Apotheker fürchten Kollaps auf den Straßen

„Zwei Drittel der Lieferungen täglich würden reichen”

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Berlin -

Deutschlands Straßen stehen vor dem Verkehrskollaps. Das sagen Verkehrsexperten. Tritt der Kollaps ein, wird er auch Apotheken betreffen. Apotheker Carsten Lambrich aus Langenhagen fordert ein Umdenken. „Apotheker und Kunden sind sehr verwöhnt, was Lieferungen betrifft.” Er ist davon überzeugt, dass eine Reduzierung der täglichen Großhandelslieferungen keine Service- und Versorgungseinbußen zur Folge hätte.

„Wir als Apotheker sind sehr verwöhnt. Und in der Folge haben wir auch unsere Kunden verwöhnt.” In guten Zeiten sei das kein Problem und willkommener Service, angesichts der drohenden Probleme müsse man sich allerdings fragen, wie sinnvoll es sei, binnen weniger Stunden zu liefern. Mehrfach am Tag.

Notfälle sind von der Diskussion natürlich ausgenommen, aber Lambrich hat festgestellt: „Von allen Medikamenten, die wir tagesaktuell bestellen, sind nur rund 5 Prozent wirklich akut.” Der Rest der Kunden nutze den schnellen Service, weil er eben bequem sei, auch wenn sie das Medikament vielleicht erst in einer Woche benötigten.

„Eine gute Apotheke hat zudem immer eine Ausweichmöglichkeit”, sagt Lambrich, der in der Region Hannover vier Apotheken mit 59 Mitarbeitern betreibt. „Wir reden uns teilweise selbst ein, dass das Medikament am selben Tag noch da sein muss. Und es funktioniert ja auch, der Großhandel liefert normalerweise binnen vier Stunden an jeden Ort Deutschlands. Ich finde, dass zwei Drittel der Lieferungen ausreichen würden. Damit würde man die Umwelt entlasten und den Staus entgegenwirken. Die Kundenzufriedenheit und die Lieferfähigkeit würden dadurch nicht schlechter.”

Parallel dazu müsste man den Arbeitsprozess in den Apotheken verändern: „Es gibt schon jetzt Apotheken, die eine große Lieferung morgens um sechs oder sieben Uhr erhalten oder eine große abends. Und es gibt die Apotheken, die alle zwei bis drei Stunden bestellen.” Jede Apotheke habe andere Bedürfnisse, so betreibt zum Beispiel Lambrichs Frau eine Apotheke in Innenstadtlage, die ander Ansprüche hat als eine Landapotheke. „Die City-Apotheke ist schnelllebiger, die Kundenvariabilität größer. Wir haben dort viele Laufkunden, bestellen deshalb auch mal Exoten, die dort sonst nie vorkommen.”

Deshalb macht es Sinn, wenn diese Apotheke mehrfach am Tag beim Großhandel bestellt. „Eine Apotheke in einem Ärztehaus hingegen hat andere Bedürfnisse. Man kennt als Apotheker die Ärzte und ihre Verschreibungsstruktur, 60 bis 70 Prozent der Rezepte kommen in der Apotheke im Haus an. Deshalb ist die Lagerhaltung in einer solchen Apotheke einfacher. Zudem hat man mehr Stammkunden.“

Der Botendienst macht in Lambrichs Apotheken rund 5 Prozent aller Verkäufe aus. „Unsere Liefertätigkeit hat in den letzten Jahren zugenommen.” Allerdings auch das Kundenverhalten: „Die Kunden rufen vorab an und fragen, ob ein Produkt vorrätig ist. Das war früher anders. Da sind sie erst in die Apotheke gekommen und dann eben nochmals ein paar Stunden später, um das Medikament abzuholen.” Lambrich vertraut bei der Bestellung am liebsten auf das Telefon: „Wir bearbeiten die Bestellungen auch online, früher auch per Fax, aber es hat sich herausgestellt, dass es telefonisch am schnellsten geht, weil es bei jeder Bestellung Nachfragen gibt.” Vorher anzurufen, hilft ebenfalls, den drohenden Verkehrskollaps abzuwenden, da der Kunde sich eine Autofahrt spart. Wieder ein Auto weniger, das die Straßen verstopft oder im Stau stehen muss.

