Düstere Zukunft: Apotheken im Schwitzkasten | APOTHEKE ADHOC
Kommentar

Düstere Zukunft: Apotheken im Schwitzkasten

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Berlin -

Rx-Boni-Urteil, Honorargutachten und herbe Einschnitte für Zyto-Apotheken – für die Apotheken kam es in den letzten Monaten knüppeldick. Kein Wunder, dass angesichts der Abfolge solcher Hiobsbotschaften Apotheker die Lust an ihrem Beruf verlieren. Die Beschleunigung des Rückgangs der Apothekenzahlen aber alleine darauf zurückzuführen, wäre zu kurz gesprungen. Es gibt viele Faktoren, die Apotheker zur Aufgabe zwingen, kommentiert Lothar Klein.

Das vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in Auftrag gegebene Honorargutachten kommt sogar zu einer noch düsteren Zukunftsprognose, als es die Zahlen der Apothekenstatistik nahelegen: Die Gutachter halten 7600 Apotheken für „wirtschaftlich gefährdet“. Danach erzielen etwa 47 Prozent aller Apotheken kein angemessenes Betriebsergebnis, das eine Zukunftsperspektive bietet. Als Folge sinkt auch die Chance, die eigene Apotheke in absehbarer Zeit an einen Nachfolger zu übergeben.

Damit sind bereits zwei wesentliche Gründe für den beschleunigten Rückgang der Apothekenzahlen genannt. Die Wettbewerbslage hat sich verschärft, in den Städten vor allem und auch in den Randlagen. Die Konkurrenz des Versandhandels beschleunigt diesen Prozess. Wo vor einiger Zeit Apotheken gerade noch so ihr Auskommen fanden, wird es jetzt eng. Der Preiskampf bei OTC-Produkten zwischen Vor-Ort-Apotheken und dem Versandhandel schmälert die Überlebensbasis immer weiter. Knapp 3000 Apotheken wirtschaften bereits am Rande des Abgrunds.

Der harte wirtschaftliche Konkurrenzkampf trifft zeitgleich auf die demografische Welle. In den nächsten Jahren kommen immer mehr Apotheker ins „Rentenalter“. Die einstige Hoffnung, durch den Verkauf der Apotheken den Ruhestand finanziell abzusichern, lässt sich in vielen Fällen nicht mehr realisieren. Nur Apotheken über zwei Millionen Euro Umsatz finden noch problemlos einen Nachfolger. Selbst die Fortführung kleiner Apotheken als Filiale lohnt sich in vielen Fällen nicht mehr.

Die Apotheken befinden sich im Schwitzkasten aus Wettbewerb und Demografie des eigenen Berufsstandes. Es kann daher keine Überraschung sein, dass sich der Rückgang der Apothekenzahl aktuell beschleunigt – mit vermutlich zunehmendem Tempo in den nächsten Jahren.

Was ist zu tun? Den Kopf in den Sand zu stecken und zu aktuellen Entwicklungen und den Veränderungen im politischen Umfeld zu schweigen, ist jedenfalls keine Erfolg versprechende Strategie. Man mag wie ABDA-Präsident Friedemann Schmidt kürzlich auf der Pharmacon in Schladming die Aussagen des Honorargutachtens verdammen, ignorieren und jede Diskussion darüber verweigern. Helfen wird das nicht.

Die nächste Bundesregierung wird sich so oder so mit der Zukunft der flächendeckenden medizinischen Versorgung beschäftigen. Im Zuge der anstehenden Diskussion wird dabei auch das Honorargutachten eine Rolle spielen – ob die ABDA das will oder nicht. Wer bei der Zukunftsgestaltung nicht mitmischt, hat das Nachsehen.

Ein Blick über den Tellerrand könnte weiterhelfen: Die Ärzte gehen in Baden-Württemberg und demnächst auch bundesweit mit telemedizinischen Modellprojekten voran. Sie versuchen, die eigene Zukunft unter veränderten technischen Rahmenbedingungen in die Hand zu nehmen bevor es andere tun. Im Saarland und in Baden-Württemberg hängen aufgrund regionaler Initiativen seit Kurzem digitale Rezeptsammelstellen. Auch das ist immerhin ein Ansatz. Regionale Alleingänge werden nicht ausreichen. Das Perspektivpapier Apotheke 2030 verstaubt derweil in den Schubladen.

Offensiver muss die ABDA auch mit der neue politischen Landschaft umgehen. Mit der sich abzeichnenden nächsten großen Koalition dürfte die Lage für die Standesvertretung nicht leichter werden. Falls die SPD tatsächlich den nächsten Gesundheitsminister stellt, muss sich die ABDA politisch neu orientieren. Es könnte sich noch rächen, eine Einladung zum Gespräch von SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ausgeschlagen zu haben.

Sich allein auf den noch geschäftsführenden Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und sein Wort für ein Rx-Versandverbot zu verlassen, führt nicht zum Erfolg. Wo ist Friedemann Schmidt geblieben? Der ABDA-Präsident sollte nicht weiter zuwarten und falschen Hoffnungen nachlaufen. Die Apotheker benötigen eigene Initiativen, sonst werden sie vom Lauf der Dinge weiter überrollt.

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