Das Phänomen, pünktlich zum Urlaubsbeginn oder am Wochenende flachzuliegen, kennen fast 72 Prozent aller Beschäftigten. Die „Leisure Sickness“ oder Freizeitkrankheit beschreibt ein psychosomatisches Reaktionsmuster, bei dem der Körper auf einen schlagartigen Abfall von chronischem Stress mit Erschöpfung und akuten Krankheitssymptomen reagiert. Deswegen sind Gürtelrosen im Urlaub keine Seltenheit.
Hinter der Freizeitkrankheit steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Befinden sich Personen in einer dauerhaften Stressphase, schüttet der Organismus vermehrt die Hormone Adrenalin und Cortisol aus. Adrenalin hält den Körper kurzfristig extrem leistungsfähig und dämpft die Wahrnehmung von Schmerzen oder Abgeschlagenheit.
Gleichzeitig wirkt das vermehrt ausgeschüttete Cortisol immunsuppressiv – es unterdrückt Entzündungsprozesse und die sichtbaren Abwehrreaktionen des Körpers. Infektionen können sich in dieser Zeit zwar im Körper ausbreiten, die typischen Symptome wie Fieber oder Schnupfen bleiben jedoch aus.
Fällt die Belastung am ersten freien Tag im Urlaub jedoch abrupt ab, sinkt der Adrenalinspiegel rasant. Der Cortisolspiegel hingegen baut sich nur sehr langsam ab. In diesem Moment der Entspannung fährt das vegetative Nervensystem in den Ruhemodus herunter. Das Immunsystem nimmt seine Arbeit plötzlich wieder voll auf und bekämpft die verschleppten Erreger. Erst diese späte, heftige Immunantwort löst die klassischen Grippesymptome, Frösteln oder Gliederschmerzen aus.
Zudem kann es zu einem hormonellen Ungleichgewicht kommen. Bei chronisch Gestressten führt der plötzliche Abfall von Botenstoffen wie Noradrenalin zu einer akuten Imbalance im Gehirn, was am ersten freien Tag häufig Migräne oder Spannungskopfschmerzen triggert.
In rund 65 Prozent der Fälle äußert sich die Freizeitkrankheit durch virale Infekte der oberen Atemwege. Bei 22 Prozent stehen Kopfschmerzen im Vordergrund, gefolgt von Magen-Darm-Beschwerden mit 13 Prozent. Ein weiteres großes Risiko bei geschwächter Immunabwehr ist die Reaktivierung von ruhenden Viren im Körper – wie dem Varizella-Zoster-Virus. Dieses kann eine schmerzhafte Gürtelrose auslösen.
Arbeitspsychologen und Mediziner empfehlen ein gezieltes Gegensteuern auf zwei Ebenen:
Analog zum Sport, wo Athleten ihre Trainingsintensität vor einem Wettkampf langsam herunterschrauben, sollte auch die Arbeitsbelastung vor dem Urlaub möglichst stufenweise reduziert werden. Eine transparente Übergabe von Aufgaben sollte idealerweise drei Tage vor dem Urlaub abgeschlossen sein, um Stressspitzen am letzten Arbeitstag zu vermeiden. Zudem helfen „Puffertage“ – also mindestens ein oder zwei freie Tage zu Hause, bevor eine Reise angetreten wird –, dem Körper den Übergang in den Ruhemodus sanft zu erlauben.
Wichtig ist es, Erholungsrituale fest in den normalen Alltag zu integrieren und nicht alles auf den Jahresurlaub zu projizieren. Bewegung, Spaziergänge an der frischen Luft oder moderater Sport helfen dem Körper nachweislich besser dabei, Cortisol und Adrenalin gesund abzubauen, als völlige Passivität.
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