Klassiker rücken wieder in den Fokus

Povidon-Iod: Verkanntes Antiseptikum

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Berlin -

Wenn es um die Wunddesinfektion geht, stehen mittlerweile zahlreiche Wirkstoffe und Produkte zur Verfügung. Das altbekannte Povidon-Iod ist dabei aufgrund seiner färbenden Wirkung und moderner Alternativen in den Hintergrund gerückt. Seit der Pandemie erlebt das Antiseptikum jedoch ein Revival – und das aus gutem Grund, wie Dr. Susana Garcia de Arriba, Apothekerin und Fachreferentin im Fachbereich Gynäkologie beim Hersteller Dr. August Wolff erklärt. Denn es ist weit mehr als nur in der Wunddesinfektion einsetzbar.

Die antiseptische Wirkung von Iod ist seit mehr als 180 Jahren bekannt. Vor allem für die Älteren ist die Verwendung von Iod jedoch an negative Erfahrungen geknüpft: Denn die Lösung verursachte ein unangenehmes Brennen in der Wunde. „Grund dafür war nicht das Iod, sondern der enthaltene Alkohol, der notwendig war, um aus dem nur sehr schwer wasserlöslichen elementaren Iod eine Lösung herzustellen“, erklärt Garcia.

Mittlerweile ist man jedoch ein Stück weiter: Denn dank der Kombination von Iod mit Povidon kann inzwischen auf den Alkoholzusatz verzichtet werden. „Durch diesen Träger entsteht eine wasserlösliche Komplexverbindung mit dem Iod, die zum einen besser verträglich ist und zum anderen eine Art Depot-Effekt bewirkt.“ Das enthaltene Iod wird also erst nach und nach freigesetzt und ist in PVP-Iod in einer Konzentration von ungefähr 10 Prozent enthalten.

Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es?

Klassischerweise wird das Antiseptikum in der Wundbehandlung eingesetzt. „Doch dank des breiten Wirkspektrums findet Povidon-Iod in zahlreichen medizinischen Fachgebieten Anwendung, oft zur Operationsvorbereitung. Mittlerweile wird es zum Beispiel häufig in der Augenheilkunde, der Orthopädie und der Gynäkologie genutzt“, erläutert die Expertin.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird der Wirkstoff beispielsweise zur Verhinderung postoperativer Infektionen für die vaginale Reinigung vor einem Kaiserschnitt empfohlen. Aber auch abseits vom Operationen können lokale Povidon-Iod-haltige Präparate bei der Behandlung von unspezifischen Infektionen oder Mischinfektionen mit Bakterien und Pilzen im gynäkologischen Bereich verwendet werden. „Gerade in Fällen, in denen es schwierig ist, die für die Infektion verantwortlichen Erreger zu identifizieren.“ Der Vorteil: Es muss nicht mit zwei Präparaten therapiert werden. Die Substanz besitzt ein breites antimikrobielles Wirkspektrum, das fast alle bekannten Erreger im Intimbereich erfasst: Sowohl grampositive wie gramnegative Bakterien, einschließlich antibiotika- und antiseptikaresistenter Stämme, Pilze, Hefen und einige Protozoen werden effektiv bekämpft. Dr. Wolff hat selbst mit Vagisan sept ein entsprechendes Produkt im Portfolio.

Gegen welche Erreger ist Povidon-Iod wirksam?

„Es ist auch wirksam gegen ein breites Spektrum von behüllten und unbehüllten Viren, darunter HIV, Rotaviren, HBV, Adenoviren und Herpes-Viren“, so Garcia. Wirkt Povidon-Iod länger ein, werden auch Bakteriensporen inaktiviert. „Darüber hinaus wurde gezeigt, dass PVP-Iod gegen mikrobielle Biofilme in vitro und ex vivo wirksam ist.“

Wie funktioniert Povidon-Iod?

Die Wirkung kommt durch die oxidierenden und halogenierenden Eigenschaften zustande – bis ins Detail sind diese bis heute nicht geklärt. „So kommt es unter anderem zur Beschädigung der räumlichen Strukturen und Funktionen von Proteinen sowie anderen Bausteinen der Erreger, indem Wasserstoffbrücken-Bindungen gespalten werden und Reaktionen mit Aminosäuren und gesättigten Fettsäuren stattfinden“, erklärt die Expertin. Dadurch sterben die Erreger letztlich ab. „Unter dem Elektronenmikroskop konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass in der Zellwand der Erreger Poren entstehen, also kleine Öffnungen, was zum Austritt von Enzymen und Nukleotiden führen kann.“ Wichtig sei außerdem die Fähigkeit von Iod, schnell in die Erreger eindringen zu können. „Durch diesen vielfältigen Wirkmechanismus ist eine Resistenzentwicklung bisher nicht bekannt und auch nicht zu erwarten.“

Povidon-Iod bei Antibiotikaresistenzen

Doch warum erlebt Povidon-Iod derzeit wieder einen Hype? Garcia sieht die Ursache in den zunehmenden Antibiotikaresistenzen: „Früher war es das Ziel, das exakt passende Antibiotikum zur jeweiligen bakteriellen Infektion zu verschreiben.“ Mittlerweile würden diese in vielen Fällen jedoch nicht mehr wirken. „Das kann zu einem großen Problem werden, nicht nur bei Erregern rezidivierender Infektionen.“ Antiseptika mit Povidon-Iod stellen hier eine lokale Lösung dar: Denn PVP-Iod wirkt auch gegen Erreger, die bereits Antibiotikaresistenzen entwickelt haben – und dass, ohne dabei selbst neue Resistenzen entstehen zu lassen, trotz jahrzehntelanger Anwendung.

Wann ist der Wirkstoff nicht geeignet?

Für Garcia ist der Wirkstoff noch immer ein Top-Kandidat: „Immer wieder gibt es neue Studien, die zeigen, dass der Wirkstoff nicht an Relevanz und Attraktivität verloren hat.“ Außerdem zeichne sich Povidon-Iod durch eine sehr gute Verträglichkeit aus. Lediglich während der Schwangerschaft und Stillzeit ist PVP-Iod kontraindiziert, da es plazentagängig ist und in die Muttermilch übergeht.

Eine weitere klassische Gegenanzeige ist die Schilddrüsenüberfunktion – auch wenn auf intakter, unbeschädigter Haut nicht mit der Resorption größerer Mengen Iod zu rechnen sei. „Darüber hinaus gibt es noch spezielle Fälle, wie eine bevorstehende Radioiodtherapie oder eine seltene Hauterkrankung, die Dermatitis herpetiformis Duhring, die gegen eine Anwendung sprechen.“

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Bei der vaginalen Anwendung von Povidon-Iod kann es gelegentlich zu Überempfindlichkeits- oder kontaktallergischen Reaktionen und Nebenwirkungen im Bereich offener Wunden kommen, auch vorübergehende Schmerzen, Brennen und ein Wärmeempfinden werden von den Anwenderinnen beschrieben. Die lokale Anwendung sollte nicht während der Menstruation erfolgen, da die Substanzen durch das Blut in ihrer Wirksamkeit verändert werden kann. Gleiches gilt auch für die Bestandteile anderer Cremes oder Zäpfchen – daher sollte zu anderen Präparaten immer ein zeitlicher Abstand eingehalten werden.

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