Kommentar

Pssssssttt, mehr Geld...

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Berlin -

In der großen Wirtschaft laufen Tarifverhandlungen in der Regel mit erheblicher medialer Begleitmusik ab. Mehr noch: Es wird gestreikt, gejammert und meist erst in den frühen Morgenstunden nach nächtelangem Ringen ein Ergebnis verkündet. Bei der Apothekengewerkschaft Adexa und dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) ist das nicht das Fall. Sie gehen so fürsorglich miteinander um, wie man es sich bei Schwester und Bruder wünscht. Das hat seine Gründe, kommentiert Lothar Klein.

Jetzt haben Adexa und ADA nach kurzem Scharmützel still und leise einen neuen Tarifvertrag geschlossen. Er gibt für alle Apothekenmitarbeiter linear 2,5 Prozent mehr – von der PTA bis hin zum angestellten Apotheker. Wie immer bei solchen Kompromissen ist die Erhöhung den einen zu viel, den anderen zu wenig. Dabei liegen 2,5 Prozent – gemessen an der nach wie vor niedrigen Inflationsrate – irgendwo im Mittelfeld der branchenweiten Tariflandschaft.

Wenn die Erwartungen von Adexa höher lagen, mag dies an der von der großen Koalition den Apothekern zugebilligten Honorarerhöhung von 100 Millionen Euro für Rezeptur und BtM liegen. Auf der anderen Seite kämpfen die Apotheken seit dem EuGH-Urteil gegen die Wettbewerbsvorteile der Versender aus dem Ausland. Auch wenn sich das noch nicht im Rohertrag niederschlägt – die Sorge vor Abwanderung des Geschäfts ins Internet ist berechtigt. Immerhin konnte DocMorris im ersten Quartal seinen Rx-Umsatz um 17 Prozent steigern.

Und dann kommt möglicherweise noch etwas auf die Apotheken zu: Der Skonto-Prozess geht am 13. Juli vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in die vorerst letzte Runde. Niemand kann vorhersagen, ob daraus neue Belastungen entstehen. So gesehen ist der 2,5-Prozent-Kompromiss ein für beide Seiten vertretbarer Abschluss.

Ohnehin unterliegt das Spannungsfeld von ADA und Adexa besonderen Bedingungen: Die Personalgemeinschaften in den meisten Apotheken sind angesichts der kleinen Mitarbeiterzahl eng und von einem persönlichen Verhältnis geprägt. Da geht es häufig familiär zu – aber auf keinen Fall wie in einem großen Unternehmen. Das hat Vorteile, aber auch andere Konsequenzen. Einen Arbeitnehmerstreik in Apotheken zu organisieren, ist für Adexa eine „Mission Impossible“. Die Apothekengewerkschaft gibt noch nicht einmal ihren Organisationsgrad in den Apotheken bekannt. Man darf getrost daraus schlussfolgern, dass keine Drohgebärden möglich sind.

Apotheker und ihre Mitarbeiter sitzen vielmehr in einem Boot. Geht es der Apotheke gut, geht es den Mitarbeiten besser. Viele Apotheken zahlen zudem übertarifliche Leistungen. Irgendwie arrangiert man sich in den Apotheken – und wem es nicht gefällt, der kann sich angesichts der Arbeitsmarktsituation eine andere Stelle suchen. Also: Auch der Apothekeninhaber steht unter Druck und kann nicht nach Gutsherrenart machen, was er will.

Merkwürdig ist allerdings, dass sich Adexa und ADA so schwer tun mit der Bekanntgabe des vorzeigbaren Tarifergebnisses. Feiertag und Brückentag als Begründung taugen da nicht. Dass Mitarbeiter und Apotheker erst mit einer Woche Verspätung erfahren sollten, wie und ab wann der neue Tarifvertrag gilt, ist mehr als eine Panne. Da haben Schwester und Bruder einen Deal gemacht und waren sich selbst genug. Für eine Dienstleistungsbranche, in der gute Kommunikation zum Geschäftsmodell gehören sollte, ist das nicht nachvollziehbar.

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