Novo Nordisk hat die Ergebnisse einer Analyse veröffentlicht, in der eine Aufdosierung von Semaglutid mit einem Wechsel auf Tirzepatid in der Indikation Typ-2-Diabetes verglichen wurde. Laut der Studie würden Patientinnen und Patienten mehr von einem Verbleib auf Ozempic (Semaglutid) als von einem Wechsel auf Mounjaro (Tirzepatid) profitieren. Das Pharmaunternehmen Lilly Deutschland sieht das anders.
Novo Nordisk hat Daten der Real-World-Evidenz-(RWE)-Studie Compete-Switch veröffentlicht. In dieser Analyse wurde eine Aufdosierung von Semaglutid mit einem Wechsel auf Tirzepatid in der Indikation Typ-2-Diabetes verglichen. Im Ergebnis wurde von einem Wechsel von Semaglutid auf Tirzepatid abgeraten.
Aus Fachkreisen sowie vonseiten des Mitbewerbers Lilly Deutschland wird die Aussagekraft dieser RWE-Studie jedoch kritisch eingeordnet. Dabei werden im Wesentlichen zwei Argumente angeführt.
RWE-Studien seien zwar ein wertvolles Instrument, um Fragestellungen aus dem klinischen Alltag zu beantworten. Aber der Erkenntnisgewinn stehe und falle mit der Methodik, erklärt Lilly. „Sie können jedoch – schon aufgrund ihres nicht-randomisierten, retrospektiven Designs – keine kontrollierten Zulassungsstudien ersetzen, wenn es um den validen Nachweis der Wirksamkeit von Arzneimitteln im direkten Vergleich geht“, stellt das Unternehmen klar. „Dafür bleibt die randomisierte Head-to-Head-Studie der Goldstandard.“
Im konkreten Fall wurde zudem die zugelassene Höchstdosis von Semaglutid mit 2 mg hauptsächlich mit der Initialisierungsphase von Tirzepatid von 2,5 mg beziehungsweise 5 mg verglichen. „Nicht mit der langfristigen Erhaltungsphase und schon gar nicht mit der zugelassenen Maximaldosis von 15 mg“, so Lilly. „Ein Vergleich unter Ausschöpfung beider Höchstdosierungen liegt aus dieser RWE-Analyse also nicht vor.“
Für den direkten Vergleich beider Wirkstoffe sei die Head-to-Head-Studie Surpass die geeignetere. „Hier zeigte Tirzepatid in allen drei zugelassenen Erhaltungsdosierungen eine überlegene HbA1c-Senkung im Vergleich zu Semaglutid 1 mg“, so Lilly. „Zudem führte dies zu einer überlegenen Reduktion des Körpergewichts.“
Auch im kombinierten Endpunkt aus HbA1c-Zielerreichung, Gewichtsreduktion und Vermeidung klinisch signifikanter beziehungsweise schwerer Hypoglykämien erreichten 60,1 Prozent der Tirzepatid-Patient:innen dieses Ziel, erklärt das Unternehmen weiter. „Demgegenüber stehen nur 21,9 Prozent unter Semaglutid 1 mg.“
Weiter heißt es: „Auf Basis dieser Daten attestiert auch die Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur Therapie des Typ-2-Diabetes Tirzepatid eine überlegene HbA1c- und Gewichtskontrolle gegenüber Semaglutid 1 mg.“
Inzwischen hat der Fall auch rechtliche Konsequenzen nach sich gezogen: Novo Nordisk hat eine Unterlassungsverpflichtung abgegeben und sich damit verpflichtet, bestimmte werbliche Aussagen im Kontext mit der Studie künftig zu unterlassen.
Retrospektive Kohortenanalysen nehmen in der evidenzbasierten Medizin eine wichtige Rolle ein und ergänzen sie Ergebnisse aus klinischen Studien, die häufig auf hochselektiven Patientenpopulationen beruhen.
Im konkreten Fall ergab die RWE-Studie Compete-Switch, Hinweise darauf, dass die Dosissteigerung der antidiabetischen Therapie mit Semaglutid von 1 mg auf 2 mg nach einem Jahr gegenüber der Umstellung von Semaglutid 1 mg auf zunächst Tirzepatid 2,5 mg/5 mg vorteilhaft sein kann. „Sicherlich entspricht die Aussagekraft dieser Gegenüberstellung auf Grundlage von Daten der Komodo Healthcare Map Datenbank nicht der Evidenz eines Direktvergleichs in einer randomisiert kontrollierten Studie (RCT). Allerdings gibt es zu diesem Vergleich bisher keine in einer RCT erhobenen Daten.“ Hinzu komme, dass nicht die generelle Frage einer Überlegenheit untersucht wurde, sondern ob man früher auf eine andere Therapie umstellen oder erst noch die bestehende Therapie mit höherer Dosierung fortsetzen sollte. Dass die neue Therapie mit einer niedrigeren Dosierung gestartet werden muss, entspricht der Vorgabe der Fachinformation. Für die Frage „frühe Umstellung oder (weitere) Titration auf 2 mg Semaglutid“ liefere Compete-Switch daher wertvolle Erkenntnisse, nämlich, dass vor der Umstellung eine Titration in Betracht gezogen werden sollte. „Die erwähnte Head-to-Head-Studie Surpass adressiert die oben beschriebene Fragestellung (Dosissteigerung auf 2 mg Semaglutid vs. Umstellung auf Tirzepatid mit Startdosierung) hingegen nicht, da dort Semaglutid 1 mg mit Tirzepatid 5 mg, 10 mg und 15 mg verglichen wurde.“
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