Prognosen des Covid-Simulators

„Düsterer als wir uns das im Moment noch vorstellen können“

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Berlin -

Uns steht ein dunkler Winter bevor, sagt Professor Dr. Thorsten Lehr. Der Experte für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes hat bereits im vergangenen Jahr den wohl präzisesten Simulator für den weiteren Verlauf der Coronapandemie entwickelt und berät seitdem auch die Politik auf dessen Grundlage. Bisher lag er immer richtig – darüber freuen kann und will er sich aber im Moment nicht, denn die aktuellen Daten deuten auf eine dramatische Zuspitzung der Situation hin.

Die Corona-Lage in Deutschland eskaliert mehr als je zuvor, die Politik versucht panisch, Maßnahmen zu ergreifen und vor allem, die Booster-Impfungen mit Hochdruck voranzutreiben. Bisher äußerst vorsichtig umschifft sie hingegen das Szenario eines neuen, harten Lockdowns in der gesamten Republik. Doch das ist Augenwischerei, sagt Lehr: „Die Situation ist kritischer denn je, auch weil sie unterschätzt wird und bisher nicht ganz ernst genommen wurde. Der erste Lockdown kam bei 6000 Fällen am Tag, jetzt haben wir 60.000 und niemand erwägt einen weiteren Lockdown.“ Dabei komme die infektiöseste Jahreszeit erst noch, nämlich um die Jahreswende. Das gelte nicht nur für die Grippe und andere Atemwegsviren, sondern insbesondere auch für Sars-CoV-2. „Wir sind gerade erst auf dem aufsteigenden Ast und haben noch mindestens 12 bis 16 harte Wochen vor uns. Ich glaube nicht, dass wir da ohne harte Maßnahmen wie generelle Kontaktbeschränkungen durchkommen. Unser Gesundheitssystem würde das nicht verkraften.“

Doch wie kann das sein? In den vergangenen Winter sind wir schließlich gänzliche ohne Impfungen gegangen – und der entscheidende Faktor für die Aus- oder Überlastung des Gesundheitswesens ist die Belegung von Klinik-, speziell Intensivbetten. „Die Korrelation zwischen Inzidenz und Krankenhauseinweisungen bleibt. Aber was uns vom vergangenen Jahr unterscheidet, ist, dass nun die Delta-Variante alles dominiert.“ Die sei statistisch doppelt so infektiös und verursache erheblich mehr schwere Verläufe. „Wenn man die Hälfte der Bevölkerung geimpft hat, ist das also ein Nullsummenspiel. Nun sind gut zwei Drittel der Menschen geimpft, aber gleichzeitig haben wir anders als vergangenes Jahr die meisten Maßnahmen aufgehoben und auch Impfdurchbrüche sind noch nicht mit einberechnet.“

Gehe es so weiter wie bisher, stehe Deutschland eine extreme Situation bevor, warnt Lehr auf Grundlage seiner Simulation, die er in den vergangenen Monaten durch weitere Variablen wie Impfraten oder Saisonalität weiter geschärft hat. Ohne einschneidende Maßnahmen würde die Inzidenz demnach im Januar ihre Spitze erreichen und bei ungefähr 2000 liegen – rund 200.000 bis 250.000 Infektionen am Tag. Danach würde die Trendwende einsetzen – weil die Durchseuchung der Bevölkerung erreicht wäre. „Dann hätten wir mindestens eine Viertelmillion Todesfälle, de facto aber noch mehr wegen der Sekundäreffekte durch die Überlastung des Gesundheitssystems“, sagt er. „Aber das ist natürlich ein Horrorszenario, das hoffentlich nicht eintreten wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politik einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zulassen würde.“

Doch wie kann das erreicht werden? Durch 2G-Maßnahmen eine Trendwende herbeizuführen, sei nicht mehr möglich, befindet Lehr. „Regelungen wie 2G und 2G+ sind ja derzeit überall im Gespräch. Das klingt toll, aber bringt nichts.“ Schon die Beispiele Sachsen oder Österreich würden zeigen, dass 2G nicht den erhofften Effekt hat. „Bei niedrigen Inzidenzen kann man damit viel regeln, aber in der aktuellen Situation hilft das nicht.“ 2G bringe zwar einen lokalen Vorteil – in Bars, Restaurants und anderen Einrichtungen sinkt die Infektionsgefahr – doch die Durchseuchung finde auch an anderen Orten statt.

„Keinerlei bremsendes Element in Sicht“

Und selbst wenn 2G-Regelungen in der jetzigen Situation einen messbaren Effekt haben sollten: „Die Bremse, die wir brauchen, kriegen wir damit nicht. Und wir haben im Moment einfach keine Zeit, zu schauen, ob es klappt oder nicht. Man muss jetzt hart durchgreifen.“ Denn – auch das ist eine Lehre, die nicht nur Wissenschaftler mittlerweile gezogen haben sollten – die aktuellen Zahlen spiegeln die Realität nur mit zeitlichem Verzug. Die Situation ist dramatischer als viele gerade glauben wollen.

