ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Wegen Finanzkommission: Inhaber passt Leistungen an

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Berlin -

Die Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen werden allen etwas abverlangen – das hatte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) immer wieder betont. Die Finanzkommission Gesundheit hat in dieser Woche einen Katalog mit 66 weit reichenden Maßnahmen vorgestellt, mit denen massive Einsparungen zugunsten der Krankenkassen generiert werden sollen. Ein Punkt ist die Streckung des höheren Fixums über mehrere Jahre. Inhaber Gerd-Friedrich Instetten zieht die Reißleine – und passt seine Leistungen radikal dem Fixum an.

Der Ostersamstagsnebel liegt bleiern über der Apotheke von Gerd-Friedrich Innstetten. Eine einzige 40-Watt-Birne brennt direkt über dem Handverkaufstisch. Das Licht ist derart schwach, dass es kaum ausreicht, um die Verfallsdaten der Hustensäfte zu lesen, aber hell genug, um die Stromrechnung nicht in den fünfstelligen Bereich zu treiben.

Er führt seine kleine Landapotheke seit vielen Jahren – es ist der letzte verbliebene pharmazeutische Außenposten im Umkreis von 15 Kilometern. Ein Relikt aus einer Zeit, als Arzneimittelversorgung noch kein Extremsport war.

Fixumsgemäße Anpassungen

Von österlicher Milde ist hier allerdings nichts zu spüren. Jede Form von Dekoration fehlt. „Dekoration ist eine unzulässige Ablenkung von der wirtschaftlichen Realität“, denkt sich Innstetten kühl, als er die Apotheke aufschließt. Apropos: Um die Heizkosten zu senken, herrscht in der Offizin eine Temperatur von exakt 15,1 Grad Celsius. Während sich die Kundschaft fröstelnd und mit hochgezogenen Schultern in die Apotheke hineinzittert, steht der Apothekeninhaber allein am HV. Personal ist ein Luxus, den er sich so sehr leisten kann wie ein Duell ohne Sekundanten.

Die Kommissionsempfehlung am vergangenen Montag hat bei ihm einen Schalter umgelegt: Leistungen werden gnadenlos der Vergütung angepasst – weil es schlicht nicht mehr anders geht. Dazu hat er auch die Technik auf ein funktionales Minimum skelettiert. Der Inhaber besitzt von allem nur noch genau ein Exemplar: einen HV-Computer, ein EC-Cash-Gerät, ein E-Rezept-Terminal. Den Kommissionierer hat er abgeschaltet; die Wartungsverträge übersteigen das Fixum eines ganzen Quartals.

Das Discounter-Prinzip der Pharmazie

Wer sein Blutdruckmittel will, muss warten, bis Innstetten im Backoffice die ungeöffneten Großhandelswannen und Direktbestellungen durchforstet hat. Er räumt nichts mehr ein – dafür fehlt ihm die Zeit. „Wir praktizieren hier das Discounter-Prinzip der Pharmazie“, erklärt er dem ersten Kunden des Tages mit der unbewegten Miene eines Konkursverwalters. „Wer Ästhetik oder Sortiertiefe will, soll ins Museum gehen.“ Der Kunde, der das Wort „Apothekensterben“ immer noch nicht gehört hat, starrt ihn fassungslos an.

Das Telefon schrillt im Hintergrund, doch Innstetten rührt sich nicht. „Telefonische Erreichbarkeit ist eine unbezahlte Mehrleistung“, stellt er trocken fest. Wer Fragen hat, muss persönlich erscheinen. Rückrufe gibt es nicht; die Zeit dafür ist im Honorar von vor zwanzig Jahren schlicht nicht vorgesehen.

Sogar die größte ganzjährliche Kundenzuwendung der Welt – Tüten – hat er gestrichen. Am Ende des HV-Tisches liegt lediglich ein Stapel altes Zeitungspapier zum Selberverpacken bereit. „Service auf dem Niveau des Fixums“, nennt Innstetten das. Keine Zeitungen mehr, keine Proben, keine Geschenke, nicht einmal Kalender und schon gar kein Botendienst.

