Mentalitätswandel im Gesundheitssystem: Statt erst im Krankheitsfall zu helfen, soll künftig die nachhaltige Gesundheit stärker gefördert und Krankheit möglichst verhindert werden, bevor sie entsteht. Heute startete die Auftaktveranstaltung der geplanten Präventionsoffensive im Bundesgesundheitsministerium (BMG). Das Ziel ist es, Prävention und Gesundheitsförderung zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems zu machen. Im weiteren Prozess soll nun gemeinsam mit den beteiligten Akteuren über spezifische Schwerpunkte gesprochen werden, um gezielt Handlungsfelder zu identifizieren.
„Unser Gesundheitssystem leistet eine qualitativ hochwertige und umfassende Versorgung im Krankheitsfall. Künftig müssen wir aber noch besser darin werden, Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen“, betont Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Mit der Präventionsoffensive wolle man nun ein klares Signal setzen: „Prävention ist keine Nebensache, sondern eine zentrale Zukunftsaufgabe“, so die Ministerin.
Der Bund wolle Gesundheit stärker fördern, Krankheiten verhindern und Prävention stärker im Alltag der Menschen verankern. Das Gesundheitssystem könne hier besser werden, aber auch nicht alles leisten. „Deshalb setze ich auf einen möglichst breiten Ansatz und werde dazu in den kommenden Monaten mit möglichst vielen Politikfeldern gemeinsame Handlungsfelder erörtern“, erklärt Warken.
„Prävention wirkt, das ist Fakt“, betont auch Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes Oliver Blatt. Die Grundlagen seien allerdings zuletzt vor mehr als zehn Jahren weiterentwickelt worden. Mit dem Präventionsgesetz hätten damals vor allem die Kranken- und Pflegekassen neue Aufgaben bekommen. Im vergangenen Jahr seien die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Prävention und Gesundheitsförderung auf 734 Millionen Euro gestiegen. „Dieses Engagement kommt an Grenzen. Wir sprechen über eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, so Blatt. Größere Stellschrauben für Prävention und Gesundheitsförderung würden zudem außerhalb des klassischen Gesundheitssystems liegen. „Das heißt: Auch Bund, Länder und Kommunen müssen ihren Teil leisten, mit mehr Verbindlichkeit und vor allem finanziell“, fordert er.
Auch der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt sieht in der Offensive große Chancen für einen Paradigmenwechsel: „Gesundheit muss in allen Politikbereichen mitgedacht und Gesundheitsförderung zu einer tragenden Säule unseres Gesundheitssystems werden.“ Besonders wichtig sei es, Prävention über den gesamten Lebenszyklus von Schwangerschaft und Geburt bis ins hohe Alter umzusetzen. Dabei müssten Verhaltens- und Verhältnisprävention zusammengedacht werden. Auch der Stärkung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung komme dabei eine besondere Bedeutung zu. „Wer heute in wirksame Prävention investiert, verhindert morgen vermeidbare Erkrankungen. Die Ärzteschaft steht bereit, sich mit ihrer Kompetenz in die Präventionsoffensive einzubringen“, so Reinhardt.
Das Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 habe bereits wichtige Impulse gesetzt. Dennoch sei es bislang nur teilweise gelungen, gemeinsam mit den Ländern und vielen weiteren verantwortungstragenden Einrichtungen die strukturellen Voraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention in jedem Lebensalter und in allen Lebensbereichen zu schaffen.
Daher solle die Präventionsoffensive nun an das bisherige Präventionsgesetz anknüpfen und es konsequent weiterentwickeln. Dabei werde Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden. Man wolle auf eine enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Leistungserbringern sowie weiteren Akteuren aus dem Gesundheitswesen setzen. Die bestehenden Maßnahmen sollen besser miteinander verzahnt, Präventionsangebote weiterentwickelt und Gesundheitsförderung dauerhaft in den Lebenswelten der Menschen verankert werden.
Im Blick stehen unter anderem verpflichtende Einladungen von Kindern und Jugendlichen zu Vorsorgeuntersuchungen, wie es aus Ministeriumskreisen hieß. Zunächst berichtete der „Tagesspiegel“ darüber. Konkret geht es um die U-Untersuchungen U10 für Grundschulkinder von sieben oder acht Jahren und J1 für Jugendliche zwischen 12 und 14 Jahren. Bei der geplanten Pflegereform sollen Versicherte über 60 Jahren Anspruch auf einen „Check-up 60 plus“ bekommen. Frühzeitiges Eingreifen solle dabei die Selbstständigkeit möglichst lange erhalten und Pflegebedürftigkeit verhindern, verzögern oder abmildern.
Die Präventionsinitiative solle sich insbesondere an den fünf übergeordneten Zielen orientieren:
*Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Veranstaltung ohne Vertreter der Apotheken stattfand. Das BMG hat nachträglich mitgeteilt, dass die Apothekerschaft durch Abda-Präsident Thomas Preis vertreten war. Die vorausgegangene öffentliche Kommunikation des BMG enthielt keine Hinweise auf die Teilnahme von Vertretern der Apothekerschaft.
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