„Die Überlastung des Gesundheitswesens ist zumindest im Südosten Deutschlands fast unausweichlich geworden“, prognostiziert er. Denn die Fälle, die wir jetzt produzieren, kommen in zwei, drei Wochen in die Krankenhäuser. Wohin das führen könnte, zeigt das Beispiel der Region Salzburg in Österreich: Bei einer Inzidenz von 1500 – in dieser Größenordnung bewegt sie sich mittlerweile auch in Bayern und Sachsen mancherorts – kündigten die dortigen Landeskliniken die Einrichtung einer Triage-Kommission an. Denn es könne nicht mehr garantiert werden, dass in den kommenden Tagen noch alle Patienten nach geltenden Standards behandelt werden können.

„Es ist absehbar, dass auch in Deutschland zumindest regional die Triage kommt. Es ist bedauerlich, dass es so weit kommt. Es hätte nicht so weit kommen müssen“, sagt Lehr. „Ich glaube nicht, dass wir Zustände in Bergamo haben werden, aber wir sind nicht weit davon entfernt. Und im Moment ist keinerlei bremsendes Element in Sicht, das wird die Situation noch dramatischer machen. Es gibt noch viele Unbekannte auf dem Weg in diesen dunklen Winter, aber ich glaube, er wird sehr viel düsterer als wir uns das im Moment noch vorstellen können.“

Aus seiner Sicht seien es vor allem zwei Dinge notwendig: ein neuer Lockdown und eine enorme Beschleunigung der Booster-Impfungen. „Die Geimpften spielen bei der Übertragung schon eine Rolle, das muss man auch sagen. Aber genau deshalb ist das Boostern so wichtig, die aktuellen Daten aus Israel belegen die Bedeutung, die das bei der Verringerung der Ansteckungs- und Übertragungsraten hat.“ Es werde von zentraler Bedeutung sein, den verfallenden Impfschutz in der Breite wiederherzustellen und zu stärken. Dennoch: Hauptträger der Pandemie seien nach wie vor die Ungeimpften. „Die Unterschiede in der Inzidenz zwischen Geimpften und Ungeimpften sind wirklich massiv. Sie variieren zwar regional, aber liegen bei Ungeimpften im Schnitt um den Faktor 10 bis 30 höher – wobei man allerdings sagen muss, dass bei Geimpften die Inzidenz wahrscheinlich höher liegt als bekannt ist, weil es unter ihnen sehr viel mehr symptomfreie Fälle, die die eine Infektion gar nicht bemerken und sich auch nicht testen lassen.“

Das Problem bei den Auffrischungsimpfungen ist jedoch erneut der Faktor Zeit. „Booster sind eine gute Idee, aber auch die müssen umgesetzt werden und das braucht Zeit. Sie sind langfristig wichtig, helfen aber in der jetzigen Situation nicht mehr“, sagt Lehr. „Der primäre Fehler war, die Impfzentren zu schließen. Politik und Corona ist eine schlechte Zusammenkunft, die Versprechen rächen sich nun. Durch den Wahlkampf wurde das Thema in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich ignoriert.“ Es gibt also aus Lehrs Sicht keinen anderen Ausweg: „Wir brauchen einen harten Cut, eine Verringerung der Kontakte um 30 bis 40 Prozent, um die Situation in den Griff zu kriegen.“ Er glaube deshalb, dass das Land um einen neuen Lockdown nicht herumkommen wird. Einen harten Lockdown für Ungeimpfte wie in Österreich halte er dabei für wenig praktikabel. „Die Polizei kann doch nicht durch die Straßen patrouillieren und Impfnachweise kontrollieren.“

Einziger Ausweg bleibt eine hohe Impfquote

Nun alle – geimpft oder ungeimpft – in einen neuen Lockdown zu schicken, werde absehbar neue gesellschaftliche Spannungen verursachen, speziell für eigentlich Immunisierte, die im Zweifelsfall in der Vergangenheit alles richtig gemacht haben. „Aber auch Geimpfte müssen ein Interesse daran haben, dass sie einen Platz im Krankenhaus kriegen, falls sie erkranken oder einen Unfall haben.“ Ein wenig Hoffnung gebe ihm immerhin, dass die Bevölkerung in Hochinzidenzgebieten auch in der Vergangenheit oft von sich aus eine gewisse Sensitivität gezeigt habe – aber auch das reicht natürlich allein nicht aus.

Und selbst wenn durch einen Lockdown oder andere Maßnahmen die aktuelle Welle gebrochen werden kann – der aktuelle Befund lasse ihn besorgt in die Zukunft schauen, sagt Lehr: „Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Was passiert im nächsten Jahr? Wenn wir nicht eine enorm hohe Durchimpfungsrate erreichen, sind wir dann wieder an derselben Stelle. Und wir sollten nicht vergessen, dass auch weiterhin neue Varianten entstehen können, denn wir haben gerade einen Whirlpool für neue Mutationen.“

Auch wenn er bisher Bedenken dagegen gehabt habe, sei er deshalb zu der Meinung gelangt, dass die Politik wohl ein weiteres Mal leichtfertig gemachte Versprechen wird einholen müssen: „Ich glaube, wir werden eine kollektive Impfpflicht brauchen, ich sehe keinen Weg mehr daran vorbei. Wir sehen doch, dass Freiwilligkeit und Einsicht uns offenbar nicht retten werden. Dieser Ausblick macht mich unglücklich. Ich bin massiv enttäuscht, dass sich so wenige Menschen haben impfen lassen.“

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