Ein winziger Aufkleber an einem Apothekenschaufenster – außen, ganz wichtig – hat bundesweit für Furore gesorgt. Seitdem befinden sich sämtliche Bauaufsichts- und Denkmalschutzbehörden im Mobilmachungsmodus. Ein Sondereinsatzkommando sorgt ab sofort für Recht und Ordnung.
Hauptkommissar Korbinian Klemm, Leiter des Sonderkommission für Adhäsive Gefahrenabwehr, polychrome Immissionsabwehr und morphologische Normkonformität, rückt an einem Samstagmorgen seine randlose Brille zurecht. Er ist eine Mischung aus preußischem Erbsenzähler und Präzisionsmessgerät; ein Mann, der ein Staubkorn auf Stuck als Affront gegen die öffentliche Ordnung begreift. Also: Genau der Richtige, um das historische Stadtbild vor der modernen Klebewut bunter Werbekampagnen und architektonischen Fehltritten zu bewahren.
Der Hauptkommissar steht vor der historischen Markt-Apotheke in Niederüberunterberg. Mit chirurgisch-präzisem Blick fixiert Klemm einen Monitor im Schaufenster. Da der Hinweis über die nächste dienstbereite Apotheke laut § 23 Absatz 5 der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) von außen zwar gut lesbar sein muss, er das dafür nötige LED-Licht aber als Lichtimmission mit Entstellungscharakter wertet, ordnet Klemm die Beleuchtung durch eine historisch korrekte Petroleumlampe an. Dem Inhaberin rechnet er auf die dritte Nachkommastelle vor, wie viel Lux eine Dochtflamme im Vergleich zur völlig überzogenen Diode emittiert.
Mit ehrfürchtigem Schaudern streicht er anschließend über das Glas der Schaufensterfront. „Diese Scheibe stammt aus der frühen Epoche des Doppelverglasungsklassizismus“, raunt er fast zärtlich, bevor sein Blick schlagartig gefriert. „Sie haben doch hier nicht irgendwo Plakate aufgehängt oder gar“ – er rückt sich die Brille zurecht, als könne er das Unheil bereits riechen – „Aufkleber angebracht?“
Klemm lässt seinen Blick mit kühler Präzision zur nächsten Fensterscheibe schweifen. Dann erkennt er es: ein massives, rotes Quadrat einer „Apotheke vor Ort“-Kampagne, das außen auf der Scheibe klebt. Er erkennt in den Maßen sofort die neuralgische Größe aus dem bundesweiten Präzedenzfall wieder: 784 Quadratzentimeter adhäsiver Ungehorsam. Direkt daneben wirbt eine drollige Hummel mit Kulleraugen für Bio-Nachtcreme. Klemm erschaudert: Genau vor diesem Extremfall hatte seine Behörde ihn gewarnt. Dafür war er hier. Dafür war er in einem Wochenendintensivkurs ausgebildet worden.
„Verstehen Sie denn nicht, dass Sie hier die statische Integrität des Ensembleschutzes untergraben?“, fährt er die Inhaberin an, während sein Zeigefinger gefährlich nah vor der Hummel zittert. Mit bebender Stimme verfügt er die sofortige Entfernung mittels Pinzette und Weingeist.
Als hätte er Lunte gerochen, inspiziert er noch die Offizin. Vor Kasse 3 erstarrt er erneut, diesmal vor ehrfürchtigem Schaudern. „Der Rezeptdrucker ist antik“, stellt er mit dem Kennerblick eines Kurators fest. „Drucken Sie etwa damit!?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, deklariert er das Gerät nebst dem treuen Faxgerät – das beim letzten TI-Ausfall die Versorgung sicherte – zum nationalen Kulturgut und lässt beide unter Polizeischutz als Antik-Bestand abtransportieren.
Am späten Nachmittag erreicht der Soko-Beauftragte dann die ehrwürdige Löwen-Apotheke im Nachbarort. Als seine Füße die dreistufige Treppe berühren, durchfährt ihn auf der zweiten Stufe eine innere Erschütterung biblischen Ausmaßes. Es ist ein metaphysischer Schmerz, als würde die gesamte Tektonik des Rechtsstaates unter seinen Sohlen wegbrechen. All die aufgestaute Aggression der letzten Stunden entlädt sich in einem donnerhallartigen Brüllen, das das gesamte Apothekenteam samt Kundschaft zusammenfahren lässt: „Die Treppe ist nicht genormt!“
Klemm kniet sich mit der Agonie eines sterbenden Schwans seine Präzisions-Wasserwaage an. „DIN 18065, Herr Apotheker! Das Fundament unserer Zivilisation, ein sakrosanktes Regelwerk der Ewigkeit, und Sie treten es mit Füßen.“ Dem Hauptkommissar läuft eine einsame Träne der Fassungslosigkeit über die Wange. „Die Auftrittsbreite variiert um 3,742 Millimeter. Das ist eine vorsätzliche Stolperfalle, ein Attentat auf die menschliche Motorik. Ich verfüge über die Versiegelung des Eingangsbereichs! Und zwar sofort!“
Doch Klemm wäre nicht Klemm, wenn er keine Sofortmaßnahme parat hätte: Er verfügt den kompletten Rückbau auf das Null-Niveau, wofür der Apotheker das gesamte Erdgeschoss um exakt 48,5 Zentimeter absenken muss, da eine Rampe die Sichtachse stören würde. Dieser Aushub darf aufgrund potenzieller Relikte nur unter archäologischer Begleitung mit einem Teelöffel erfolgen.
Als Übergangslösung für die nächsten 15 oder so Jahre dient ein historisch akkurater Flaschenzug aus Eichenholz und Hanfseilen. „Und wagen Sie es nicht“, fügt Klemm beim Gehen hinzu, „die Seile mit modernem Kunststoff zu verstärken. Ich erkenne Polyethylen am Geruch, noch bevor ich den Messschieber aus der Tasche habe!“
Tatsächlich droht Inhaberin Astrid Weickein gebührenpflichtiges Verfahren, wenn sie die Kooperationsaufkleber mit Elac Elysée nicht von der Außenseite der Schaufensterscheibe der Ziehten-Apotheke im brandenburgischen Neuruppin entfernt. Die nur 28 x 28 cm großen Aufkleber würden gegen die Bauvorschriften verstoßen. „Ich muss sie innerhalb von vier Wochen entfernen“, beklagt sie.
Außerdem in dieser Woche: Eine Apothekerin in NRW hat ihre Urlaubsvertretung wegen auffallenden Verhaltens angezeigt. Der Mann war bereits behördlich bekannt, praktizierte aber trotz bestehender Zweifel an seiner gesundheitlichen Eignung. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entzog ihm nun final die Approbation.
Nach der Kündigung der Hilfstaxe überzogen Krankenkassen Vor-Ort-Apotheken mit massiven Retaxationen bei Rezepturen. Das Bundessozialgericht (BSG) entschied hat nun entschieden, dass Apotheken die ganze Packung statt nur der Teilmengen abrechnen dürfen. Die IKK classic erkennt dieses Urteil nun an und nimmt ihre Rückforderungen zurück.
In diesem Sinne: Schönes Wochenende!
APOTHEKE ADHOC Debatte