Zwischen Plausi und Lieferfähigkeit

Amitriptylin, Clonidin, Ketamin – Sonderlinge für die Haut

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Berlin -

Eine NRF-Rezeptur ist schnell und sicher in der Apotheke herzustellen. Die Plausibilität wurde geprüft, der Herstellprozess ist meist gut praxistauglich. Doch viel häufiger flattern Verordnungen ohne NRF-Angabe in die Rezeptur. Ab und an muss der/die herstellende PTA dann erstmal überlegen, welche Indikation der Verordnung zugrunde liegen soll. Und ob ein Ausgangsstoff überhaupt lieferbar ist.

Amitriptylin und Ketamin

Diese beiden Wirkstoffe werden zusammen in hydrophoben Basisgelen verarbeitet. Amitriptylin gehört eigentlich zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Oral eingenommen wirkt es stimmungsaufhellend und sedierend. Lange Zeit war der Arzneistoff Mittel der Wahl zur Behandlung von Depressionen. Bei oraler Einnahme hemmt Amitriptylin die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin in den Synapsen des ZNS. Auch Ketamin ist eher aus anderen Bereichen als der Dermatologie bekannt. Der Stoff aus der Klasse der Narkotika wird als Injektionslösung unter anderem im Rahmen der Schmerztherapie oder als Anästhetikum eingesetzt. Ketamin blockiert den Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex – Glutamat kann nicht mehr andocken. In der Folge kann das Bewusstsein reversibel ausgeschaltet werden. Eine Besonderheit von Ketamin: Es ist das einzige beim Menschen eingesetzte Injektions-Anästhetikum welches eine analgesierende Wirkung besitzt.

Als Rezeptursubstanz sind beide Ausgangsstoffe bei Fagron gelistet. Wobei Amitryptilin-HCl aktuell nicht lieferbar ist. Als Ersatz können eventuell flüssige Fertigarzneimittel dienen. Doch wofür werden die beiden Stoffe eigentlich in Dermatika verarbeitet? In Kombination können die Wirkstoffe die schmerzhafte Rötung und Überwärmung der Haut im Rahmen der Erythromelalgie lindern. Die anfallsartig auftretende Hautkrankheit gehört zu den seltenen Erkrankungen. Aus Kliniken liegen Rezepturvorschriften mit 1 Prozent Amitriptylin-HCl und 0,5 Prozent Ketamin-HCl vor.

Clonidin

Auch für Clonidin gibt es derzeit keine für die Arzneimittelherstellung relevanten NRF-Vorschriften und NRF-Stammzubereitungen. Oral eingenommen wirkt Clonidin auf verschiedene Weisen und wird zur Behandlung der arteriellen Hypertonie in Kombination mit anderen Arzneistoffen oder zur Milderung von Entzugssymptomen eingesetzt. Dermal kann der Arzneistoff, der eigentlich zur Gruppe der Imidazoline gehört, versuchsweise bei neuropathischen Schmerzen, ausgelöst durch einen Bandscheibenvorfall, postherpetischen Schmerzen oder beim Rosazea-Flush eingesetzt werden. Es liegen vereinzelte Vorschriften in den Dosierungen 0,1 Prozent und 0,2 Prozent vor. Die Verarbeitung in Carbomergelen scheint über 4 Wochen stabil.

Ambroxol

Ambroxol, ein Arzneistoff, der eher aus dem HV und der Erkältungsberatung bekannt ist, kann ebenfalls in Dermatika eingesetzt werden. Die Dosierung von Ambroxol liegt dabei typischerweise zwischen 10 und 20 Prozent. Ambroxol kann die Haut betäuben. Die lokalanästhetische Wirkung entsteht durch Blockade von Natrium-Kanälen in der Zellmembran. Die Wirkung auf die Natrium-Kanäle ist der von Lidocain und Benzocain überlegen. Aufgrund der Basizität des Arzneistoffes kann die Wirkung auf der Haut jedoch geringer ausfallen. Penetrationsbeschleuniger oder die Anpassung des pH-Wertes ins Basische könnten zu einer Wirkverstärkung führen. Auch die Kombination mit ätherischen Ölen erhöht die Wirkung, ohne dass die Dosierung weiter angehoben werden muss.

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