Impfzertifikate: „Das hätte ein Siebtklässler machen können“

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Berlin -

Die allermeisten Apotheker:innen sind keine IT-Experten. Sie müssen nur die Suppe auslöffeln, die die ITler von DAV, Gematik und Co. ihnen einbrocken, zuletzt – und immer noch – bei den digitalen Impfzertifikaten. IT-Experten vom Fachmagazin Heise haben sich nun am Donnerstag etwas eingehender mit dem Debakel rund um die Impfzertifikate befasst. Sie fanden wenige gute Worte für die Arbeit des Deutschen Apothekerverbands (DAV).

Wie sah es eigentlich aus Kundensicht aus, als die Apotheken beim Start der digitalen Impfzertifikate ihr Glück versuchten? Der IT-Journalist Gerald Himmelein, der unter anderem für Heise und das Computermagazin c’t schreibt, hat am Donnerstag von seinen Erfahrungen berichtet. Er sei gleich zu Beginn in eine Apotheke gegangen, um sich sein Impfzertifikat abzuholen. „Die Apotheke war völlig überfordert. Der Server lief nicht rund, das Portal hängte sich ständig auf und die Mitarbeiter hatten nur eine ungenügende Einweisung erhalten, wie das zu bedienen ist“, erzählte er am Donnerstag in einem Gespräch mit seinen Kollegen Martin Holland und Jürgen Kuri. „Ich dachte mir dann, das lief jetzt aber nicht so rund.“

Seitdem habe er das Thema verfolgt – insbesondere, nachdem die beiden Sicherheitsforscher Dr. André Zilch und Martin Tschirsich die eklatanten Sicherheitslücken des DAV-Portals aufgedeckt hatten. Kritik übt er vor allem am Umgang mit der Krise. „Als ich das mit den professionellen Fälschungen gelesen habe, dachte ich mir schon, da wird was nicht ganz stimmen“, so Himmelein. Die Reaktion des DAV gegenüber den beiden IT-Experten sei dabei wenig angemessen gewesen: Statt sich – wie Zilch und Tschirsich es in solchen Fällen nach eigenen Angaben gewöhnt sind – zusammenzusetzen, die Probleme zu besprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, griff der DAV der geplanten Veröffentlichung des Handelsblatts mit einer eigenen Mitteilung vor, in der er von besagten „professionellen Fälschungen“ sprach – und schaltete das Portal kurzerhand komplett ab, ohne die Apotheken darüber zu informieren. „Der Apothekerverband hat sich sehr unsportlich verhalten“, so Himmelein.

Auch von „professionellen Fälschungen“ könne wahrlich keine Rede sein, vielmehr sei es erschreckend einfach gewesen, den DAV zu überlisten. „Das hätte ein Siebtklässler machen können.“ Genau wie Tschirsich und Zilch gehen sie davon aus, dass der Not-Stop und Neustart des Portals die eigentlichen Sicherheitsprobleme nicht löse.

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