Tabakentwöhnung

Doppelte Erfolgschance mit Nikotinersatz

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Berlin -

Mit einer konsequent durchgeführten Nikotinersatztherapie kann die Erfolgschance auf Rauchfreiheit verdoppelt werden. Das geht aus der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Suchttherapie (DG-Sucht) zur Behandlung der Tabakabhängigkeit hervor. Demnach sollten Aufhörversuche mit individuell abgestimmter Medikation über drei Monate durchgeführt werden, empfehlen die Verfasser. 

In Deutschland geht fast jeder vierte Todesfall bei Männern und jeder 20. bei Frauen auf Tabakkonsum zurück. Ursache dafür ist nicht das Nikotin, sondern sind die kanzerogenen und teratogenen Stoffe, die bei der Verbrennung des Tabaks entstehen. Die damit verbundenen Kosten für das Gesundheitssystem werden auf knapp 50 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Viele Raucher unternehmen zwar regelmäßig Aufhörversuche, erleiden aber Rückfälle.

Dass Medikamente die Entwöhnung vom Glimmstängel wirksam unterstützen, zeigt eine große Zahl klinischer Studien. In der 2015 aktualisierten S-3 Leitlinie der DG-Sucht wird für den Rauchstopp von körperlich abhängigen Patienten deshalb grundsätzlich eine medikamentöse Behandlung empfohlen.

Seit den 1980er Jahren sind Nikotin-Präparate in klinischen Studien mit insgesamt mehr als 15.000 Patienten getestet worden. Das einheitliche Ergebnis über alle Untersuchungen hinweg: Mit einer über drei Monate durchgeführten Nikotinersatztherapie blieben nach zwölf Monaten 20 bis 25 Prozent der Raucher ohne Rückfall. Mit einer Placebo-Therapie lag die Abstinenzrate nur bei knapp 10 Prozent.

Der Großteil der klinischen Studien wurde mit Nikotinkaugummis und Nikotinpflastern durchgeführt. Aber auch neue Darreichungsformen wie Lutschtabletten und Nikotinsprays zeigen konsistente Ergebnisse. Auch Präparate mit Nikotin-ähnlichen Substanzen wie Champix (Vareniclin, Pfizer) und Zyban (Bupropion, GlaxoSmithKline) sind nach Angaben der Leitlinie wirksam. Allerdings empfehlen die Experten die verschreibungspflichtigen Produkte lediglich als Second-line-Therapie. Das Antidepressivum Bupropion war 2014 wegen eines potenziellen Risikos für Panzytopenie in die Kritik geraten.

Experten gehen davon aus, dass die physischen Begleiterscheinungen der Abhängigkeit durch therapeutisches Nikotin am Besten in den Griff zu bekommen sind. Der Gedanke: Wenn der körperliche Entzug durch die Gabe des Alkaloids zunächst ausbleibt, kann der Raucher sich besser und effektiver mit der psychischen Folgen der Abhängigkeit beschäftigen. Diese sind meist die größte Hürde beim Rauchstopp: Wer über viele Jahre hinweg Gewohnheiten wie die Zigarette nach dem Essen antrainiert hat, benötigt ausreichend Zeit, um dies zu verändern. Für diese Zeit sollte die zusätzliche Belastung der körperlichen Entzugserscheinungen ausgeschlossen werden, so die Rationale.

Mindestens drei Monate benötigt das Gehirn, um sich entsprechend anzupassen. Aus diesem Grund wird auch eine Medikation über diesen Zeitraum empfohlen. Das Grundprinzip der medikamentösen Therapie ist dabei eine absteigende Dosierung: Nach sechs Wochen auf der festgelegten Anfangsdosis soll die Nikotinzufuhr im Abstand von zwei Wochen kontinuierlich reduziert werden. Die Reduktion ist wichtig, um eine Übertragung der Sucht von der Zigarette auf die Medikation zu verhindern und den Patienten nicht in das Gefühl einer neuen Abhängigkeit zu bringen.

Die Anfangsdosis richtet sich dabei nach dem Rauchverhalten des Patienten. Zu Beginn der Therapie sollte die Nikotinzufuhr in etwa so hoch sein wie die zuvor durch Zigaretten zugeführte Dosis. Bei den oralen Darreichungsformen liegt die empfohlene Maximaldosis bei 4 mg Nikotin pro Stunde. Das entspricht – je nach Marke und Stärke – etwa zwei Zigaretten. Pflaster werden in verschiedenen Stärken angeboten, die konstante Nikotindosen über den Tag abgeben.

Nikotinpflaster werden entweder über 16 oder über 24 Stunden getragen. Beide Methoden haben sich in klinischen Studien als wirksam erwiesen. Wenn der Patient vor allem morgens mit Entzugserscheinungen zu kämpfen hat, ist die Nikotinzufuhr über Nacht sinnvoll. Allerdings kann die sympathomimetische Wirkung des Nikotins mitunter zu Schlafstörungen führen.

Für Raucher, die eine starke Abhängigkeit aufweisen oder bereits mehrere Rückfälle erlitten haben, empfiehlt die DG-Sucht eine kombinierte Therapie aus zwei nikotinhaltigen Medikamenten. Dabei stellt ein Pflaster die Basismedikation dar. Zusätzlich soll der Patient ein oral applizierbares Produkt erhalten, das in Akutsituationen für eine schnell verfügbare Zusatzdosis sorgt.

Viele Raucher negieren die schädlichen Wirkungen des Tabakrauches und bewerten gleichzeitig die potenziellen Nebenwirkungen des therapeutischen Nikotins als gefährlich. In solchen Fällen ist eine gute Betreuung und Beratung von Apotheken und Ärzten wichtig. Dem Raucher sollte klar sein, dass eine Nikotinersatztherapie deutlich nebenwirkungsärmer ist als das Rauchen selbst. Der Patient ist an den Wirkstoff gewöhnt und empfindet in der Regel keine nikotinergen Effekte durch die Medikation. Meist ist der Fall sogar umgekehrt: Die störenden körperlichen Effekte wie Kopfschmerzen und Unwohlsein sind oft auf eine zu niedrige Nikotindosis zurückzuführen. Eine ausreichend hohe Dosierung ist daher eine der zentralen Empfehlungen in der medikamentösen Tabakentwöhnung.

Suchtmediziner vertreten die Meinung, dass die Abstinenzrate mit einer guten psychologischen Betreuung noch deutlich gesteigert werden kann – bis zu 40 Prozent der Raucher könnten so den Ausstieg schaffen, so die Schätzungen. Diese Form der Unterstützung wird laut Empfehlungen der Leitlinie sogar als noch wichtiger angesehen als die Medikation und mit dem höchsten Evidenzgrad belegt. Als wünschenswert wird vor allem die Begleitung durch einen Psychiater angesehen. Aber auch Angehörige der Gesundheitsberufe – darunter Apotheken und Hausärzte – seien eine wichtige Anlaufstelle, so die Autoren der Leitlinie.

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