„Apothekenkunden wandern nicht dorthin“

Apothekengutachten: Experte kontert Kassen

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Berlin -

Mit zwei Gutachten zur Erreichbarkeit von Apotheken gehen die Krankenkassen in die Anhörung zum Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG). Dr. Christian Knobloch, Leiter Data & Analytics bei der RST Steuerberatungsgesellschaft, hält dagegen.

Neben dem GKV-Spitzenverband, der das Iges-Institut mit einer Analyse beauftragt hat, kommt auch die Barmer zu der Einschätzung, dass es deutschlandweit so gut wie keine Probleme bei der Erreichbarkeit von Apotheken gibt: Laut Studie des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) können 96 Prozent der Bevölkerung eine Apotheke innerhalb von sechs Kilometern erreichen.

Knobloch hat gerade selbst erst eine ähnliche geodatenbasierte Analyse durchgeführt. Er und sein Team kommen bei derselben Distanz auf nur rund 94 Prozent. „Das klingt nach einer kleinen Differenz, betrifft aber knapp 1,6 Millionen Menschen“, sagt er.

Der Grund liegt seiner Recherche nach in der Methodik: Die Barmer berechnet die Erreichbarkeit auf Basis des Fußwegenetzes. „Unsere Studie basiert hingegen auf der tatsächlichen Straßenentfernung. Das Fußwegenetz umfasst Feld- und Waldwege sowie Abkürzungen, die mit dem Auto nicht nutzbar sind.“

Gerade in ländlichen Gebieten, wo das Straßennetz weniger dicht sei, decken nach seinen Angaben sechs Kilometer zu Fuß ein erheblich größeres Einzugsgebiet ab als sechs Kilometer auf der Straße, weil Autofahrer dort oft große Umwege fahren müssten. Exemplarisch zeigt er diesen Effekt für einen Standort in der Nähe von Karlsruhe: Die roten Punkte markieren die umliegenden Apothekenstandorte, die hellblaue Fläche zeigt die Erreichbarkeit zu Fuß, die violette die Erreichbarkeit mit dem Auto. „Der Unterschied ist erheblich.“

Die Barmer-Methodik sei mathematisch nicht falsch, so Knobloch. „Aber sie bildet eine Erreichbarkeit ab, die in der Praxis kaum stattfindet. Denn wer läuft sechs Kilometer zu Fuß zur Apotheke?“ In ländlichen Regionen sei das Auto das primäre Fortbewegungsmittel. „Eine Analyse auf Basis des Fußwegenetzes zeichnet daher ein zu optimistisches Bild und unterschätzt die Zahl der unterversorgten Bevölkerung. Denn Apothekenkunden fahren zur Apotheke – sie wandern nicht dorthin.“

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