Arbeitshilfe für Kommunen

Gesundheitskiosk: „Apotheken können das nicht leisten“

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Berlin -

Was sind eigentlich Gesundheitskioske, braucht jeder Ort einen und was haben sie eigentlich mit Apotheken zu tun? Diese Fragen beantworten Heike Köckler und Helmut Hildebrandt vor dem Hintergrund ihrer Buchveröffentlichung „Gesundheitskiosk. Konzepte, Erfahrungen und Perspektiven.“

Als Professorin für angewandte Wissenschaften will Köckler insbesondere einen Praxisbeitrag liefern. „Bei der Idee zum Buch war mir ganz schnell klar: Das setze ich gerne mit einem Gesundheitsökonomen und Politikwissenschaftler, Michael Wessels, einer Kollegin aus der Pflege, Anne Roll, und jemandem, der das ganze Thema mit aufgebaut hat, um“. Letzterer ist Helmut Hildebrandt, Apotheker und Vorstand von OptiMedis, einem Unternehmen für Management, Forschung und Analytik.

Finanziell gefördert durch die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, entstand 2017 in Kooperation von OptiMedis, der AOK Rheinland/Hamburg, dem Ärztenetz Billstedt-Horn sowie mit der Unterstützung des Virchowbunds und der umliegenden sozialen Einrichtungen aus den Hamburger Ortsteilen Billstedt und Horn der erste Gesundheitskiosk. Er ist zudem ein Bestandteil des Projekts INVEST Billstedt/Horn und erfuhr so eine Förderung durch den Innovationsausschuss des G-BA.

Was sind Gesundheitskioske?

„In Billstedt/Horn gibt es eine riesige Sprachenvielfalt. Vor allem osteuropäische Sprachen, aber auch Türkisch oder Arabisch. Das Interessante ist, dass sie alle das Wort ‚Kiosk‘ kennen.“ So entstand das Wort Gesundheitskiosk, das sich schließlich durch Medien und Politik verfestigte. „Der Gedanke war, eine sichtbare Außenstelle einer Vernetzung in einer Region zu schaffen. Das Konzept ist, dass es eine Anlaufposition gibt für diese Verknüpfung der Stellen, die schon existieren“, so Hildebrandt.

Anders als Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der Gesundheitskioske als Zweitstruktur etablieren möchte, sieht Hildebrandt in ihnen nur „sektorenübergreifende Lückenfüller“. „Sie unterstützen diejenigen, die aufgrund sprachlicher oder kultureller Barrieren nicht die richtigen Zugänge zu den Präventions- und Versorgungsmöglichkeiten finden. Und durch die Knappheit der eigenen Ausstattung müssen sie zwangsläufig die Vernetzung zu allen schon vorhandenen Einrichtungen aufbauen, weil sie sonst die Anliegen der Bürger gar nicht erfüllen könnten“.

Köckler ergänzt: „Das Konzept Gesundheitskiosk muss immer wieder den Vorwurf aushalten, eine Doppelstruktur aufzubauen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um eine Erweiterung.“ Sie unterstreicht: „Die bestehende Struktur funktioniert nicht. Sie erreicht viele Menschen, die sie brauchen, nicht. Deshalb braucht es Mut zur Systeminnovation. Die brauchen wir!“

Köckler zufolge sind die Niedrigschwelligkeit und der nicht allzu verwaltungstechnische Ansatz entscheidend. „Menschen gehen dorthin, weil sie eine Frage haben, oder weil jemand im System sie auf den Gesundheitskiosk aufmerksam gemacht hat und darauf, dass man dort Hilfe bekommt“. Hilfreiche Strukturen gäbe es zwar, diese seien laut Köckler aber nicht für alle Menschen greifbar. „Menschen haben nicht immer die Gesundheitskompetenz diese Angebote zu nutzen. Das kann jeden betreffen.“

Braucht jede Stadt einen?

„Es braucht nicht in jedem Ort einen Gesundheitskiosk“, betont Hildebrandt. „Die Frage, die gestellt werden muss, ist: Gibt es dort, in dieser Region, einen Bedarf für eine solche Unterstützungseinheit?“

Für diejenigen Kommunen, die bei sich den Bedarf für eine solche Einrichtung sehen, ist das Buch gedacht. „Es soll eine Arbeitshilfe sein“, erklärt Köckler. „Es sollen Fragen geklärt werden wie ‚Machen wir das?‘, ‚Wie machen wir das?‘ und ‚Woran müssen wir denken?‘“ Dazu bekomme sie häufig Anfragen: „‚Was ist das?‘ oder ‚Sollen wir da mitmachen?‘ oder ‚Was habe ich darunter zu verstehen?‘“ Die Multiperspektivität der vier Autorinnen und Autoren habe es in jedem Fall für das Werk gebraucht. Die Idee sei, die Debatte des Gesundheitskiosks in unterschiedliche Kapitel aufzuteilen, aber auch Erklärungen der Grundlagen zu liefern. „Einige Leserinnen und Leser werden vielleicht sagen ‚Das kennen wir schon‘ – nur: Es kennt eben nicht jeder.“

Apotheken und Gesundheitskioske?

„Der Grundgedanke ist, dass in den bereits bestehenden Infrastrukturen – Apotheken, Arztpraxen, ambulante Pflegedienste, Physiotherapiepraxen – jeweils Ansprechpartner für die Außenstelle, den Kiosk, existieren. Diese leisten eine so genannte Erstkommunikation oder Erstunterstützung“, erläutert Hildebrandt.

„In der Diskussion um die Kioske wurde bereits geäußert, dass die Aufgaben auch einfach die Apotheken übernehmen könnten, da sie niedrigschwellig ist“, so Hildebrandt, der zwar selbst Apotheker ist, aber sich inzwischen eher als Systemdesigner versteht. „Natürlich sieht man in der öffentlichen Apotheke die Hintergründe der Leute und oftmals gibt es Problemstellungen jenseits der Pharmazie, an denen man ansetzen müsste. Das ist im Apothekenalltag aber nur in sehr engen Grenzen, beispielsweise in einer Erstkommunikation, möglich.“

Deshalb ist Hildebrandt der Auffassung, dass die Apotheken als Bindeglieder zu einem Gesundheitskiosk ganz wichtig sind, eine zusätzliche Instanz aber gebraucht werde, die für eine ganze Region und all ihre sozialen und medizinischen Kontaktpunkte als Vernetzungsstelle fungiert.

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