Infektionskrankheiten

AOK-Chef: Masern-Impfung ohne Wenn und Aber

, , Uhr aktualisiert am 24.02.2015 15:17 Uhr
Berlin -

Der Chef des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, hat an Eltern appelliert, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen. „Wenn es um das Leben von Kindern geht, die noch nicht allein entscheiden können, sollten wir auch einmal aufhören zu diskutieren und uns an das halten, was uns Medizin und Wissenschaft lehren“, sagte Graalmann der Rheinischen Post. Eine Krankheit, die schwerwiegende Schäden zufügen und als Spätfolge im Erwachsenenalter eine Hirnhautentzündung verursachen könne, dürfe nicht bagatellisiert werden.

In Berlin grassiert zurzeit die schlimmste Masern-Welle seit Einführung der Meldepflicht. Am Montag war bekannt geworden, dass ein an Masern erkrankter anderthalbjähriger Junge gestorben ist. Die Erkrankungen lösten eine Debatte über eine Wiedereinführung der Impfpflicht aus.

Die Bundesregierung setzt trotz des Massenausbruchs vorerst auf Beratung. Die Impflücke müsse durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Kitas, Schulen und allen anderen Verantwortlichen geschlossen werden, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Wenn das nicht gelingt, ist eine Impfpflicht kein Tabu, aber sie steht jetzt nicht an.“

Gröhe kritisierte zudem die „irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner“. Wer seinem Kind den Impfschutz verweigere, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere, sagte der Minister der „Welt am Sonntag“.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, ist für eine Impfpflicht: „Spätestens der tragische Todesfall in Berlin sollte Anlass sein, jetzt zu einer Impfpflicht gegen Masern zu kommen.“ Die eigenen Kinder nicht gegen Masern impfen zu lassen, sei verantwortungslos, sagte er den „Ruhr Nachrichten“.

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, hat sich ebenfalls für eine Impfpflicht ausgesprochen. Gerade für Kinder könne die Krankheit tödlich sein, sagte Jonitz im RBB. Eine Impfung habe praktisch keine Risiken oder Nebenwirkungen. Die Krankenkassen müssten die Kosten der Impfung auch für vor 1970 Geborene übernehmen, forderte Jonitz. Bisher geschieht das nur für nach 1970 Geborene.

Die Bundesregierung plant ein Präventionsgesetz, wonach Eltern künftig vor einer Kita-Aufnahme ihrer Kinder eine ärztliche Impfberatung nachweisen müssen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagte, wenn die Impfbereitschaft nicht steige, „muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein“.

Grüne und Linke protestierten: „Ein Zwang zur Impfung geht zu weit“, sagte Katja Dörner, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. „Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern durch umfassende, unabhängige Beratung“, sagte sie der „Welt“. Auch der Gesundheitsexperte der Linksfraktion, Harald Weinberg, sprach sich gegen einen Impfzwang aus. Das Selbstbestimmungsrecht der Eltern müsse weiter gelten, sagte Weinberg der „Saarbrücker Zeitung“.

Kinderärzte halten eine Impfpflicht für unrealistisch. „Eine generelle Impfpflicht wird sich wegen der Widerstände in der Bevölkerung nicht durchsetzen lassen“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann, der „Welt“. Allerdings sollten alle Kinder beim Start in eine überwiegend staatlich finanzierte Kita oder Schule einen Impfnachweis vorweisen müssen.

Das in Berlin gestorbene Kleinkind war nicht gegen die Viruserkrankung geimpft. Es sei am 18. Februar in einem Krankenhaus gestorben, sagte Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Die Charité teilte am Abend jedoch mit, die Todesursache sei noch nicht abschließend untersucht. In der Klinik war der Junge behandelt worden.

Masern schwächen das Immunsystem und können bei Komplikationen zu schweren Infektionen wie Lungen- und Gehirnentzündungen führen. Laut Statistik sterben zwei von 1000 Patienten an den Folgen einer Masern-Infektion.

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