Kommentar

Die Disruption der Anamnese

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Berlin -

Ein Drittel der Hausärzt:innen ist über 60, die nachrückende Generation will deutlich häufiger in Teilzeit arbeiten. Praxen finden keine Nachfolger und schließen, bei den Apotheken sind es ähnlich aus. Hier müssen Lösungen her und die Digitalisierung scheint einige bereitzuhalten. Doch der Markt überholt sich gerade selbst, kommentiert Alexander Müller.

Natürlich ist es besser, wenn der Arzt oder die Ärztin die Patient:innen vor sich im Behandlungszimmer hat und „mit allen Sinnen“ untersuchen kann. Idealerweise auch noch mit ausreichend Zeit. Eine Fernbehandlung ist selbst mit immer besser werdenden technischen Möglichkeiten immer nur die zweitbeste Wahl. Das hat der Gesetzgeber so erkannt und der Telemedizin derzeit noch Grenzen gesetzt.

Die Vorteile auf der anderen Seite sind unbestritten: Erstens ist ein digital zugeschalteter Arzt immer noch besser als kein Arzt. Zweitens kann ein telemedizinisch untersuchender Facharzt womöglich aus der Ferne eine exaktere Diagnose stellen als der allgemeinmedizinische Kollege vor Ort. Auf eine ideale Vernetzung der beiden Versorgungsformen kommt es also an. Die Möglichkeiten des fachlichen Austauschs zwischen allen Gesundheitsberufen wird mit der Digitalisierung auf ein völlig neues Level geschossen.

Die Versorgung chronisch kranker Menschen drängt sich dafür auf. Wenn bestimmte Werte regelmäßig kontrolliert werden, kann eine Folgeverordnung auch online ausgestellt werden. Die Plattform Medikamendo geht diesen Weg. Weil der limitierende Faktor auch in der Telemedizin die behandelnden Ärzt:innen sind, sollen möglichst viele Schritte des Arztbesuchs vorgelagert werden. Es gibt auch eine Videokonsultation, aber die ist nicht obligatorisch.

Das Problem: Die digitale Disruption der Anamnese ist dabei der halbe Weg zur Eigendiagnose. Denn die Fragebögen sind zwar wirklich gut gemacht und mit hoher Wahrscheinlichkeit umfangreicher als jede Chroniker-Befragung in der Praxis. Aber jede „red flag“, die zum digitalen Behandlungsabbruch führt, kann durch erneuten Start des Fragebogens umschifft werden. Zwar müssen sich auch Ärzte in ihrer Praxis teilweise auf die Wahrhaftigkeit der Angaben ihrer Patienten verlassen. Widersprüche bis hin zu plötzlich gänzlich konträren Aussagen fallen aber viel schneller auf.

Der Verweis auf den Alltag in den Praxen, wo die Chroniker ihre Folgeverordnung zuweilen auch direkt am Tresen bekommen, ohne je einen Arzt gesehen zu haben, hilft der Telemedizin wenig. Wollen digitale Konzepte überzeugen, dürfen sie sich nicht mit nicht erfüllten Standards in der Versorgungswirklichkeit vergleichen. Das Ziel sollte immer ein neuer Goldstandard sein.

Und dazu gehört der unmittelbare Austausch zwischen Arzt und Patient, der nie ganz hinten runterfallen sollte. Das gilt selbstverständlich für den ersten Kontakt, aber auch für jeden anderen Chroniker. Denn sonst ist die Verschreibungspflicht de facto aufgehoben.

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