Auch in Bielefeld gibt es immer weniger Apotheken. Im Stadtteil Schildesche existierten im Jahr 2012 noch vier Apotheken – heute ist dagegen nur noch eine übrig. Oberbürgermeisterin Dr. Christiana Bauer informierte sich in der Adler-Apotheke über die Ursachen dieses Rückgangs. Inhaber Hauke Stange, der auch Vorsitzender der Bezirksgruppe Bielefeld im Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) ist, schilderte der CDU-Politikerin gemeinsam mit dem AVWL-Vorstandsvorsitzenden Thomas Rochell die wirtschaftliche Lage der Apotheken vor Ort.
Hauke hatte sich 2012 selbstständig gemacht und im Bielefelder Stadtteil Schildesche eine Apotheke übernommen. Die Apotheke lief anfangs gut – „sonst hätte ich diesen Schritt nicht gewagt“, so Stange. Doch rund zehn Jahre später musste er den Standort aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Heute betreibt Hauke Stange noch die Adler-Apotheke in Schildesche, die er 2014 übernommen hat – sie ist mittlerweile die letzte im gesamten Stadtteil. Schildesche ist kein Einzelfall: Bundesweit müssen jedes Jahr Hunderte von Apotheken schließen.
Die staatlich geregelte Honorierung der Apotheken vor Ort wurde in den vergangenen 20 Jahren nur ein einziges Mal geringfügig angehoben: Im Jahr 2013 stieg die Vergütung um ca. 3,1 Prozent. Seitdem sind die Personal- und Sachkosten jedoch um 65 Prozent gestiegen. Mittlerweile gilt ein Drittel der Apotheken vor Ort als wirtschaftlich massiv gefährdet.
Die CDU hatte in ihrer Oppositionszeit eine Anhebung der Vergütung gefordert. Mittlerweile hat die schwarz-rote Bundesregierung zwar den Gesetzentwurf für eine große Apothekenreform vorgelegt, doch eine Honorarerhöhung ist darin nicht vorgesehen, sondern auf unbestimmte Zeit verschoben, wie Stange und Rochell kritisieren. „Mit jedem Tag, den die Politik zögert, stirbt eine weitere Apotheke“, so Rochell.
Allerdings sei es nicht nur die ausbleibende Honorarerhöhung, die den Apothekern Sorgen bereite: Im Gesetzentwurf für die geplante Reform sehen sie neben einigen Verbesserungen mehrere Schwachstellen, die das System gefährden könnten. Unter anderem ebne der Entwurf den Weg dafür, die Präsenzpflicht der Apotheker abzuschaffen. „Apotheken ohne Apotheker“ könnten jedoch viele Leistungen nicht erbringen – wie etwa Impfungen, die Abgabe starker Schmerzmittel, die Beantwortung komplexer pharmazeutischer Fragen oder die Herstellung individueller Rezepturen. So drohe eine Verschlechterung der Patientenversorgung.
Zudem weisen die Apotheker auf ein weiteres Versäumnis im Entwurf hin: Die Politik lasse die Gelegenheit aus, die Arzneimittelpreisbindung rechtlich abzusichern. Diese stehe nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) aus dem vergangenen Jahr auf tönernen Füßen. Die Preisbindung diene jedoch dem Verbraucherschutz sowie der Stabilität des Solidarsystems; es dürfe nicht sein, dass in Notsituationen Preise explodieren oder Patienten Preise vergleichen müssen. Die Apotheker baten die Politikerin daher, darauf hinzuwirken, dass diese Preisbindung rechtlich abgesichert wird und auch für den ausländischen Versandhandel gilt.
Der unfaire Wettbewerb mit Versandhändlern war ebenfalls Gegenstand des Gesprächs. Diese Konkurrenz bedeute ein Risiko für die flächendeckende Versorgung, da Versender keine pharmazeutische Vollversorgung böten und insbesondere keine Nacht- und Notdienste leisteten.
Mit diesem Thema kenne sich die Oberbürgermeisterin bestens aus, denn die Juristin habe sich im Rahmen ihrer Promotion mit der Frage, ob ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zulässig wäre, befasst. Sie ist auch heute noch überzeugt, dass eine Wiedereinführung des Verbots möglich ist, „solange der Versandhandel nicht leisten kann, was die Apotheken können“.
„Die Apotheken vor Ort sind ein elementarer Bestandteil der Daseinsvorsorge in einer Kommune“, fügte sie hinzu. Dr. Bauer versprach, sich im Bund, im Land und im Deutschen Städtetag für die Apothekenversorgung einzusetzen. Vor Ort in Bielefeld will sie prüfen, wie sie die Apotheken im Kampf gegen den Fachkräftemangel unterstützen kann – etwa bei den Plänen der Apothekerschaft, einen eigenen Ausbildungsstandort für PTA aufzubauen. Denn selbst wenn die Apotheken weniger würden: Die Arbeit nehme in einer alternden Gesellschaft zu.
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