Daten interpretieren statt Menschen zu beraten

Digitalisierung am HV: Wie sich das Berufsbild ändert

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Berlin -

Tech-Giganten von Google bis Amazon erobern immer größere Bereiche des Gesundheitswesens von der Diagnose bis zur Arzneimittelversorgung. Die Folgen sind bisher nur grob abschätzbar – und beinhalten schlimmstenfalls eine Entsolidarisierung des Gesundheitswesens und Abhängigkeit von Großkonzernen, die unsere Daten sammeln. Klar ist jedenfalls: Heilberufler:innen, also auch Apotheker:innen und PTA, werden in Zukunft weitaus mehr digitale Kompetenz benötigen, um ihre Arbeit gut zu machen.

Präventiv, prädikativ, personalisiert und partizipatorisch: P4-Medizin nennt der US-Biomediziner Leroy Hood das Grundprinzip digitalisierter Gesundheitsversorgung. Patient:innen und Nutzer:innen sollen durch digitale Anwendungen stärker in den Versorgungsprozess eingebunden werden, der eher präventive als kurative Ziele verfolgt und Behandlungen dabei viel mehr als heute üblich auf das Individuum zuschneidet. Die Menge der Daten, die dabei anfällt, ist gigantisch: Von der Diagnose über Labordaten in der Behandlung bis zur Medikation werden immer mehr Daten maschinell erfasst und ausgewertet, auch Wearables & Co. generieren riesige Informationsmengen, die von Daten zu Ernährung und sportlicher Betätigung bis zum Schlafverhalten und Konsumgewohnheiten reichen.

Das führt zwar einerseits zu einer Verschiebung von Therapie zu Prävention und kann damit helfen, das Gesundheitssystem zu entlasten. Allerding stellte der Deutsche Ethikrat bereits 2017 auch fest, dass die Eigenüberwachung ein „übertriebenes, der Gesundheit abträgliches Optimierungsbestreben sowie die Medikalisierung ‚natürlicher‘ Lebensvorgänge befördern“ könne. Auch für Heilberufler könnten sich Gefahren daraus entwickeln: Denn die massenhafte digitale Erhebung von Daten zur Optimierung der Gesundheit und Steuerung des Verhaltens führe zu einer „Datafizierung“ des Menschen, bei der physische, soziologische und psychologische Verhältnisse in Datensätze überführt werden – die alles außen vor lassen, was sich nicht in 0 und 1 ausdrücken lässt, vor allem also die Ich-Perspektive des Patienten, die in einer umfassenden zwischenmenschlichen Gesundheitsversorgung ebenfalls eine große Rolle spielt. „Mit dem Menschen umzugehen, als sei er völlig digitalisierbar, würde nach dieser Auffassung seinem Wesenskern und damit seiner Würde nicht gerecht“, schlussfolgern die Autoren der Studie „Tech-Giganten im Gesundheitswesen“, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt wurde.

Auf über 200 Seiten widmen sich die Autor:innen um die Gesundheitsökonomin Aileen Berghold von der Universität Köln den Auswirkungen der konzerngetriebenen Digitalisierung im Gesundheitswesen auf Patient:innen und Leistungserbringer:innen gleichermaßen. Tech-Giganten können demnach „mittel- bis langfristig durch ihre überragende Marktmacht das Angebot von Gesundheitsdienstleistungen und das Gesundheitssystem selbst tiefgreifend verändern“. Insbesondere bei sektoral organisierten, öffentlich finanzierten und nach dem Solidarprinzip gestalteten Gesundheitssystemen wie dem deutschen könne das zu „paradigmatischen Wandlungsprozessen“ führen. Das alles gehe jedoch mit einem Wandel erforderlicher Kompetenzen bei allen Beteiligten einher – mit neuen Berufsbildern und Verantwortungsprofilen.

„Die zentrale Bedeutung von Daten und technologischem Know-how befördern eine monopolartige Stellung der Tech-Giganten, die nicht nur den Marktzugang anderer Akteur:innen entscheidend beeinflussen können, sondern auch eine Gestaltungs- und Deutungshoheit bezüglich gesundheitsrelevanter Belange des individuellen und gesellschaftlichen Lebens erhalten, die der Entfaltung von Freiheit in einer sozialen Marktwirtschaft und der demokratischen Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zuwiderlaufen kann“, so die Studie. So können Technologiekonzerne zwar moderne Technologien zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe Gesundheit und Selbstbestimmung gefördert, Zugangschancen zur Gesundheitsversorgung verbessert, Privatheit geschützt sowie Versorgungsprozesse optimiert werden können. Gleichzeitig würden jedoch erhebliche Risiken für die Privatheit, für den Schutz vor Diskriminierung und auch für die Gesundheit und die Selbstbestimmung bestehen.

