Pharmaziegeschichte

Lauter alkoholkranke Apotheker Torsten Bless, 20.01.2018 09:12 Uhr

Berlin - Mit Leidenschaft erkundet Dr. Heinrich Buurman die Geschichte seiner Heimat Ostfriesland. In seinem neuesten Buch beschreibt der Apotheker im Ruhestand die verheerenden Folgen der bis weit in das 20. Jahrhundert grassierenden Alkoholepidemie. Apotheker spielten nicht immer eine rühmliche Rolle.

Glaubt man den zeitgenössischen Chroniken, dann trugen sich 1845 erschütternde Szenen in Ostfriesland zu: Am 6. Januar wurde eine 82-jährige Frau tot in ihrer Stube aufgefunden. Mit Ausnahme der Unterschenkel, „die mit den Füßen auf einem leeren Feuerstübchen ruhten“, sei ihr Körper in eine „dunkelbraune, schwach, etwa wie hartes Pech, glänzende, mumienartig trockne Masse umgewandelt“ worden. Der „mit Alkohol überfüllte Atem“ habe sich wohl an der Flamme ihrer Lampe entzündet. Im Dezember fiel ein Zimmermannsgeselle etwa 100 Schritte vor dem „Haus seiner Bestimmung“ in einen zugefrorenen Graben und fand – so alkoholisiert wie er war – nicht mehr lebend heraus.

Noch viele weitere solcher Begebenheiten dokumentiert Dr. Heinrich Buurman in seinem gerade erschienenen Buch „Der Schnapsteufel“. Der Alkohol hatte seine Heimat als Folge der zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden Massenarmut über viele Jahrzehnte fest im Griff, beschreibt der Apotheker im Ruhestand. „Für viele gab es damals offensichtlich nur zwei Möglichkeiten – entweder der Heimat für immer den Rücken zu kehren und nach Nordamerika auszuwandern, oder durch übermäßigen Alkoholgenuss die Reise ins Vergessen anzutreten.“

Die Apotheker der Region waren da nicht immer ein gutes Vorbild. Alkohol diente ihnen als Hilfsstoff zur Herstellung zahlreicher Medikamente und Tinkturen. Mithin saßen sie an der Quelle. „Viele haben selbst Schnaps gebrannt und verkauft“, erzählt Buurman im Interview. „Medicinal-Tokajer zum Beispiel half angeblich gegen viele Krankheiten.“ Langeweile verführte zu eigenem Missbrauch. „Viele kleine Apotheker auf dem Land hatten nichts zu tun und nahmen dann gerne auch selbst einen ‚Söpke‘ zu sich. Es gab damals viele alkoholabhängige Apotheker.“

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