Museumsprojekt startet Crowdfunding

Kredit gestrichen: Sex-Apotheke braucht Geld

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Berlin -

Es gab wohl selten eine so schlechte Zeit, um eine Kultureinrichtung aufzubauen. Anna Genger hat sich von der Covid-19-Pandemie trotzdem nicht aufhalten lassen und werkelt weiter an „L’apothèque“ einem Museum, Kunst- und Eventzentrum in den Räumlichkeiten der ehemaligen Neuen Apotheke ihrer Mutter Regis auf St.Pauli. Doch dann fuhr ihr die Bank in die Parade: Weil Hygieneregeln und Lockdown die Aussicht fürs Geschäft vermiesen, hat sie ihr einen wichtigen Kredit gestrichen. Genger versucht nun mit einem Spendenaufruf ihr Projekt zu retten.

„Es ist das härteste Jahr meines Lebens“, sagt die 42-Jährige. In Eigenregie und mit eigene Mitteln baut die Künslterin die Apotheke zu einem Kulturzentrum und Deutschlands erstem Museum für Sex-Spielzeuge um. Noch bis 2018 war die Apotheke eine Institution auf St. Pauli: Fast 50 Jahre stand Regis Genger in der Offizin und hat die Menschen auf Deutschlands berühmtester Rotlichtmeile mit Arzneimitteln versorgt. Erst mit 83 Jahren beendete eine schwere Krankheit ihr Berufsleben, die Apotheke drohte zu verfallen, bis sich ihre Tochter der Räumlichkeiten annahm und dafür sorgte, dass die historische Einrichtung erhalten bleibt.

Wie bei den meisten Projekten ist die Finanzierung einer der wichtigsten Eckpfeiler – doch genau die ist nun ins Stocken geraten. „Wir haben der Bank das Geschäftskonzept vorgelegt, um einen Kredit über 150.000 Euro zu erhalten“, erzählt Genger. „Und die Bank war davon so begeistert, dass sie uns direkt 250.000 Euro Kredit angeboten hat.“ Eigentlich war damit schon alles in trockenen Tüchern. Doch die Covid-19-Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung. „Die Bank hatte bereits ja gesagt und ich hatte nur noch auf die Unterschriften der Bürgengemeinschaft gewartet, doch dann wurden meine Termine erst immer weiter nach hinten verlegt und schließlich wurde mir mitgeteilt, dass die Bank mir den Kredit doch nicht gewährt.“ Das wirtschaftliche Risiko sei angesichts der aktuellen Lage einfach zu hoch, so die Vermutung des Geldhauses.

Genger steckt damit in der Klemme. An der Eröffnung Anfang Januar hält sie weiterhin fest – auch wenn dann an einen normalen Publikumsbetrieb noch nicht zu denken sein wird. Glück im Unglück ist, dass sie von verschiedenen Seiten finanzielle Unterstützung erhielt. „Mein Vermieter hat viel mehr Kosten getragen als ursprünglich angenommen wurde. Das ist wohl die Kiez-Mentalität“, sagt sie. Auch aus dem Freundeskreis hat sie finanzielle Hilfe erhalten und der Hamburger Senat zahlt ihr ein Stipendium für kreative Dienstleister – vor allem macht sie aber vom Trockenbau bis zu den Tapezierarbeiten sehr viel einfach selbst. „Ich arbeite im Moment an die 100 Stunden die Woche“, sagt sie. „Ich arbeite wirklich Tag und Nacht, aber ich bin nicht in der Lage, das alles allein zu stemmen.“

Deshalb hat Genger vergangene Woche auf der Plattform Startnext eine Crowdfunding-Kampagne gestartet: 9500 Euro will sie bis zum 11. Januar einnehmen, um damit ein professionelles Lichtkonzept, die Verwahrung und Versicherung der Exponate und die Sanierung des denkmalgeschützten Mobiliars zu finanzieren. Knapp 1300 Euro hat sie am Ende der ersten Woche bereits erhalten und liegt damit noch unter dem Soll, das sie eigentlich braucht. Doch Genger lässt sich davon nicht entmutigen. „Wir schaffen hier etwas sehr Besonderes und auch die Tatsache, dass ich mich trotz der widrigen Umstände zurzeit in eine Gründung stürze, wird in meinem Umfeld sehr positiv aufgenommen.“ Genger hatte zuvor in Berlin und London gelebt und war zurück nach Hamburg gezogen, als ihre Mutter plötzlich zum Pflegefall wurde. Damit übernahm sie nicht nur die Fürsorge für ihre Mutter, sondern auch für deren Apotheke. Dass sie die weiterführen will, war klar – allerdings nicht als Apotheke, denn Genger hat Kunst studiert, nicht Pharmazie.

Lange war deshalb offen, was aus der Apotheke wird, die mit ihrem Mobiliar aus dem Jahre 1799 zwar ein Schmuckstück ist – aber ein unverkäufliches. „Ich hätte das Mobiliar für 65.000 Euro verkaufen können, doch das hat das Denkmalamt untersagt. So kam dann eine unfreiwillige Ehe zwischen mir und dem Vermieter zustande.“ Einen neuen Inhaber zu finden, der die Apotheke weiterführt, hält Genger für ausgeschlossen. Aus den Räumlichkeiten wieder eine Apotheke zu machen, würde Unsummen verschlingen, sagt sie. Deshalb soll aus der ehemaligen Offizin ein privates Museum für Sexspielzeuge werden und noch viel mehr als das: ein Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst, Atelier und Büro, Veranstaltungsort für Lesungen, Seminare, Konzerte und Kunst in jeder Form. Genger betreibt gleichzeitig einen Online-Sexshop, der auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen spezialisiert ist – ihr Beitrag zur Inklusion körperlich Behinderter. „Das Museum ist das Bindeglied zwischen Kunst und Sexualität“, sagt sie.

Dabei gehe es ihr nicht darum, auf St.Pauli nur eine neue Touristenattraktion zu schaffen, sondern ebenso Aufklärungsarbeit zu leisten wie ihre Mutter. „Es geht nicht darum, weniger schmutzig oder pornographisch zu sein, sondern zu zeigen, dass Kunst, Kultur, Wissenschaft und Sexualität zusammengehen“, sagt sie. „Denn Sexualität und Intelligenz schließen sich nicht gegenseitig aus.“ L’apotheque solle ein „fruchtbarer Boden für progressives Denken“ werden, wünscht Genger sich. Bis dahin ist es noch ein Weg – auch wenn es keine echte Apotheke wird, herrscht Investitionsbedarf. Rund 20.000 Euro koste die Sanierung des Verkaufsraumes, von denen das Denkmalamt und die Stiftung Denkmalpflege jeweils 7000 Euro übernehmen.

 

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