Bundestagswahl

Schulz: Respekt vor Großunternehmen

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Berlin -

Bei der SPD ist es guter Brauch, dass ihre Kanzlerkandidaten im Vorfeld der anstehenden Bundestagswahl mit Büchern zu beeindrucken versuchen. Das haben schon Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, Frank Walter Steinmeier und Peer Steinbrück so gehalten. Jetzt ist Martin Schulz an der Reihe: Sein Buch „Was mir wichtig ist“ wird in der kommenden Woche vorgestellt. Es menschelt darin und irgendwie wird auch politisiert – die Welt eben, wie sie der Mann aus Würselen sieht. Natürlich zeigt Schulz darin sein Herz für die kleinen Leute, aber auch vor der Leistung von Großunternehmern hat er „Respekt“.

Im Wahlkampf sollen auch die menschlichen Seiten der Kandidaten nicht zu kurz kommen. Schließlich entscheiden Emotionen am 24. September mit über das Kreuz in der Kabine. Zuletzt präsentierte sich Schulz im Berliner Maxim Gorki Theater auf Einladung des Frauenmagazins Brigitte – die knappe Mehrheit der gut 61 Millionen Wahlberechtigten sind Frauen.

Erst sprach Schulz über seine Ehe, sein Familienleben und natürlich auch über die wohl größte persönliche Krise in seinem bisherigem Leben – sein früheres Alkoholproblem. Fragen dazu nervten ihn nicht, beteuerte er: „Das ist ein Teil meines Lebens.“ Mit seinem Bekenntnis könne er als öffentliche Persönlichkeit „anderen Menschen Mut machen“. Schulz berichtete, dass er stolz darauf sei, die Sucht aus eigener Kraft in den Griff bekommen habe. „Der Alkohol hätte mich wohl getötet.“ Der Kampf dagegen habe sein Leben nachhaltig verändert.

In seinem Buch versucht Schulz nun seine anderen Lebenserfahrungen in politische Lektionen zu übersetzen – nach dem Motto: „Alles Private ist auch politisch“. „Ich habe meine unternehmerische Erfahrung als kleiner Unternehmer gemacht“, erzählte Schulz vorab in einem Interview mit dem Rundfunksender Radioeins. Daher wisse er auch, wie viele Sorgen und Nöte richtig große Firmen hätten, die mit 500.000 Euro und mehr Startkapital ausgestattet seien.

„Das nötigt mir Respekt ab“, so Schulz. Die „Big-Shots“ bräuchten einen starken EU-Binnenmarkt. Als „erfahrener EU-Politiker weiß ich genau, was ich dafür tun muss.“ Das sind ganz andere Töne als noch von Ex-SPD-Chef Franz Müntefering. Der hatte einst vor kapitalistischen „Heuschrecken“ gewarnt.

Im Buch geht Schulz ins persönliche Detail und schildert seinen unternehmerischen Werdegang: 1982 habe er mit Unterstützung von Bekannten und Freunden seinen kleinen Buchladen eröffnet. Der eigene Laden sei „eine der besten Entscheidungen meines Lebens“ gewesen. Zuvor habe er im Marketing gearbeitet. Das sei nichts für ihn gewesen.

Im Haus der Eltern eines Freundes habe er seinen Buchladen eröffnet. „Das barg aber enormes Risiko“, schreibt Schulz, weil er kein „signifikantes Kapital“ mitbringen konnte. Freunde und Familien hätte ihm mit einer Bürgschaft eine Bankkredit über 40.000 D-Markt verschafft. Weitere 40.000 D-Mark habe er aus dem Marshall-Plan der US-Regierung für den Wiederaufbau der Bundesrepublik erhalten. Daher kenne er sich mit den Probleme von Start-up aus, so die Botschaft von Schulz. 80.000 D-Mark Schulden habe er als „enorme Last“ empfunden und „schlaflose Nächte“ gehabt.

Zudem outet sich Schulz als Fan der Digitalisierung: „Wir sind mitten drin, es gibt kein Zurück, Verweigerung ist keine Taktik, Abschotten hilft nicht“, lauten die Schlagworte des SPD-Kanzlerkandidaten: „Warum sollte man sich verweigern?“ Der Fortschritt habe enorme Vorteile gebracht. Überall könne man Informationen via Smartphone abrufen. Technologie und Telemedizin retteten Menschenleben. „Mama und Papa“ könnten dank flexibler Arbeitszeiten von zu Hause arbeiten.

Und Diktatoren mache die Informationstechnik das Leben komplizierter. Das habe der arabische Frühling gezeigt, auch wenn dieser am Ende nicht erfolgreich gewesen sei. Der Spruch „Wissen ist Macht“ müsse heute angesichts der Datenflut erweitert werden, so Schulz: „Wissen über Menschen ist Macht über Menschen.“ Da will der SPD-Chef sein Auge drauf haben.

Vorgestellt wird das Buch von Schulz am 18. Juni im Berliner Ensemble. Anders als bei vielen politischen Buchvorstellungen sonst üblich, hat der Rowohlt Verlag keinen prominenten Laudator eingeladen. Das garantiert häufig mehr Aufmerksamkeit als das Buch selbst.

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