Ob Sieben-Stunden-Regel, Powernaps oder Entspannungstricks vor dem Zubettgehen: Wenn es um den perfekten Schlaf geht, kursieren unzählige Empfehlungen. Im APOTHEKE ADHOC Webinar „Schlaflos in Deutschland?“ in Kooperation mit der Apotheken Umschau räumte Professor Dr. Thomas Penzel, wissenschaftlicher Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Berlin und Präsident der World Sleep Society, gründlich mit gängigen Schlafmythen auf – und lieferte faszinierende Einblicke in die Zukunft der digitalen Schlafmedizin.
Eine der am tiefsten verankerten Weisheiten lautet: Acht Stunden Schlaf sind ideal. Doch wie Prof. Penzel im Webinar verdeutlichte, gibt es biologisch gesehen keine universelle, optimale Schlafdauer. Dass sich Fachgesellschaften letztlich auf eine Richtlinie von sieben bis neun Stunden geeinigt haben, war vor allem dem Wunsch der Öffentlichkeit und des Marktes nach einer greifbaren Orientierung geschuldet.
In der Realität ist der Schlafbedarf extrem individuell:
Beide Extreme sind genetisch bedingt und völlig normal. Eine starre Stundenzahl als Maßstab zu nehmen, erzeugt oft mehr Druck als Nutzen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für den Apothekenalltag betrifft die Fragestellung in der Beratung: In der Praxis wird Ratsuchenden meist die klassische Frage gestellt, wann sie schlecht schlafen oder wie lange sie zum Einschlafen brauchen. Penzel richtete hier einen eindringlichen Appell an das Fachpersonal.
Der Fokus in der Beratung muss sich grundlegend verschieben: Es geht nicht primär um die reine Dauer oder einzelne Unterbrechungen, sondern um die Frage, ob der Schlaf erholsam war. Wer morgens erholt aufsteht und tagsüber leistungsfähig ist, hat keinen krankhaften Schlafmangel – ganz egal, was Uhrzeiten, Normwerte oder Schlaf-Tracker anzeigen. Diese Umstellung in der Gesprächsführung nimmt vielen Betroffenen sofort den enormen Druck des „Schlafenmüssens“.
Gegen einen kurzen Powernap am Tag ist grundsätzlich nichts einzuwenden – solange die Marke von etwa 30 Minuten nicht überschritten wird. Nach etwa einer halben Stunde gleitet der Körper in die erste tiefere Schlafphase. Wer daraus gerissen wird, leidet unter sogenannter „Schlafträgheit“ und fühlt sich für den Rest des Tages wie gerädert.
Entwarnung gab der Experte beim Thema Begleitgeräusche: Wer Musik, Podcasts oder Hörbücher benötigt, um den Alltagsstress auszublenden, kann dies bedenkenlos nutzen. Solange die Geräusche nicht als störend empfunden werden oder ein nächtliches Aufwachen provozieren, spricht aus schlafmedizinischer Sicht nichts dagegen.
Ein zentraler Block des Webinars galt Consumer-Wearables wie Smartwatches und Ringen. Prof. Penzel stellte klar, dass moderne Wearables mittlerweile Erstaunliches leisten und wertvolle Hinweise – etwa auf Atemaussetzer (Schlafapnoe) oder die Verteilung von Schlafphasen – liefern können. Bei der Auswahl empfiehlt sich ein Blick auf die Zertifizierungen der Fachgesellschaften.
In einer Live-Umfrage unter den Webinar-Teilnehmenden zeigte sich deutlich: Melatonin-Präparate erleben in den Apotheken aktuell einen immensen Hype. Experte Penzel ordnete diesen Trend nüchtern ein:
Die Zukunft der Schlafmedizin sieht Prof. Penzel zunehmend in den eigenen vier Wänden. Durch die Weiterentwicklung smarter Sensoren wird sich die Diagnostik schrittweise aus dem klassischen Schlaflabor nach Hause verlagern.
Ob Mythen, Messwerte oder Melatonin: Der entscheidende Gradmesser für gesunden Schlaf bleibt das individuelle Gefühl beim Aufwachen und die Leistungsfähigkeit am Tag. Mit dieser klaren Orientierung, der Berücksichtigung moderner Wearable-Daten und einer gezielten Ursachenforschung lässt sich das Thema Schlaf im Apothekenalltag fundiert und praxisnah einordnen.
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