Für die Patienten werden die Wege weiter – das wird häufig angebracht, wenn es um die Folgen des Apothekensterbens geht. Üblicherweise wird einfach die Strecke in Kilometern angegeben – doch was bedeutet das tatsächlich praktisch? Laut einer Erreichbarkeitsanalyse der Uni Gießen hängt die Versorgungssicherheit für einen Großteil der Bevölkerung davon ab, ob den Menschen ein Auto zur Verfügung steht oder nicht. Denn einen Anspruch auf eine Apotheke, ähnlich wie bei Poststellen, gebe es nicht.
Dass die Zahl der Apotheken seit Jahren rückläufig ist, ist kein Geheimnis. Waren im Jahr 2014 noch 20.441 Apothekenbetriebsstätten aktiv, ist deren Zahl bis Anfang April 2025 auf 16.908 gesunken – Tendenz weiter fallend. Unlängst warnen Apothekerverbände und Kammern vor einer Verschlechterung der Versorgungslage. Die Kassen halten dagegen, sprechen von Alarmismus und unterlegen das mit zwei Studien, die angeblich die Erreichbarkeit in zumutbarem Umkreis belegen sollen.
Die Analyse vom Professor für Volkswirtschaftslehre Dr. Georg Götz und seinen Mitarbeitern Dr. Daniel Herold, Dr. Jan Thomas Schäfer und Maximilian Maurice Gail von der Justus-Liebig-Universität Gießen kommt zu einem anderen Ergebnis: Zwar seien Apotheken in der Regel mit einem Auto oder den oder öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen, die Entfernungen könnten aber dennoch erheblich sein. Gerade für mobil eingeschränkte Menschen und Personen, die nicht mehr fahren können oder aus finanziellen Gründen keinen PKW unterhalten, könnten damit von der Versorgung abgeschnitten sein.
Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer zumutbaren einfachen Reisezeit von 30 Minuten für rund 16 Millionen Einwohner oder 19 Prozent die nächste Apotheke fußläufig nicht erreicht werden kann. Auch wenn man die Reisezeit auf 60 Minuten erhöht, bleiben demnach immer noch gut 6 Millionen Einwohner auf der Strecke oder 7 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Anders als die Barmer, laut deren Studie bei gut 73 Prozent der Fälle auch die nächste Apotheke im Umkreis von 6 Kilometern zu erreichen wäre, kommt die Studie aus Gießen zu einem anderen Ergebnis: Rund 27,7 Millionen Einwohner – rund ein Drittel der Bevölkerung – könnten demnach die übernächste Apotheke nicht innerhalb von 30 Minuten fußläufig erreichen. Entsprechend wichtig ist für diese Menschen, dass die nächste Apotheke nicht schließen muss.
Auch mit Blick auf die Versorgung älterer Menschen zeichnet die Uni ein grimmes Bild, denn gerade hier handelt es sich häufig um mobil eingeschränkte Personen: Für gut die Hälfte aller Menschen ab 75 Jahren sei aktuell bereits die nächste Apotheke nicht mehr innerhalb von 10 Minuten fußläufig zu erreichen. Wenn sich dieser Trend fortsetzen würde, könnte die Versorgungssicherheit für einen großen Teil gefährdet sein, warnen die Autoren.
Die Studienautoren bemängeln, dass der Gesetzgeber innerhalb seiner Reformen und Maßnahmen bisher keine Zielvorgaben für die Versorgungssicherheit gesetzt habe. Dabei könnte ein Blick in einen anderen Sektor aufschlussreich sein: Im Gegensatz zu den Apotheken gebe es nämlich für Postfilialen klare Vorgaben im Postgesetz (PostG). Laut Postgesetz muss in allen Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern ein Universaldienstanbieter mindestens eine Filiale betreiben. Insbesondere in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg gebe es demnach zahlreiche Gemeinden, die zwar eine Postfiliale haben, aber über keine Apotheke verfügen. Laut der Analyse befindet sich in 911 Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern keine Apotheke.
Der Aufsatz ist aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen, das vom Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) finanziell unterstützt wird. Apotheken würden auch in Notfällen rund um die Uhr gebraucht. Gerade in kleinen Gemeinden, in denen es bis zur nächsten Arztpraxis weit ist, übernähmen die Betriebe immer mehr Gesundheitsleistungen und sicherten so die Versorgung, so Verbandschef Thomas Rochell. „Wie kann man von Daseinsfürsorge sprechen, wenn vor allem die Menschen auf der Strecke bleiben, die auf diese Fürsorge der Apotheken in ihrer unmittelbaren Nähe zwingend angewiesen sind, etwa weil sie nicht mobil genug sind?“
Kritik kommt auch von der Noweda, die das Projekt ebenfalls unterstützt: „Dass der Staat sich darum kümmert, den Bürgern Postdienstleistungen auch in kleinen Orten zu ermöglichen, ist wichtig und löblich. Grob fahrlässig ist es dagegen, dass man dem ungebremsten Apothekensterben der vergangenen Jahre zugesehen hat, ohne nachhaltige Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung zu verabschieden“, so Vorstandschef Dr. Michael Kuck.