Apotheke und Familie: „Irgendetwas leidet immer“ | APOTHEKE ADHOC
Interview Ann-Kathrin Kossendey-Koch

Apotheke und Familie: „Irgendetwas leidet immer“

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Berlin -

Fast 90 Prozent der Beschäftigten in öffentlichen Apotheken sind Frauen. Das Arbeitsumfeld hat einen besonders familienfreundlichen Ruf. Doch für Inhaberinnen gilt das nicht unbedingt: Zwischen Nacht- und Notdiensten die Kinder ins Bett zu bringen, ist keine Kleinigkeit. Ann-Kathrin Kossendey-Koch, Inhaberin von Kossendeys Gesundheitshaus im niedersächsischen Wiefelstede und dreifache Mutter, berichtet im Gespräch mit APOTHEKE ADHOC von ihrem Alltag.

ADHOC: Ist die Apotheke ein familienfreundlicher Arbeitsplatz?
KOSSENDEY-KOCH: Für die Mitarbeiter sicherlich. In der Apotheke arbeiten und eine Familie zu haben ist an sich gut vereinbar. Denn es bieten sich Möglichkeiten für Teilzeitarbeit oder einen Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Auszeit. Viele Apothekenleiter sind weiblich und haben daher Verständnis, wenn Angestellte wegen eines kranken Kindes einmal ausfallen. Auch die Selbstständigkeit mit Kindern ist machbar – dafür benötigt man allerdings genug Personal und eine Familie, die einen unterstützt.

ADHOC: Sie sind Mutter und Inhaberin. Was sind die größten Herausforderungen?
KOSSENDEY-KOCH: Ich habe drei Mädchen, siebenjährige Zwillinge und ein neun Monate altes Baby. Die Apotheke und das angeschlossene Gesundheitshaus habe ich vor etwa zehn Jahren von meinen Eltern übernommen. Für mich ist die Anwesenheitspflicht schwierig. Glücklicherweise wohnen wir über der Apotheke im gleichen Haus. Ich kenne aber auch Kolleginnen, deren krankes Kind im Nachtdienstzimmer schlafen musste. Wenn eine weitere Approbierte in der Apotheke arbeitet, ist natürlich alles deutlich leichter. Das Problem ist aber, überhaupt Personal zu finden: In den Universitätsstädten mag das gehen, in ländlichen Regionen wie hier im Ammerland ist es wirklich schwer. In meinem Fall unterstützen mich meine Eltern. Mein Vater, selbst Approbierter, springt für mich ein, wenn es nötig ist. Darüber hinaus bin ich außerhalb der Apotheke eingespannt: Ich übernehme den Großteil der Familienbetreuung, koche, bringe die Kinder ins Bett. In der Familienbetreuung liegt der größere Aufwand sehr oft bei der Mutter. Ich komme pro Tag im Durchschnitt vielleicht auf fünf, sechs Stunden Schlaf.

ADHOC: Wann standen Sie nach der Geburt wieder hinter dem HV-Tisch?
KOSSENDEY-KOCH: Gegen Ende der Schwangerschaft habe ich verkürzt weitergearbeitet. Eine Woche nach der Geburt war ich zurück in der Apotheke. Einige sind darüber erschrocken, aber es ist schließlich das eigene Unternehmen. Das will man im Auge haben, daran hängt eine Menge Herzblut. Ich bin außerdem ja nicht gleich wieder in Vollzeit eingestiegen. Doch wenn ich die Unterstützung insbesondere meiner Eltern nicht hätte, würde es nicht gehen. Ganz egal, wie viel Energie und Engagement man mitbringt.

