Notfallkontrazeptiva

Siemsen: Hype um „Pille danach“

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Berlin -

Aus Sicht von Kai-Peter Siemsen, Präsident der Apothekerkammer Hamburg, war die Debatte um die „Pille danach“ ein großer Hype: „Von der Aufregung der Gynäkologen ist in der Praxis nichts angekommen“, sagte er der Tageszeitung „Welt“. Zwar habe die Medienberichterstattung Anfang März zu mehr Anfragen geführt, inzwischen verkaufe er aber so viele Notfallkontrazeptiva wie vor der Gesetzesänderung. Kollegen von Siemsen haben allerdings andere Erfahrungen gemacht.

Petra Kolle, Vizepräsidentin der Kammer, beispielsweise berichtet, dass sie inzwischen vier bis fünf Packungen pro Monat abgebe – zuvor sei das Präparat nur ganz selten im Notdienst verlangt worden. Kolles St. Cosmas-Apotheke liegt in der Endoklinik am Rande des Kiezes St. Pauli.

Andreas Hinz, der die Alexander-Apotheke in der Nähe des Hauptbahnhofs leitet, hat laut „Welt“ einen starken Anstieg der Verkaufszahl festgestellt. Früher sei EllaOne (Ulipristal) zwei bis vier Mal im Monat abgegeben worden, seit dem OTC-Switch zwölf bis 20 Mal. „Ich habe den Eindruck, das wird wirklich auf Vorrat gekauft“, sagte Hinz der Zeitung.

Der Absatz hat nach der Freigabe tatsächlich insgesamt stark angezogen: Allein in der ersten Woche nach dem OTC-Switch wurde die „Pille danach“ 13.500 mal in Apotheken abgegeben. Hochgerechnet auf den ganzen Monat wäre der Absatz im Vergleich mit dem Vorjahresmonat um 31 Prozent gestiegen. In den folgenden Wochen hat sich das Wachstum allerdings etwas verlangsamt. Auffällig war, dass 41 Prozent der Präparate zunächst trotzdem auf Rezept abgegeben wurden. Die Nachfrage hat sich aber Woche für Woche in den OTC-Bereich verlagert.

Hinz räumte in der „Welt“ ein, dass die Notdienstklappe „nicht der beste Ort“ sei, um Frauen zur „Pille danach“ zu beraten. Aber alle Kollegen seien gut vorbereitet und hätten auch schon vor der Rezeptfreigabe gut beraten. Siemsen geht davon aus, dass die Beratung einer Kundin im Schnitt fünf bis zehn Minuten dauert.

Der Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes der Gynäkologen, Dr. Wolfgang Cremer, stellt in der „Welt“ hingegen die Beratungskompetenz der Apotheker grundsätzlich infrage: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Apotheker das leisten können.“ Ein ungeschützter Geschlechtsverkehr sei oft ein nicht freiwilliger Sex – so etwas könne man aber nicht an der Notdienstklappe erörtern.

Außerdem müssten die Frauen umfassend über die Verhütung informiert werden, so Cremer. Die „Pille danach“ verzögere nur den Eisprung, das Einsetzen einer Kupferspirale hingegen verhindere die Einnistung der befruchteten Eizelle und sei bis zum fünften Tag nach dem Sex eine Möglichkeit der sicheren Verhütung. „Wir sind nicht so glücklich über die Entscheidung der Politik“, so Cremers Fazit zur Rezeptfreigabe.

Die katholische Kirche hat sich hingegen arrangiert: „Das kann ethisch gesehen das geringere Übel sein“, sagte der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke gegenüber der „Welt“. Das Medikament habe keine abtreibende Wirkung, die die Kirche bei früheren Mitteln dieser Art verurteilt habe. Jaschke betonte aber auch, dass die „Pille danach“ „kein Freibrief für eine vagabundierende Sexualität“ sei.

Der Beratungsverband Pro Familia hält die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ hingegen laut „Welt“ für ganz unproblematisch. Schon in den europäischen Nachbarländern habe sich die Befürchtung, der Konsum des Mittels werde ansteigen, nirgendwo bestätigt, sagte die Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes, Kerstin Falk.

Vorsichtiger äußerte sich Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: Es sei zu früh, um nach den ersten Wochen die Folgen des rezeptfreien Verkaufs abschätzen zu wollen. Die Auswirkungen sollten über einen Zeitraum von fünf Jahren evaluiert werden. „Wir bleiben jedoch dabei, dass die Beratung beim behandelnden Arzt zu Fragen zur Indikation, Wirkung und Nebenwirkung sowie zur Sexualität und Kontrazeption unerlässlich ist“, so Montgomery gegenüber der „Welt“.

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