Apotheken sind mehr als reine Abgabestellen für Arzneimittel. Oft werden zusätzliche Beratungsleistungen jedoch nicht honoriert. Die Elisana-Apotheke in Gelsenkirchen bewarb sich auf eine Ausschreibung für ein Beratungs- und Lotsenangebot für Gesundheitsfragen und bekam den Zuschlag. Inhaber Gerrit Nattler, der sich auch mit seinen anderen Apotheken etwa für die Initiative „Safe Space“ engagiert, erhielt knapp 100.000 Euro, um die Bürgerinnen und Bürger für ein Jahr zu beraten.
Apothekenteams kennen ihre Kundschaft und genießen deren Vertrauen. Immer wieder vermitteln sie an weitere Ansprechpartner wie Ärztinnen, Ärzte oder Physiotherapeutinnen und -therapeuten. „Apotheken sind bereits Lotsen und übernehmen Aufgaben, die einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen haben“, sagt Nattler. Allerdings sei dies kein Bestandteil der Regelversorgung und damit nicht finanziert. „Wir wollen dahin, dass es sich auch finanziell lohnt und den Mitarbeitern Spaß macht.“
In Gelsenkirchen bewarb sich der Apotheker für ein neues einjähriges Projekt mit der Stadt. Ziel der Kooperation ist es, eine niedrigschwellige Unterstützung bei Fragen rund um ihre Gesundheit zu bieten. Vom Bedarf zum Antrag – nicht umgekehrt, wie er sagt. In der Elisana-Apotheke können sich die insgesamt rund 265.000 Bürgerinnen und Bürger während der regulären Öffnungszeiten kostenlos beraten lassen. Die Förderung sei öffentlich ausgeschrieben gewesen und liege knapp unter 100.000 Euro, sagt ein Sprecher der Stadt. „Häufig wissen Menschen mit konkreten gesundheitlichen oder sozialen Fragen nicht, welche Anlaufstelle zuständig ist oder wo sie passende Unterstützung erhalten können. Genau hier setzt die neue Beratungs- und Lotsenstelle an.“
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Elisana-Apotheke beantworteten gesundheitliche Fragen und unterstützten dabei, passende städtische Anlaufstellen, Gesundheitseinrichtungen oder Partnerorganisationen in Gelsenkirchen zu finden. „Ziel ist es, Orientierung zu geben, Zugangsbarrieren abzubauen und Menschen schnell und unkompliziert an die richtige Stelle zu lotsen.“ Die neue Beratungs- und Lotsenstelle sei ein weiterer Baustein des stadtweiten Angebots „Gemeinsam für Gesundheit – regional. sozial. bunt.“.
Für Nattler ist die Kooperation an Qualitätsstandards geknüpft, die er mitentwickelt. Innerhalb seiner Apotheken sei ein neues „Ressort Prävention“ gegründet worden. „Das ist eine sehr gute Aufwertung für die Mitarbeiter“. Es gehe darum, Leistungen unabhängig von Arzneimitteln anzubieten und diese vergütet zu bekommen. „Die Beratung muss sich tragen, egal, ob der Kunde am Ende sein Arzneimittel bei uns mitnimmt oder nicht.“
Oftmals betrifft die Lotsenfunktion ältere Menschen, doch auch die Generation Z – also junge Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind – benötigt mitunter Unterstützung. Mit der der Initiative „Safe Space“ des Projekts „OurGenerationZ“ sprechen bereits mehrere Apotheken gezielt jüngere Menschen an. Auch Nattler ist seit einem Jahr aktiv dabei und hilft Teenagern und jungen Erwachsenen. Ein Treiber dabei ist das Projekt „Marktplatz der Gesundheit“ mit rund 200 Apotheken, das Betriebe mit Informationen unterstützt. „So ungleich Jugend und Apotheke erscheinen mögen – als Tandem zeigen sie, dass Zukunft jetzt beginnt und Veränderung nicht beantragt, sondern gelebt wird.“
„Ich möchte ein Moderator des Netzwerks sein und spreche verschiedene Partner an“, sagt Nattler, der sich als Pionier auf diesem Gebiet sieht. Die Vor-Ort-Apotheke sei dafür viel besser geeignet als neu zu erschaffende Gesundheitskioske, wie sie der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Sinn hatte. „Die Apotheken sind längst vor Ort und kennen die Kunden, genießen das Vertrauen und sind etabliert, niederschwellig und barrierefrei erreichbar.“ Nattler rief etwa zu einem „Generationday“ auf und vernetzte die „GenZ“ mit lokalen Entscheidern aus Politik und Wirtschaft. „Das sind Formate, durch die wir als Apotheke sichtbar werden.“ In Dorsten, wo er weitere Apotheken betreibt, etablierte er einen „Runden Tisch Prävention“, um sich regelmäßig etwa mit Sportvereinen oder der Jugendhilfe zu treffen.
Seine Tätigkeit als Lotse in Dorsten ist nicht wie in Gelsenkirchen zentral gefördert. Dort sucht er aktiv bei Banken und Vereinen nach Sponsorengeldern, um die Arbeit in der Apotheke zu finanzieren. „Insgesamt haben wir einen niedrigen fünfstelligen Betrag zur Verfügung, der projektbezogen ist. Es ist ein völlig anderer Aufbau.“ Wichtig sei, dass es sich für die Apotheke am Ende trage – „und es irgendwann zur Regelleistung wird, die die Kassen bezahlen“.