Rund 75.000 Frauen – und auch etwa 500 Männer – erkranken in Deutschland jedes Jahr an Brustkrebs. Im aktuellen APOTHEKE ADHOC Webinar powered by Apotheken Umschau diskutierten Professor Dr. Nadia Harbeck und Fachapothekerin Kerstin Bornemann über den Wandel in der Versorgung: Warum Zweitmeinungen in zertifizierten Brustzentren meist überflüssig sind, weshalb körperliche Bewegung in der Rezidivprophylaxe extrem wichtig ist und wie die Apotheke vor Ort als Leuchtturm für Adhärenz und pDL das Zünglein an der Waage sein kann.
Die Erstdiagnose Brustkrebs ist für Betroffene ein Schock. Doch in der modernen Onkologie gilt mehr denn je: Das Erstgespräch muss nicht überstürzt werden. Brustkrebs ist in den allermeisten Fällen kein stundenaktueller Notfall, Patientinnen haben Zeit, durchzuatmen und Entscheidungen in Ruhe zu treffen.
Ein zentraler Punkt im Webinar: Die Sorge vor einer falschen Therapieentscheidung ist unbegründet, wenn die Behandlung in einem zertifizierten Brustzentrum stattfindet. „Eine Zweitmeinung ist im Grunde gar nicht nötig“, betonte Professor Dr. Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums am LMU Klinikum München. Der Grund: In zertifizierten Zentren trifft nie ein Arzt alleine eine Therapieentscheidung. Jeder Fall wird interdisziplinär im Tumorboard von Onkologen, Radiologen, Pathologen und Chirurgen auf Basis aktuellster Leitlinien diskutiert.
Während die Primärtherapie wie Operation oder Infusionen in der Klinik oder ambulant in Praxen stattfindet, verlagert sich die anschließende Langzeitversorgung immer stärker in Richtung Apotheke. Grund dafür ist die rasante Zunahme oraler Antitumor- und Antihormontherapien, die in Therapie, Nachsorge oder Rezidivprophylaxe zum Teil sogar über Jahre eingenommen werden. Der regelmäßige Kontakt der Patientinnen findet somit nicht mehr ausschließlich im Brustzentrum statt, sondern mehr und mehr am Handverkaufstisch.
Hier kommt die pharmazeutische Betreuung ins Spiel – und speziell die pharmazeutische Dienstleistung (pDL) „pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie“. Kerstin Bornemann, Fachapothekerin für Onkologische Pharmazie und Psychoonkologin aus der Marien-Apotheke Göttingen, machte dem Apothekenteam im Webinar Mut: „Die pDL ist wirklich kein Hexenwerk!“ Zudem dürfe diese mit der Qualifikation für die pDL „Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation“ von Apotheker:innen durchgeführt und abgerechnet werden.
Bornemann betont, dass niemand hunderte oraler Onkologika ad hoc auswendig kennen müsse: Da die Spezialpräparate meist bestellt werden müssen, bietet sich für die Apotheke eine ideale Chance: Einen separaten Beratungstermin vereinbaren, in Ruhe die Pharmakologie und Medikation auf potenzielle Interaktionen prüfen und die Patientin gezielt einbestellen. Diese strukturierte Begleitung sollte nicht nur geleistet, sondern auch selbstbewusst als pDL abgerechnet werden.
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Dass eine engmaschige Begleitung überlebenswichtig ist, unterstrich Harbeck mit Blick auf die Therapietreue. Viele Frauen wiegen sich nach der erfolgreichen Operation in trügerischer Sicherheit: Der Tumor ist entfernt, man fühlt sich gesund – warum also jahrelang Tabletten mit teils unangenehmen Nebenwirkungen schlucken?
Unbegleitete Nebenwirkungen führen jedoch häufig zu eigenmächtigen Therapieabbrüchen, was das Rückfallrisiko drastisch erhöht. Bornemann riet zu einer stufenweisen Aufklärung: Patientinnen nicht mit allen potenziellen Nebenwirkungen erschrecken, sondern dosiert informieren – was kann in den ersten Wochen auftreten, was erst später? Bei Beschwerden muss gemeinsam gegengesteuert werden, sei es durch Symptomlinderung oder einen in Absprache mit dem Arzt veranlassten Präparatewechsel.
Auch mit hartnäckigen Mythen räumten die Expertinnen auf. Das Prinzip, dem Tumor durch spezielle Diäten („Krebsdiäten“) die Nahrung zu entziehen, funktioniert physiologisch nicht. Harbeck brachte es auf den Punkt: „Die letzte Zelle im Organismus, die nichts mehr bekommt, ist die Tumorzelle.“ Der Tumor hole sich immer, was er braucht. Empfohlen wird eine ganz normale, vollwertige und pflanzenorientierte Ernährung.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist Vorsicht geboten: Eigenmächtig eingenommene Präparate – unter Umständen aus unsicheren Internetquellen – könnten die Wirkung der Krebstherapie abschwächen oder Toxizitäten verstärken. Der Wunsch der Frauen nach Selbstwirksamkeit sollte stets gelobt, die Einnahme von Mikronährstoffen ohne nachgewiesenen Mangel aber kritisch eingeordnet werden.
Das einzige Mittel zur Rezidivprophylaxe mit herausragender wissenschaftlicher Evidenz ist hingegen kein Nahrungsergänzungsmittel, sondern körperliche Bewegung: Zwei- bis dreimal pro Woche eine Kombination aus Ausdauer- und gezieltem Krafttraining senkt das Rückfallrisiko nachweislich.
Das Fazit des Abends: Die Apotheke muss nicht jede medizinische Detailfrage beantworten, sollte sich aber als Orientierungs-Leuchtturm im Netzwerk positionieren. Wenn das Team Kontakte zu lokalen Selbsthilfegruppen, spezialisierten Perückenmachern, Sanitätshäusern und psychoonkologischen Beratungsstellen parat hat und Patientinnen aktiv weiterleitet, wird die multiprofessionelle Betreuung gelebt – gemeinsam stark gegen Brustkrebs.
Brustkrebs – eines der Themen der aktuellen Apotheken Umschau.
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