Apothekendichte

Klemm: PTA-Vertretung ist „Sicherstellung der Versorgung“

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Berlin -

„Wir haben ein neues Jahr, aber die alten Probleme sind geblieben“, erklärte Anne-Katrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbandes. Bereits im vergangenen Jahr hätten die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und Pflegeversicherung (SPV) politisch keine Priorität genossen, sondern seien hinter andere Probleme zurückgefallen – eine Gefahr, die Klemm auch für 2026 sieht. Man habe bereits im Dezember bangen müssen, ob wenigstens das „kleine Sparpaket“ verabschiedet werde; klar sei jedoch, dass dieses Paket bei Weitem nicht ausreicht. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag von 2,9 Prozent wäre trotz des Sparpakets nicht haltbar gewesen. Mehr Geld für Apotheken brauche es jetzt nicht, sondern erst einmal eine Bestandsanalyse.

„Schließungswelle“ sei ein starkes Wort, so Klemm. Bevor pauschal von Versorgungsengpässen die Rede sei, müsse die Situation erst transparent analysiert werden. Klemm fordert Daten darüber, wo Versorgungsbedarfe bestehen und wie diese sichergestellt werden. Die pauschale Aussage, dass man wegen der Schließungen demnächst keine Versorgung mehr habe, sei ihr „zu pauschal“.

Sie wolle das zwar nicht, aber „man sieht in anderen Ländern, die überwiegend Online-Apotheken haben, dass die Bevölkerung trotzdem nicht früher stirbt und trotzdem gut versorgt ist“, so Klemm. Man müsse genau schauen, wo man eine Apotheke vor Ort brauche und wie man sie ausgestalte. In der Apothekenreform gebe es bereits Vorschläge dazu. Wenn eine entsprechend geschulte PTA eine Apotheke führe, gestützt durch einen Apotheker im Hintergrund, „wäre das aus meiner Sicht auch keine Apotheke Light, sondern eine Sicherstellung der Versorgung“.

Zudem kritisierte sie, dass die Mittel aus dem Topf für pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) nicht abgerufen würden. Klemm fordert deren Auflösung; stattdessen solle man mit Apotheken, die in Prävention oder Impfen stärker reingehen, Direktverträge schließen. Viele Apotheker würden sich als Heilberufler verstehen und nicht als jemand, der nur „eine Packung über den Tisch gibt“.

Handlungsdruck im Gesundheitswesen

Eine aktuelle Forsa-Umfrage unterstreiche den Handlungsdruck im Gesundheitssystem: 82 Prozent der Befragten trauen der aktuellen Regierung nicht zu, das Ruder gesundheitspolitisch noch herumzureißen. Die Bürger nähmen vor allem das politische „Gezanke“ wahr, während die Beitragssätze zu Jahresbeginn teils auf über 3 Prozent gestiegen seien. Für Klemm ist dies ein Weckruf: Ohne strukturelle Reformen lasse sich die wachsende Ausgabendynamik nicht bremsen. „Wir können nicht ewig warten“, warnte sie.

Da die Finanzkommission ihre Ergebnisse erst zum 31. März vorlegen wird, drohe eine Umsetzung erst im Sommer oder Herbst – für das Jahr 2027 käme dies viel zu spät. „Ein Stillstand, bis die Landtagswahlen vorbei sind, ist aus meiner Sicht keine Option, das wird weiter zu Frust und zu Unsicherheit in der Bevölkerung führen“, so Klemm. Sie warnte auch davor, dass sich extreme Parteien wie die AfD des Themas Gesundheit mehr und mehr annehmen würden.

Mit Gesundheit könne man keine Wahlen gewinnen, aber viele verlieren. Die Versicherten hätten erkannt, dass das alte Mantra „Wir schütten einfach Geld ins System und dann funktioniert das“ nicht mehr ziehe. Inzwischen geben 94 Prozent der Befragten an, dass ein alleiniges Anheben der Zusatzbeiträge das System nicht verbessere. Fast 50 Prozent fordern, dass nur so viel ausgegeben werden darf, wie eingenommen wird. Gleichzeitig sprechen sich jedoch nur 13 Prozent für Leistungskürzungen aus.

Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben

Besorgniserregend sei laut Klemm die Schere zwischen Einnahmen (+5 Prozent) und Ausgaben (+8 Prozent). Die stationäre Versorgung bilde mit fast 10 Prozent den größten Posten. Ein massives Problem stelle zudem das Pflegebudget dar, das für über 13 Prozent der Ausgabendynamik im stationären Sektor verantwortlich und für die Kassen kaum planbar sei. Man habe inzwischen ein gutes und angemessenes Lohnniveau bei den Pflegekräften erreicht, Klemm forderte, auch hier Fehlanreize konsequent anzugehen.

Da die Kassenreserven vielerorts unter die gesetzlichen Mindestgrenzen gefallen seien, drohten bei ausbleibenden Reformen weitere Beitragssteigerungen. „Wir leisten uns bislang nur, an den bestehenden Strukturen rumzufrickeln und nicht wirklich an die Inhalte zu gehen“, kritisierte Klemm.

„Wir brauchen ein Zielbild“

Es brauche kurzfristige Maßnahmen zur Finanzstabilisierung, aber auch Planungen für die mittel- und langfristige Sicherung des Systems. „Wir brauchen ein Zielbild: Es kann nicht sein, weiter im Reparaturbetrieb wie gehabt zu verharren“, so Klemm. Dieses Zielbild müsse eher auf Gesunderhaltung und Prävention ausgerichtet sein. Bedarfe müssten nach Dringlichkeit gesteuert werden. Prävention müsse bereits in Kitas und Schulen beginnen und im Interesse der Wirtschaft liegen, um Fachkräfte gesund im Arbeitsleben zu halten. Ein zentraler Baustein sei das Primärversorgungssystem, für das sich laut Umfrage 67 Prozent der Versicherten aussprechen. Ebenso viele befürworten eine digitale Ersteinschätzung.

„Bedarf muss nicht immer ärztliche Zeit bedeuten“

„Die digitale Ersteinschätzung gehört an den Tresen“, so Klemm. Das Ergebnis müsse nicht zwingend „ärztliche Zeit“ lauten; oft könnten Apotheken, Präventionsangebote oder andere Gesundheitsberufe den Bedarf decken. Bestehe jedoch medizinischer Behandlungsbedarf, müsse ein verbindlicher Versorgungspfad inklusive Termingarantie aufgezeigt werden – gesteuert nach Dringlichkeit, nicht allein nach Wunsch. Diese Tools müssten zwingend in die elektronische Patientenakte (ePA) integriert werden.

„Wir glauben nicht, dass es ein Callcenter geben soll“, erklärte Klemm. Qualifizierte Kräfte – etwa in Apotheken, online oder telefonisch – könnten eine Ersteinschätzung abgeben: „Da, wo der Bedarf adressiert wird.“

Pflegeversicherung

Auch im Hinblick auf die Pflegeversicherung mache sich die Bevölkerung Sorgen: Über 60 Prozent der Menschen fürchten, die Pflege finanziell nicht stemmen zu können. Klemm forderte eine bessere Verzahnung zwischen GKV und Pflegeversicherung sowie die Entlastung von versicherungsfremden Leistungen. Da 85 Prozent der Pflege im häuslichen Umfeld stattfinde, müsse der Fokus stärker auf der ambulanten Versorgung und der Prävention liegen, um Pflegefälle zu vermeiden.

Allein im letzten Jahr gab es 900.000 Menschen in Pflegegrad 1, für dieses Jahr rechne man mit einer Million. Klemm warnte davor, Löcher nur mit Darlehen zu stopfen, da dies das Problem lediglich verschiebe. Sie befürchtet bereits für den Sommer Liquiditätsprobleme bei einigen Pflegekassen. Man müsse auch an die Bedingungen für Pflegegrad 1 ran und prüfen, ob Versicherte mit entsprechendem Vermögen höhere Eigenbeteiligungen leisten könnten.

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