Wie bei der sonstigen Digitalisierung auch ist die Entwicklung hierzulande allerdings noch weit weniger fortgeschritten als beispielsweise in den USA. Das hat nicht nur mit dem digitalen Dornröschenschlaf zu tun, in dem Deutschland bis vor kurzem lag. Dennoch haben es mit SAP und Siemens zwei deutsche Konzerne geschafft, in die Riege der 16 betrachteten Unternehmen zu gelangen. Der Schwerpunkt liegt wenig überraschend in den Vereinigten Staaten, die mit Amazon, Microsoft, Google/Alphabet, Meta/Facebook, Apple, Intel und IBM die hierzulande bekanntesten Schwergewichte hervorgebracht hat. China spielt mit Alibaba, Huawei und Tencent ebenfalls eine zentrale Rolle, aber auch Südkorea mit Samsung, Japan mit Sony und die Niederlande mit Philips haben es in die Liste geschafft.

Sie alle vereint die Vision, mit datengetriebenen Anwendungen die Gesundheitsversorgung zu verbessern – und daran kräftig zu verdienen. Tendenziell lasse sich dabei sagen, dass europäische Tech-Giganten ihren Schwerpunkt bei spezifischen Geräten und Anwendungen für klinische Bereiche oder einzelne Erkrankungen haben, während US-amerikanische Tech-Giganten ihre Macht zur Gestaltung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens einschließlich des Marktes über riesige Datenmengen aus unterschiedlichen Lebensbereichen erlangen, auf denen die Geschäftsmodelle und Projekte dann aufsetzen. Chinesische Unternehmen wiederum würden sich mit ihren Produkten und Anwendungen zusätzlich zu den riesigen Datenmengen an der Bewertung und Steuerung der Nutzer:innen beteiligen.

Doch was bedeutet all das in der Praxis? „Entwickelt sich die medizinische Praxis zu einer digitalisierten Gesundheitsversorgung im Sinne der P4-Medizin, benötigt das Personal in den Gesundheitsberufen andere Kompetenzen, als sie heute üblich sind“, so die Studienautor:innen. Im Kleinen lässt sich das heute schon beobachten: Selbst für eine vergleichsweise einfache Anwendung wie das E-Rezept müssen in allen Apotheken Mitarbeiter:innen in der richtigen Anwendung geschult werden – und haben damit oftmals schon Probleme. Ähnlich sieht es in der Arzneimittelversorgung selbst aus: Plattformen, Portale, externe Boten-Dienstleister mit digitalen Geschäftsmodellen: Das alles müssen Apotheken jetzt schon beherrschen. Es dürfte aber nur ein kleiner Vorgeschmack auf das bleiben, was sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten erwartet.

Zu den neuen Kompetenzen gehöre, mit informationstechnologischen Systemen umgehen und sie kritisch in das eigene Handeln einbeziehen zu können, bereit und fähig zu sein, patient:innenzentriert in Netzwerken und Gesundheitsteams zu arbeiten, mit zunehmend informierten Patient:innen, die über ihre eigenen Gesundheitsdaten verfügen, kommunizieren zu wollen und zu können sowie in kritischer Auseinandersetzung Verantwortung bei der Nutzung algorithmischer Systeme – insbesondere von KI-basierten Entscheidungsunterstützungssystemen – übernehmen zu können. „Die Anforderungsprofile an das Gesundheitspersonal und damit auch das Selbstverständnis der Gesundheitsberufe werden sich erheblich wandeln, sodass die Aus-, Fort- und Weiterbildung sich ebenfalls danach ausrichten müssen“, so die Studienautor:innen.

Das heißt im besten Falle: Der oder die Patient:in der Zukunft kommt mit einem Schwall an Daten und vorläufigen Erkenntnissen in die Apotheke, die das dortige Personal nicht nur verstehen, sondern auch richtig bewerten und die für die Versorgung relevanten Daten auswählen muss. „Daraus ergibt sich eine Verschiebung des beruflichen Kompetenzfeldes: weg von der tradierten Rolle der Angehörigen von Gesundheitsberufen als alleinige Expert:innen hin zu einer Vermittlungs- oder Beratungsrolle sowie Prüfinstanz zwischen daten- und KI-basierten Technologien und den Patient:innen.“ Heilberufler:innen benötigen demnach „eine Art vermittelnde Zwischeninstanz im Behandlungskontext, die digitale Kompetenzen sinnvoll mit medizinischem Fachwissen verbindet und daraus adäquate Handlungsschritte ableitet“.

Umgekehrt könne die Digitalisierung im Gesundheitswesen den Leistungserbringern aber auch wesentliche Teile ihrer Arbeit abnehmen – wenn sie denn gut gemacht ist und nicht durch Fehler und deren Behebung weitere Zeit kostet. Doch selbst wenn alles klappt, sei längst noch nicht gesagt, dass das nur zur Verbesserung beiträgt: So biete beispielsweise das derzeit herrschende mengenbasierte Abrechnungssystem in der deutschen stationären Versorgung keine Anreize für einen „Value-Based Care“-Ansatz und eine dadurch erzielbare Steigerung der Versorgungsqualität. Im Gegenteil bestehe eher die Gefahr, dass immer mehr Patient:innen automatisiert abgefertigt oder kostenträchtige Personalkräfte abgebaut werden.

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