Mit gerade einmal 29 Jahren wagte Julia Baur zum 1. Juli den Schritt in die Selbstständigkeit: Die junge Apothekerin übernahm die Markt-Apotheke im rheinland-pfälzischen Göllheim.
Seit dem 1. Januar ist Baur zunächst als angestellte Apothekerin in der Markt-Apotheke tätig gewesen – obwohl der Kaufvertrag bereits unterschrieben war. „So konnte ich das Team, die Kundschaft und die Abläufe kennenlernen“, erklärt die Apothekerin.
Ihr praktisches Jahr absolvierte Baur in zwei verschiedenen Apotheken in München. Nach ihrem Studium arbeitete sie rund zwei Jahre lang in einer öffentlichen Apotheke in Greifswald und ein weiteres Jahr jeweils in Mainz und Alzey.
„Die Übernahme in Göllheim hat sich relativ spontan ergeben“, erzählt sie. In Göllheim ist sie keine Fremde: Baur ist in der Gemeinde zum Kindergarten und zur Grundschule gegangen. „Ich kannte also die Gegend und die Leute“, erzählt sie. Viele ihrer Kunden kennen die junge Apothekerin noch von früher – das sei ein zusätzlicher Vertrauensvorschuss. „Das merke ich täglich, auch wenn ich fast zehn Jahre weg war.“
In ländlichen Regionen sei es anders als in der Großstadt. In ihrer Zeit in München als Angestellte habe sie in Apotheken direkt in der Innenstadt gearbeitet, da gab es entsprechend wenig Stammkundschaft. „Die Menschen hier sind froh, dass jemand junges da ist und es mit der Apotheke weitergeht“, betont die junge Inhaberin. Die Markt-Apotheke ist die einzige Apotheke in der etwa 4000-Einwohner-Gemeinde.
Die Fixumserhöhung sei ein Anfang, allerdings werde sie nicht ausreichen, um das System so, wie es jetzt ist, aufrechtzuerhalten, kritisiert die junge Inhaberin. Ein großes Problem bleibt die Konkurrenz durch ausländische Versender. Durch die ganze Werbung sei das Problem sehr präsent. „Allein der Zuzahlungsverzicht ist nicht darstellbar“, erklärt sie. „Grundsätzlich bin ich voll für die freie Marktwirtschaft, aber das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Es müsste hier viel mehr Unterstützung gegen die ungleichen Bedingungen gegenüber ausländischen Versendern seitens der Politik kommen und auch ein größeres Interesse bestehen.“
Sie könne nachvollziehen, wenn junge Pharmazeuten das Risiko scheuten, wegen der politischen Rahmenbedingungen eine eigene Apotheke zu gründen. Mit weniger Apotheken steige aber das Risiko, dass sich die Versorgung verschlechtere. Gerade für Existenzgründungen und in ländlichen Regionen sollte die Politik neue Anreize schaffen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Gesundheitssystem insgesamt gefühlt schlechter werde. „Die ganzen Leistungen, die gestrichen werden sollen – das macht den Leuten Angst und setzt falsche Impulse“, erklärt sie.
Gleichzeitig wachse der Bedarf an Beratung in den Apotheken – nicht nur wegen des demografischen Wandels. Auch bei jungen Leuten, die beispielsweise auf TikTok widersprüchliche Informationen gefunden haben. Auch hinsichtlich der Digitalisierung leisteten Apotheken viel, das flächendeckend gar nicht anders möglich ist, auch für ältere Menschen, die nicht technikaffin sind. Auch wenn es um Rezepturen geht: „Das ist gar nicht darstellbar mit reinem Versand“, betont die Inhaberin.
Auch mit pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) könnten sich Apotheken vom Versandhandel abheben. „Ich bin voll für pDL“, betont Baur. Von den Kompetenzerweiterungen ist Baur jedoch nicht gänzlich überzeugt. Impfen könnte sich möglicherweise standortindividuell lohnen. Sie allerdings habe eine andere Auffassung: „Aber ich habe nicht Pharmazie studiert, um den Leuten Blut abzunehmen“, erklärt sie.
„Ich kann jedem, der überlegt, nur raten, sich selbstständig zu machen – weil es dringend gebraucht wird. Und es wäre schön, wenn es politisch ernst genommen wird, dass es ohne die Apotheke vor Ort nicht geht.“