Baden-Württemberg

Apotheken-Umzug: Nicht ohne mein Herbarium

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Berlin -

Die Apotheke Dr. Kammerer im Kneipp-Kurort St. Blasien muss umziehen – Apotheker Alexander Dehm sieht es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. In wenigen Tagen verliert er einen traditionsreichen Standort, aber in zwei Jahren zieht er in den Neubau der „Schmidt Arkaden“.

„Wir sind die letzten hier im Haus, sobald unser Umzug absolviert ist, kommt die Abrissbirne“, sagt Alexander Dehm. „Wenn wir hier raus sind, steht schon der Bagger da.“ Zeit für Wehmut bleibt nicht. Die Umzugskisten in der Hauptstraße 1 sind gepackt, am 2. Mai eröffnet die Apotheke Dr. Kammerer in einem Übergangsdomizil in der ehemaligen Postfiliale in der Bernau-Menzenschwander Straße 5. Sie ist rund 30 Meter vom alten Standort im Zentrum von St. Blasien entfernt.

In zwei Jahren soll der Neubau der „Schmidt Arkaden“ fertiggestellt sein. „Am Ende ist es so, dass man unsere Apotheke praktisch um zehn Meter verschoben hat“, sagt Dehm. Er freut sich auf die neue Apotheke, auch wenn er die alte schön fand: „Wir hatten sieben Generalalphabete, in dem alten Haus gab es viel Wartungs- und Sanierungsbedarf. Viele Kunden haben nur das tolle Haus gesehen, aber nicht die Mühen, die für uns damit verbunden waren. Wir hatten nur eine kleine Offizin und dahinter war alles sehr verwinkelt. Aus finanzieller Sicht ist ein Abriss und Neubau das Beste.“

Mit dem „Haus Kammerer“ verliert St. Blasien, ein 4000-Einwohner-Ort im Hochschwarzwald, ein schönes und bei Einwohnern und Touristen beliebtes Haus in der Fußgängerzone. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und stand nicht unter Denkmalschutz, was die Pläne der Nachbarn erleichterte. Viele St. Blasiener bedauern den Abriss des Hauses – andere freuen sich auf die neuen Schmidt-Arkaden, deren Fassadenverkleidung aus Alaska-Zeder-Holzschindeln bestehen wird.

Die neue Apotheke Dr. Kammerer wird auf 210 Quadratmetern über zwei Etagen verteilt sein, im Erdgeschoss befindet sich der Verkaufsraum, im ersten Stock Büro, Notdienstzimmer und Lager. Für ihre Kunden – rund 70 Prozent davon sind Stammpublikum – haben die Apotheker Katharina und Alexander Dehm eine besondere Überraschung: Im Fundus der Apotheke gab es ein Herbarium, das am neuen Ort einen Ehrenplatz finden wird. „Es stammt aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, alle Details sind fein säuberlich notiert“, sagt Dehm. Auch ein altes Bleiglasbild aus dem Stadtpalais wird mit umziehen.

Die Apotheke Dr. Kammerer ist ein Ort mit eindrucksvoller Geschichte: Die Klosterapotheke wurde im Jahr 1624 erstmals erwähnt, nach der Säkularisierung kam die Apotheke 1813 erstmals in Privatbesitz, Apotheker Josef Anton Romer erhielt 1829 das Großherzoglich-Badische „Real-Privileg“. 1851 übernahm Sohn Karl Otto, nach mehreren Besitzerwechseln ging die Apotheke im Jahr 1895 an Josef Berstel. Er starb im Alter von nur 37 Jahren, seine Witwe verkaufte an den badischen Staat und baute an der Hauptstraße 1 ein neues Gebäude.

Im Oktober 1902 eröffnete sie die Apotheke, sieben Jahre später übernahm der Elsässer Léon Kammerer die Apothekenrechte. 1911 heiratete er Ervina, ein Fräulein aus Lausanne, das französisches Flair und Eleganz nach St. Blasien brachte. 1948 starb Léon Kammerer an Herzinfarkt, sein Sohn übernahm die Apotheke. Er verunglückte tödlich bei einem Skiunfall in den Schweizer Bergen, danach übernahm Tochter Helene das Zepter.

Seit 2009 führen Katharina und Alexander Dehm die Apotheke Dr. Kammerer. Sie freuen sich, nach dem zeitraubenden Umzug wieder ganz für ihre Kunden da zu sein: „Das Tagesgeschäft machen in den Umzugstagen komplett unsere Mitarbeiter, wir haben eine Apothekerin, zwei PTA und vier PKA, die zum Teil in Teilzeit arbeiten. Kunden sind sensibel, wenn der Chef oder die Chefin mal nicht da sind. In den neuen Räumen werden wir deshalb verstärkt Präsenz zeigen.“

Unter den Kunden sind auch viele Touristen und Kurgäste, St. Blasien ist ein beliebter Kurort, sein architektonisches Highlight ist der Dom St. Blasius, ein Meisterwerk des Frühklassizismus. Das Benediktinerkloster St. Blasien wurde erstmals im Jahr 858 erwähnt, es war ab den späten Mittelalter eines der wichtigsten im süddeutschen Sprachraum.

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