Großveranstaltungen

Streit um Festivalapotheke

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Berlin -

Die Festivalsaison ist in vollem Gange. Inzwischen erinnern die Veranstaltungsgelände an kleine Städte mit eigener Infrastruktur. Viele Dinge des täglichen Gebrauchs kann man mittlerweile dort kaufen. Eine Apotheke darf man aber zumindest in Deutschland nicht erwarten. Wie streng die Regularien hierzulande sind, musste im vergangenen Jahr Festivalapotheker Michael Spiegel erfahren. Anders in der Schweiz: Dort hat die Aufsicht kein Problem mit Festivalapotheken.

Wenn im Industriedenkmal Ferropolis im sachsen-anhaltinischen Gräfenhainichen Musikfestivals stattfanden, war bis zum vergangenen Jahr auch Apotheker Michael Spiegel mit seiner Festivalapotheke vor Ort. Aus einem Wohnmobil heraus versorgte er seit 2011 die Musikfans – nach eigenen Angaben lediglich mit Nichtarzneimittel wie Mücken- oder Sonnenschutz. Arzneimittel habe es ausschließlich auf Bestellung über Telefon oder die Website gegeben. Das sahen seine Kollegen anders. Und so entbrannte im vergangen Jahr eine Diskussion darüber, ob der Chef der Linden-Apotheke womöglich eine illegale Offizin ohne behördliche Erlaubnis betreibt.

Noch heute betont Spiegel, dass er sowohl das Landesverwaltungsamt als auch die Apothekerkammer Sachsen-Anhalt über sein Vorhaben informiert und von beiden Institutionen grünes Licht erhalten habe, allerdings nur mündlich. Beide Behörden gaben sich allerdings ahnungslos, als es im vergangenen Jahr zu Beschwerden der Kollegen aus der Region kam. Dr. Christine Heinrich, Geschäftsführerin der Kammer, gab damals an, erst vor Kurzem von der Festivalapotheke erfahren zu haben, und kündigte eine Prüfung an. Ähnlich äußerste sich auch das Landesverwaltungsamt.

Laut Spiegel hat diese Prüfung ein Dreivierteljahr gedauert und endete mit einem wenig überraschenden Resultat: Fortan dürfe Spiegel seine Festivalapotheke nicht mehr betreiben. Als Begründung habe die Behörde verlauten lassen, dass es keine objektive Versorgungslücke während der Festivals gebe. Kritisch sah man nach Angaben des Apothekers offenbar auch die „Vermischung von Versandhandel und Botendienst“.

Das einzige Zugeständnis seitens der Kammer an den Veranstalter war laut Spiegel die Einrichtung eines zusätzlichen Notdienstes an den Festival-Wochenenden im nächstgelegen Gräfenhainichen gewesen. Aber auch dann müssten die Besucher mindestens fünf Kilometer zurücklegen, gibt der Apotheker zu bedenken: „Wenn es einem wirklich schlecht geht, ist es eine lange Strecke.“ Auch aus Imagegründen findet Spiegel die Ablehnung des Landesverwaltungsamtes bedenklich. „Apotheken kämpfen derzeit um ihren Platz in der Gesundheitsversorgung“, sagt er. „Da wäre es ein richtiges Signal zu zeigen, dass wir die Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen und für sie da sind – und zwar dort, wo sie uns brauchen.“

Dass es auch anders geht, zeigt die Schweiz. Im Sommer finden dort ebenfalls zahlreiche Festivals statt, zuletzt das Open Air im Sittertobel. Mit vollen Rucksäcken anreisen will auch dort keiner mehr. Viele Festivalbesucher decken sich stattdessen lieber auf dem Gelände mit Notwendigem ein. Zu kaufen gibt es mittlerweile fast alles, auch Medikamente. Seit 2013 stellt die Bruggen-Apotheke aus St. Gallen die Arzneimittelversorgung der Besucher für die Dauer der Großveranstaltung sicher. Von 9 bis 23 Uhr beraten ein Apotheker und ein bis zwei Pharma-Assistentinnen die Musikfans.

„Zu Fuß ist es tatsächlich eine etwas größere Distanz bis zur nächsten Apotheke“, sagt Dr. Matthias Kramer. Der Apotheker wird die Bruggen-Apotheke von Yvonne Geiger im September übernehmen und stand in diesem Jahr das erste Mal hinter dem HV-Tisch der Festivalapotheke. „Zudem ist es heutzutage wichtig, dass Apotheken Präsenz zeigen und dort sind, wo unsere Kunden uns brauchen“, betont er wie sein deutscher Kollege auch.

Blasenpflaster, Augentropfen, Schmerztabletten und einige Drogerieartikel wie etwa Sonnencreme: Das Sortiment der Behelfsapotheke ist überschaubar. „Es beschränkt sich im Prinzip auf die Notfallversorgung“, erklärt Urs Künzle, Kantonsapotheker in St. Gallen. Jedes Jahr muss er zwar den Antrag der Bruggen-Apotheke aufs Neue bewilligen, sieht aber im Gegensatz zu seinen deutschen Kollegen keinerlei Gründe, dies zu verweigern. „Wir finden es sinnvoll, wenn die Menschen vor Ort mit Arzneimitteln versorgt werden“, sagt er. „Außerdem werden dadurch der Sanitätsdienst und die Notärzte auf dem Festival-Gelände entlastet.“

Für die jährliche Genehmigung muss die Festivalapotheke lediglich einige Voraussetzungen erfüllen. So müsse etwa sichergestellt werden, dass die Musikfans keinen Zugang zu den Medikamenten haben oder dass die Arzneimittel bei entsprechenden Temperaturen gelagert werden. Auch muss während der Öffnungszeiten ein Apotheker anwesend sein. In der Festivalapotheke dürfen sogar rezeptpflichtige Medikamente abgegeben werden, allerdings würden nur die Rezepte von den Notärzten auf dem Gelände akzeptiert. „Alle anderen regulären Rezepte müssen die Besucher dann in den öffentlichen Apotheken in der Stadt oder in ihrer Heimat einlösen“, betont Künzle.

Kramer will jedenfalls auch nach der Übernahme der Bruggen-Apotheke die Festivalapotheke weiterführen. Aus wirtschaftlicher Sicht sei das Angebot gerade so kostendeckend. „Allerdings stärken wir damit das Image der Apotheken als erste und vor allem niederschwellige Anlaufstelle bei Gesundheitsproblemen und sind im Freizeitbereich der Kunden anwesend“, erklärt der Apotheker. Auch für das Apothekenteam sei das Festival-Wochenende eine willkommene Abwechslung zum Apothekenalltag.

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