Therapieverzögerung

Direktvertrieb zu spät: Patientin verstirbt

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Berlin -

Verschiedene hochpreisige Arzneimittel sind für Apotheken über den Großhandel nicht zu bekommen, sondern müssen direkt beim Hersteller oder über zwischengeschaltete Spezialgroßhändler besorgt werden. Das bedeutet nicht nur einen erheblichen Mehraufwand für die Apotheken – im schlimmsten Fall wird sogar die Therapie unterbrochen oder verzögert. Apotheker Dr. Christian Fehske aus Hagen hat deshalb jetzt die Aufsichtsbehörde eingeschaltet.

Fehske hatte für eine Patientin das Mittel Tagrisso (Osimertinib) bestellt. Das Krebsmedikament des Herstellers AstraZeneca wird exklusiv über die Phoenix-Tochter Virion vertrieben. Weil die Lieferung länger dauert als über seinen normalen Großhändler, trat laut Fehske eine Therapieverzögerung ein.

Direktvertrieb ist kein Engpass

In diesem Fall besonders bitter: Laut Fehske verstarb die Patientin, bevor sie die eigentlich zwei Tage zuvor neu angesetzte orale Therapie beginnen konnte. Ihr Witwer fragte in Fehskes Apotheke besorgt nach, ob er nun die Kosten für das teure Medikament übernehmen müsse. Dahingehend konnte ihn der Apotheker zwar beruhigen, der Fall belegt aus seiner Sicht aber eindrücklich, was für Probleme aus der Vertriebspraxis des Herstellers drohen.

„Davor habe ich immer gewarnt, dass es der Zufall eines Tages so will, dass jemand verstirbt, während das verordnete Arzneimittel noch nicht geliefert wurde.“ Der eigentliche Skandal ist aus seiner Sicht, dass es sich nicht um einen echten Lieferengpass handelt: „Es wird bewusst nur ein Lieferweg vorgegeben – und das ist nicht der im Arzneimittelgesetz vorgesehene.“ Das Präparat nicht über die vollversorgenden Großhändler zu vertreiben, sei eine ausschließlich unternehmerische Entscheidung des Herstellers.

Immerhin: Virion hatte den Artikel am Samstag geliefert, ohne dafür zusätzliche Gebühren zu verlangen, wie es die neuen AGB des Spezialgroßhändlers vorsehen. Fehske erkennt darin zwar eine erste Einsicht, ist aber trotzdem nicht zufrieden: „Hätten wir normal über den Großhandel bestellt, hätte die Patientin ihr Präparat am Donnerstag bekommen.“ Am Samstagmorgen sei sie ins Krankenhaus eingeliefert worden und dort verstorben. Das wäre mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch passiert, wenn die Therapie wie verordnet fortgeführt worden wäre, so Fehske. „Aber es wird der Tag kommen, an dem wir in der Apotheke sehr unangenehme Fragen werden beantworten müssen.“

Der Fall der Tagrisso-Patientin ist dabei nicht einmal der einzige. Eine Therapieunterbrechung bei Calquence (Acalabrutinib) hat Fehske der AMK gemeldet. Auch das Leukämiepräparat von AstraZeneca wird exklusiv über Virion vertrieben. Die behandelnden Ärzte bestätigten auf Nachfrage, dass die Unterbrechung von einem Tag hier keinen großen Unterschied mache. Die beiden Vorfälle innerhalb einer Woche hätten ihn aber „noch einmal aufgerüttelt“, bei der Aufsichtsbehörde nachzufragen, so Fehske. Eine Antwort steht noch aus.

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