Das haut sogar Tante Ilse aus den Pantoffeln: Die neueste Analyse zur Apothekenstruktur feiert das Sterben der Landapotheken als „meist irrelevant“. Damit Ilse ihre Blutdrucktabletten trotzdem bekommt, muss sie jetzt im Schutz der Dunkelheit durch das Unterholz pflügen, da die Krankenkasse die Versorgungslage nur noch per Luftlinie misst. Wer sein Rezept einlösen will, braucht kein Auto mehr, sondern eine Machete und eine verdammt hohe Schmerztoleranz.
Nebel frisst die Konturen der Bundesstraße, doch in der Finsternis zwischen den Dörfern regt sich etwas. Ein Scharren auf feuchtem Schotterboden, das rhythmische Quietschen ungeschmierter Gelenke, ein kollektives, flaches Röcheln.
Schatten schälen sich aus dem Unterholz, kriechen über unbestellte Äcker und winden sich mit letzter Kraft durch Stacheldrahtzäune. Bleiche Hände recken zerknitterte Kassenrezepte in die Nachtluft wie weiße Fahnen einer verlorenen Schlacht. Die Blicke sind leer, die Kiefer hängen schlaff, der Gang ist ein mechanisches Schleifen durch den Matsch.
Dass diese Völkerwanderung der Gebrechlichen ausschließlich nachts stattfindet, hat rein pragmatische Gründe: Im Schutz der Dunkelheit lassen sich die Zäune der Villenviertel geräuschloser niederdrücken und die Jagdpacht der örtlichen Bauern stören, ohne dass sofort das SEK anrückt. Laut Analyse einer großen Krankenkasse ist die flächendeckende Apothekenstruktur nämlich „meist irrelevant“. Da die Distanz stur nach Luftlinie berechnet wurde, führt der kürzeste Weg zur 30 Kilometer entfernten Apotheke heute quer durch Brombeerhecken und Moore.
„Man gewöhnt sich an den Stacheldraht im Oberschenkel, solange man die Quittung für die Zuzahlungsbefreiung fest im Blick hat“, keucht Stammkundin Brigitte Burstedt, während sie Tante Ilse als menschliche Leiter über eine Gartenmauer hievt. Wer nicht mehr gehen kann, hat schlicht Pech gehabt – oder profitiert vom Sponsoring.
Ja, richtig gelesen: Längst ist aus dem Elend ein lukratives Business erwachsen. Namenhafte Unternehmen vermarkten die täglichen Überlebenskämpfe bereits als permanente Hindernisparcours. Während orthopädische Schuhhersteller ihre neuesten Modelle direkt an den Patienten im Gülle-Schlamm einlaufen lassen, testen Gehhilfen-Entwickler die Belastungsgrenzen ihrer Carbon-Stützen im Unterholz.
Die Versicherten haben der Agonie im Gelände System gegeben und die Trails nach Schweregraden benannt. Wer aus Oberhaching kommt, quält sich über den Hustensaftstieg durch die Rheuma-Klamm – ganz nach dem Motto, mit gebückter Haltung kommt man als Rheumapatient ohnehin gut den Berg hoch. Die Veteranen aus Hintertupfingen bezwingen die Kompressionsstrumpf-Steilwand und die Blutdruck-Bypass-Böschung, während Schmerzpatienten auf der Hämorrhoiden-Hochebene pausieren, bevor sie die finale Prothesen-Promenade in Angriff nehmen.
Aber Achtung: Wer mit dem elektrischen Rollstuhl kommt, gilt als „Cheater“; Motorunterstützung ist Präventionsbetrug. „E-Rollstuhl fahren ist wie Doping beim Hallenhalma“, schimpft Rollstuhl-Reiner, während er mit purer Armkraft einen umgestürzten Baumstamm überwindet.
Außerdem würde das zu Punktabzügen im Bonusprogramm führen. Ja, wieder richtig gelesen: Wer seine Gehwege trackt, sammelt Bonuspunkte in der kasseneigenen App; Gesundheitskurse und halbjährige Zahnarztbesuche waren gestern. 400 Punkte gibt es für das unfallfreie Tracken der Gesamtroute, 900 Punkte für das Überwinden eines Natodraht-Zauns auf fremdem Privatgrundstück und 1600 Punkte für das blinde Durchqueren des Maisfeldes von Bauer Petersen bei Neumond.
Den absoluten Highscore von 2500 Punkten gibt es für den sozialverträglichen Exitus noch auf dem Rückweg – das spart der Kasse das Medikament und der Rentenversicherung die komplette Umlage.
Auch der Landkreis hat das Potenzial erkannt. Da die Verwaltung überlastet ist, müssen die Wandernden auf dem Weg zu ihren Herztabletten noch Aufgaben der Daseinsvorsorge übernehmen.
Während Müllkiepen-Peter im Dickicht Abfall sammelt, protokolliert Rollstuhl-Reiner die Barrierefreiheit der Sumpfwiesen. Bauhof-Berta untersucht nebenbei die Leitplanken der Schnellstraße, und Tramper-Torsten, der nur aus Überlebensgründen die heimische Recheneinheit nach dem neuesten World-of-Wacraft-Addon verlassen hat, prüft im Delirium die Funktionstüchtigkeit defekter Straßenlaternen.
„Bewegung an der frischen Luft ist die beste Medizin“, lautet der Slogan der Kasse – vor allem, wenn es die einzige ist, die man überhaupt noch erreichen kann. Wer es nicht durch Wald und Wiesen schafft, ist der größte Geniestreich der Raster-Planung: Er taucht in keiner Statistik mehr auf, spart das Medikament und kurz darauf die Rente.
Am Ziel der Strecke harrt unwissend der Apotheker aus. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren, wehrt am Telefon verzweifelte Anrufer ab, die beim ärztlichen Notdienst seit Stunden in der Warteschleife hängen, und leistet telemedizinische Erste Hilfe bei Panikattacken und Sepsis.
Er hat eigentlich immer Notdienst; die wenigen verbliebenen Kolleg:innen sind längst in der Statistik untergegangen. Zwischen Kaffeerand und Verordnungschaos hört er es im Unterholz rascheln.
Im Morgengrauen reibt er sich ungläubig die brennenden Augen; er weiß nicht mehr, ob er wach ist oder bereits im Fieberwahn halluziniert. Er starrt von der Notdienstcouch aus dem Fenster in den dichten Nebel, aus dem sich eine Horde gebückter Rücken und ausgestreckter Arme schiebt.
Ein Meer aus bleichen Gesichtern starrt ihn an, die Rezepte wie Beweisstücke ihres Überlebenswillens fest umklammert. Der Apotheker schluckt trocken, während ihm ein Schauer über den Rücken läuft. „Das sind keine Zombies“, flüstert er schaudernd, „das sind Kassenpatienten.“
Tatsächlich hat das Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) pünktlich zur Anhörung zum Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) Daten zur Erreichbarkeit von Apotheken für die Bevölkerung vorgelegt. Die Ergebnisse zeigen laut Kasse, dass pauschale Strukturfördermaßnahmen nicht das richtige Mittel zur Sicherung des flächendeckenden Apothekennetzes sind.
Darüber hinaus rettete Apotheker Johannes Jokiel von der Jahreszeiten-Apotheke in Münster in dieser Woche vermutlich ein Leben. Der Approbierte empfahl einem Patienten eine routinemäßige Blutdruckmessung – das Ergebnis schockierte ihn und seine Kolleg:innen und er empfahl dringend den Gang zur Notaufnahme.
In diesem Sinne: Schönes Wochenende!
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