ADHOC: Wie unterstützt Sie Ihr Mann?
KOSSENDEY-KOCH: Er arbeitet Vollzeit in einem großen Unternehmen. Daher kann er nur am Abend und am Wochenende zu Hause helfen. Ich denke, dass viele Männer sicherlich mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen, es gibt da ein generelles Umdenken in der ganzen Gesellschaft. Aber das oft höhere Einkommen soll eben nicht wegbrechen. Wenn beide Partner arbeiten, geht es nicht darum, einen luxuriösen Lebensstandard zu erreichen: Es ist vielfach eine Notwendigkeit! Beispielsweise, wenn die Apotheke an Verträge gebunden und noch nicht schuldenfrei ist. Dann müssen beide Partner arbeiten gehen. Auch PTA und PKA tragen mit ihrer Arbeit entscheidend zum Einkommen ihrer Familie bei. Wenn also eine Inhaberin aus Rücksicht auf ihre Familie aufgibt und keinen Nachfolger findet, können existenzsichernde Arbeitsplätze wegfallen.

ADHOC: Wie werden die Interessen selbstständiger Mütter von der Standespolitik vertreten?
KOSSENDEY-KOCH: Das ist überhaupt kein Thema. Das liegt wohl vor allem daran, dass dort überwiegend Männer sitzen, auf deren Radar das Problem gar nicht auftaucht. Hier in Niedersachsen haben wir immerhin Kammerpräsidentin Magdalene Linz: Sie ist selbst Mutter und kennt unsere Situation. Aber auf der Ebene darüber ist diese Perspektive unterrepräsentiert.

ADHOC: Sie selbst waren als „Protestapothekerin“ politisch aktiv, sind aber ruhiger geworden.
KOSSENDEY-KOCH: Ja, sich politisch zu engagieren ist als selbstständige Mutter umso schwieriger. Ich denke, so geht es vielen Kolleginnen. Die Zeit reicht dafür einfach nicht aus; sicher auch ein Grund, weshalb die standespolitischen Ämter vorrangig Männer übernehmen. Ich habe mich zur Geburt meiner jüngsten Tochter etwas zurückgezogen. Was ich sehr schade finde, denn es bleibt viel, was ich verbessern will. Anderen Interessen und Hobbys kann ich genauso wenig nachgehen: Der Tag hat nur 24 Stunden, und meine Zeit teilt sich momentan zwischen Apotheke und Familie auf. Aber das soll nicht klingen, als würde ich eine schwere Bürde tragen: Ich habe es mir so ausgesucht, und ich bin sehr glücklich, meine Kinder zu haben und Mutter sein zu dürfen.

ADHOC: Was möchten Sie Pharmaziestudentinnen mitgeben?
KOSSENDEY-KOCH: Überlegt vorher genau, ob ihr euch mit einer Apotheke selbstständig machen wollt, wenn ihr gleichzeitig eine Familie gründen möchtet. Selbstständigkeit bedeutet wirklich „selbst“ und „ständig“ – in dem Wort steckt also viel Wahres. Ansonsten gilt: Augen zu und durch, einfach machen. Leider muss ich sagen, dass Selbstständigkeit und Mutter sein definitiv eine Doppelbelastung bedeutet. Kinder und Beruf lassen sich nicht perfekt vereinen; irgendetwas leidet immer. Zumindest habe ich fast immer das schlechte Gewissen, entweder für meine Familie oder die Apotheke zu wenig da zu sein.

ADHOC: Was müsste sich ändern, damit die Selbstständigkeit für Mütter leichter zu schaffen wäre?
KOSSENDEY-KOCH: Auf jeden Fall müsste genug Nachwuchs an Approbierten da sein, um die Inhaberinnen zu entlasten. Außerdem müssten die politischen Bedingungen so aussehen, dass man dieses Personal auch bezahlen kann, ohne dass am Ende nichts mehr für einen selbst übrig bleibt. Gerade Landapotheken können sich eine Vollzeitkraft kaum leisten – so sie denn überhaupt eine finden. Auch Unterstützung von der Kammer wäre sinnvoll: Zum Beispiel könnte ein Pool aus „Feuerwehrkräften“ zusammengestellt werden, die im Notfall für eine kurze Zeit einspringen könnten.

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