den Lebensgewohnheiten. Gerade Kinder profitieren davon, wenn sie täglich zu einer ähnlichen Uhrzeit ins Bett gehen und eine gewisse Struktur erfahren. Eltern könnten Abendrituale ausarbeiten. Wichtig beim Versuch des Aufbaus einer Abend- beziehungsweise Schlafroutine: Handy, Computer und TV sind in der letzten Stunde des Abends tabu – das sollte übrigens für alle im Haushalt lebenden Personen gelten.

Im Allgemeinen wird Melatonin, wenn es kurzzeitig eingenommen wird, gut vertragen. Dennoch: Einige Menschen erfahren auch Nebenwirkungen, insbesondere dann, wenn Melatonin zu hoch dosiert wird. Dann können sich Kopfschmerzen, Schwindel und anhaltende Tagesmüdigkeit zeigen. Der CDC-Bericht geht auch auf die zahlreichen Überdosierungen ein. Oftmals überschreiten die Anwender:innen die empfohlene Maximaldosis von 5 mg. Noch ist die Studienlage zur Dauereinnahme von Melatonin dünn. Noch weniger Erkenntnisse liegen zur Einnahme im Kindes- und Jugendalter vor. Auf den meisten Umverpackungen der Drogerie-Produkte finden sich keine eindeutigen Hinweise darauf, dass die Präparate erst ab 18 Jahren eingenommen werden sollten. Diese Hinweise finden sich erst in der Gebrauchsanweisung. In der Apotheke sollte auf die Altersbeschränkung auf jeden Fall hingewisen werden. Expert:innen fordern auch weitere Studien, die sich mit dem Effekt von Melatonin als Hormon in der Pubertät beschäftigen.

Beratungstipp 4: Leidet ein Kind an Schlafstörungen, sollte primär die Schlafhygiene verbessert werden. Schlafmittel sollten die Notlösung sein. Bereits ab 6 Monaten zugelassen sind einige Vertreter der Antihistaminika der 1. Generation. Hier kann Doxylamin eine Option sein. Doch auch dieser Wirkstoff ist nicht unproblematisch. Es kann bei kleinen Kindern zu einer paradoxen Erregung kommen. Es können auch Krämpfe, Arrythmien oder Atemproblemen kommen.

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