Seine Einsicht speist sich auch aus den Exkursionen, die Lambrich mit der Pharma Group Europe (PGE) organisiert: Der Zusammenschluss wurde 1989 gegründet und freut sich über neue Mitglieder. „Anfangs gab es nur eine deutsche Gruppe, mit den Jahren wurden wir internationaler, derzeit haben wir 30 Mitglieder”, sagt Lambrich. Gemeinsam mit Zdenek Schmitz leitet er die Gruppe, die sich zweimal im Jahr an einem Ort in Europa zum Gedankenaustausch und zur Besichtigung für die Branche interessanter Unternehmen trifft.

„Wir waren bisher unter anderem in Lissabon, Kopenhagen und Oslo, suchen uns immer Städte, in denen etwas passiert. Tagungsthemen sind nicht nur Pharmazie, sondern auch Marketing, Handel, Warenpräsentation.” Auch in Zürich waren die PGE-Mitglieder schon, haben Zur Rose besichtigt: „Wir versuchen immer, uns etwas anzusehen, das den Markt aktuell bewegt.” In Aachen haben sie DocMorris einen Besuch abgestattet.

Gerade waren sie in Hannover, die Stadt ist ein Hotspot für Logistik-Interessierte. „Das ist ein Thema, das für uns Apotheker wichtig ist”, sagt Lambrich. „Mit wachsendem E-Commerce droht der Verkehrsinfarkt. Stichworte wie Logistik, steigendes Verkehrsaufkommen auf den Straßen, die letzte Meile betreffen auch uns. Wir müssen uns fragen, wie wir in Zukunft ausliefern, Apotheken haben Botendienste und Versandhandel, wir müssen uns damit beschäftigen, wie die Zukunft aussieht. Werden wir selbstfahrende Autos und Drohnen nutzen?” Und über allem schwebe das Angstwort Amazon. „Viele Apotheker fragen sich: Wie machen die das – und wie können wir von denen lernen?“

„Im Rahmen unserer Tagung waren wir auch bei Rossmann in Großburgwedel, haben das Unternehmen besichtigt.” Und sich mit Experten vor Ort zum Thema Logistik ausgetauscht. Danach ging es zum Bürohandelsunternehmen Lyreco. Dort arbeiten Logistik-Profis, die einen der größten Dienstleister im Bereich Büromaterialien, Betriebssicherheit und Catering Europas betreiben.

„Allen gemeinsam ist die Furcht vor dem Chaos auf den Straßen, die Experten sagen, dass der Kollaps bevorsteht“, sagt Lambrich. Er erwartet, dass sich das auch auf die Lieferkapazitäten in der Apothekenbranche auswirken wird. Deshalb stellt er die Liefergewohnheiten der Branche auf den Prüfstand und fragt, ein wenig ketzerisch, ob die derzeitigen Bedingungen langfristig haltbar und grundsätzlich überhaupt nötig sind.

Zur Diskussion rund um den drohenden Verkehrskollaps kam bei der PGE-Tagung auch ein Thema auf den Tisch, das Apotheker gut kennen: Fachkräftemangel. „Derzeit sucht die Logistikbranche bundesweit 45.000 Kraftfahrer”, sagt Lambrich, „in den kommenden fünf Jahren werden 60.000 Fahrer aus Altersgründen ausscheiden.” Viel Nachwuchs ist nicht in Sicht, der Beruf des LKW-Fahrers hat in den vergangenen Jahren durch Sparmaßnahmen und EU-weiter Konkurrenz viel von seiner Attraktivität eingebüßt. Galten LKW-Fahrer früher als Helden der Autobahn, die gut verdienten und immer von einem Hauch Freiheit umweht wurden, um die sie Büroarbeiter beneideten, hat dieser Beruf einen drastischen Wandel erfahren. Schlechte Bezahlung, Fahren gegen die Uhr, strenge Kontrollen, was die Arbeitszeit betrifft: Der Verkehrskollaps scheint unausweichlich.

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