Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will ein Primärversorgungssystem einführen: Bevor ein Patient zum Arzt geht, soll er ein digitales oder telefonisches Ersteinschätzungsverfahren durchlaufen. Auch Folgerezepte sollen ohne Arztkontakt ausgestellt werden können. Dabei sollen nicht nur die Ärzte, sondern auch die Kassen und womöglich private Anbieter eine Rolle spielen. Gemeinsam mit Vertretern von Kassen und Ärzteschaft wurden in Berlin erste Ansätze erarbeitet.
Im deutschen Gesundheitswesen gebe es derzeit wenig Koordinierung und daher viele Ineffizienzen, so Warken. Daher sollen Patientinnen und Patienten künftig besser gesteuert werden. Sie sollen zwar weiter direkt in eine Hausarztpraxis gehen können, alternativ aber auch eine Ersteinschätzung unter der Hotline 116 117 oder über die App ihrer Krankenkasse oder privater Anbieter erhalten können. Erst dann soll ihnen der Weg zum Facharzt geebnet werden.
Damit das System funktioniert, wäre laut Warken ein Bonus denkbar. Das koste aber Geld, sodass auch über einen Malus nachgedacht werde. Außerdem könne die Leistung ohne Überweisung nicht abrechenbar sein. Ein Referentenentwurf soll bis Sommer erarbeitet sein, Warken rechnet damit, dass das System stufenweise eingeführt wird und 2028 seine Wirkung entfalten könnte. Laut Ministerin soll das Ganze weder als Spargesetz dienen noch zu höheren Ausgaben führen. Sie sprach von einer der größten Reformen im Gesundheitswesen. „Das ist kein triviales Vorhaben und geht nicht von heute auf morgen.“
Seit Wochen wird über ein solches Modell diskutiert, das Primärarztmodell wurde aber wegen der drohenden Überbelastung der Hausarztpraxen verworfen. Vor allem die Kassen wünschen sich mehr Steuerung. Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands, betonte, dass die Kassen mehr als 50 Milliarden Euro für die ambulante Versorgung ausgeben und daher ein Interesse an einer effizienten Verwendung der Mittel hätten.
Aus ihrer Sicht wird das ganze zu einem vollständig digitalen Behandlungspfad führen: Die Ersteinschätzung werde eingebettet in ein digitales Termintool, über das auch Überweisungen übermittelt würden. „Das bringt eine fachlich optimale Koordinierung mit Transparenz und Effizienz.“
Der eigentliche Durchbruch entstehe durch die Kopplung der drei digitalen Bausteine elektronische Ersteinschätzung, elektronische Überweisung und elektronische Terminvermittlung zu einem digitalen Versorgungspfad. „Es ist höchste Zeit, das Gesundheitssystem in die digitale Gegenwart zu bringen.“ Laut Stoff-Ahnis sind viele Bausteine schon vorhanden und müssen nun verzahnt werden: „Das ist kein Science Fiction. Aber es braucht Mut für echte Veränderung.“
Konkret könnte das Modell so aussehen: „Der Patient gibt seine Symptome in die App seiner Krankenkasse ein oder ruft bei der Hotline 116 117 an. Dabei erhält er eine verlässliche Ersteinschätzung zu seinem medizinischen Behandlungsbedarf. Das Navigationstool steuert ihn dann zu einem Haus- oder direkt zu einem Facharzt oder direkt in die Notfallbehandlung.“ Grundlage bilden soll hier eine bundesweit einheitliche Terminbörse, über die auch eventuell erforderliche Folgetermine bei Fachärzten gebucht werden sollen.
Über die elektronische Patientenakte (ePA) sollen die Behandlungsdaten und Befunde automatisch zwischen den beteiligten Praxen ausgetauscht werden. Außerdem sollen bei gut eingestellten Chronikern direkt Folgerezepte ausgestellt werden, ohne dass der Patient noch einmal in die Praxis muss. Wichtig ist aus ihrer Sicht ein bedarfsgerechter und diskriminierungsfreier Zugang.
Ist aus Sicht der Prüfer kein Arzttermin erforderlich, sollen dem Patienten Optionen zur Selbstbehandlung aufgezeigt werden. „Er bekommt dann individualisierte und qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen an die Hand“, so Stoff-Ahnis.
Laut Warken geht es auch darum, die Ärzte zu entlasten. Das sei auch erforderlich, um die flächendeckende Versorgung zu sichern. „Wir müssen wegkommen davon, alles mit ärztlicher Zeit zu lösen. Wir wollen, dass in den Praxen mehr Teamarbeit stattfindet und auch die MFA stärker eingebunden werden.“ Auch sogenannte Advanced Practical Nurses, künftig Gesundheits- und Pflegeexperten genannt, sollen etwa bei Infektsprechstunden oder Hausbesuchen eine Rolle spielen. Dies soll, genauso wie die Einbindung privater Plattformanbieter wie Teleclinic, parallel in der Gesetzgebung vorbereitet werden.
Dass das Ganze nicht mehr Primärarztmodell heißt, stört den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, nicht weiter. Die Diagnose sei nach wie vor eine ärztliche Kompetenz und könne nicht ersetzt werden. Insofern sei es gar nicht schlecht, wenn nichtmedizinische Fragen, die Praxen und Notaufnahmen heute belasteten, künftig auf anderer Ebene abgefangen würden.
CDU/CSU und SPD hatten sich für eine möglichst zielgerichtete Versorgung und eine schnellere Terminvergabe im Koalitionsvertrag auf die Etablierung eines Primärversorgungssystems geeinigt.
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