Dreißig Sekunden Beratung ab jetzt

Als der Kunde zögerlich eine Verordnung über eine Hydrocortison-Rezeptur vorlegt, schiebt Innstetten sie pikiert mit der Spitze seines Füllfederhalters zurück. „Wegen sowas mache ich doch die Salbenrührmaschine nicht mehr an. Das wäre ja, als würde man eine Fregatte flottmachen, um eine Ente im Dorfteich zu jagen.“

Der Kunde blinzelt ungläubig. „Aber mein Arzt hat gesagt, das sei eilig.“

Innstetten sieht ihn ungerührt an und stellt eine mechanische Eieruhr mit einem aggressiven Knacken auf den HV. „Eilig? Ihre dreißig Sekunden Kommunikation beginnen jetzt, danach verlange ich eine Beratungspauschale. Allein das händische Erfassen dieses analogen Papier-Relikts frisst mehr Zeit, als das Fixum an Deckungsbeitrag hergibt. Ich werfe doch nicht den bürokratischen Apparat einer preußischen Kreisbehörde an, nur um ein Rezept für 8,35 Euro zu validieren.“

Er deutet auf ein rudimentär angebrachtes Packpapier an der Tür, auf das er die neuen Öffnungszeiten gekritzelt hat: „Wir haben nur noch das absolute Überlebensminimum geöffnet. Wer zu anderen Zeiten krank wird, hat offensichtlich die gesundheitspolitische Wetterlage nicht verstanden. Akute Notfälle passen einfach nicht mehr in meinen finanziellen Überlebensplan.“

Wo ist die Grenze?

In der Warteschlange wankt eine ältere Dame, die sich mühsam an einem leeren Freiwahlregal festhält. „Mir geht’s nicht so gut, könnten Sie kurz meinen Blutdruck messen?“, fragt sie mit brüchiger Stimme.

Innstetten schüttelt kaum merklich den Kopf. „Die Eichkosten und das Haftungsrisiko bei einer Fehlmessung übersteigen den Deckungsbeitrag Ihres gesamten Kundenkontos. Überhaupt: Pharmazeutische Dienstleistungen wie Ihre Medikationsanalyse letzte Woche wird es nicht mehr geben.“

Der Apotheker starrt wieder auf das Rezept. „Treibt man etwas auf die Spitze, so übertreibt man und hat die Lächerlichkeit“, sagt er kurz. „Zehn Jahre Honorarstillstand waren vielleicht noch Ehrensache, aber nach 20 Jahren ist es schlichtweg Unsinn. Wo liegt die Grenze? War sie schon überschritten, als ich die erste Glühbirne herausdrehte?“

Der Kunde blinzelt gleichermaßen überfordert wie irritiert: „Deshalb müssen Sie ja nicht gleich so unfreundlich sein.“ Innstetten schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht unfreundlich, ich bin es leid. Man fragt mich nach Empathie, während man mir das Licht ausdreht. Ab heute gibt es hier nur noch das gesetzliche Minimum: Packung gegen Geld und die notwendigste Erklärung.“

Innstetten winkt den nächsten Kunden heran. „Besprechen Sie das gerne mit Ihrem Arzt – falls Sie dort vor 2031 noch einen Termin ergattern.“

Fixum, Homöopathie, dm-med

Die Finanzkommission Gesundheit hat ihre Vorschläge zur Neuordnung der GKV-Finanzen am vergangenen Montag vorgestellt. Die Anhebung des Fixums soll auf mehrere Jahre verteilt werden. Außerdem sollen der pDL-Topf aufgeschüttet und Ausschreibungen im Bereich von Zytorezepturen wieder eingeführt werden. Auch homöopathische Präparate sollen künftig von den Satzungsleistungen ausgeschlossen werden. Außerdem empfiehlt die Finanzkommission, Cannabisblüten aus dem Leistungskatalog zu streichen. Nur Extrakte und Fertigarzneimittel sollen weiterhin erstattet werden.

Außerdem hat Stiftung Warentest das OTC-Versandangebot der Drogeriekette dm getestet. Untersucht wurden unter anderem Beratung, Service, Datenschutz und die Preise. Punktabzug gab es für die Beratung bei Wechselwirkungen; die Kundschaft wurde an einen Arzt oder Apotheker verwiesen.

In diesem Sinne – ein schönes Osterwochenende!

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