„Arzneimittel werden auch in der Zukunft das wesentliche Mittel in der Therapie sein“, erklärte Mathias Arnold auf dem Kongress für Gesundheitsnetzwerker. Sie hätten eine hohe Innovationskraft, eine einfache Anwendung und seien flächendeckend verfügbar – „die gehen nicht weg“, so der Vorsitzende des Landesapothekerverbands Sachsen-Anhalt. „Menschen werden auch zukünftig krank werden.“ Was es brauche, um das Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen, sei insbesondere mehr Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen. Auch Apotheker Sven Lobeda machte sich für mehr Kooperation stark und für eine neue Definition der Berufsfelder – auch die klare Trennung zwischen Arzt und Apotheker müsse hinterfragt werden.
Eigentlich müsse man bei den Apotheken von einer Boom-Branche sprechen, erklärte Arnold. Bis 2040 werde die Zahl der „Heavy User“ – über 76 Jahre – auf mehr als vier Millionen Menschen anwachsen – „das sind alles potenzielle Patienten“. Das sei ein enormes Kundenwachstum, nach dem sich andere Branchen die Finger lecken würden.
Es gebe neben dem riesigen Marktwachstum aber auch eine gegenläufige Tendenz: Denn die Zahl derjenigen, die den Wohlstand erwirtschaften und die Menschen behandeln sollen, nehme deutlich ab. „Wir haben jede Menge Patienten – es fehlt an Arbeitskraft und an Arbeitszeit – das sind in den nächsten 20 Jahren unsere Probleme“, erklärte Arnold.
Der Mangel an Arbeitskraft liege zum Teil am demografischen Wandel, aber auch daran, dass die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen unattraktiver seien – zum Beispiel durch lange Schichten und fehlendes Homeoffice. Hinzu kämen soziale Veränderungen wie mehr Teilzeit, der Wunsch nach Work-Life-Balance sowie eine steigende Spezialisierung.
Eine weitere Herausforderung sei „Bequemlichkeit versus Vertrauen“: „Bestell ich jetzt bei Amazon, aber ich kenne den Herrn Amazon nicht – ich möchte ja auch vertrauen können“, so Arnold. Dazu kämen Kostensteigerungen, auch durch den medizinisch-technischen Fortschritt: „Das ist auch gut so – aber das gibt es nicht zum Nulltarif.“
Die Abgabe von Arzneimitteln sei eine heilberufliche, keine kaufmännische Leistung. „Arzneimittel sind keine Waren des täglichen Bedarfs – aber sie müssen immer und überall verfügbar sein“, erklärte Arnold. Auch am Freitag- und Mittwochnachmittag, wenn kein Arzt verfügbar sei.
Apotheken seien der niedrigschwelligste Zugang zu einem Akademiker – wohnortnah und ohne Termin. Bei der OTC-Medikation habe die Apotheke den Auftrag, den Patienten zu lenken: Der Patient stelle eine Eigendiagnose, das pharmazeutische Personal müsse diese bewerten und gegebenenfalls zum Arzt schicken. Außerdem kontrollierten die Apotheken die ärztliche Verordnung. Dabei gehe es nicht nur um pharmazeutisch-medizinische Fehler, sondern auch um ökonomische Aspekte, betonte er mit Blick auf Rabattverträge. Apotheken spielten zudem eine wichtige Rolle bei der Compliance, etwa bei der Frage, wie und wann Medikamente eingenommen werden sollten.
Ein weiteres Problem seien nun auch Lieferengpässe aufgrund der geopolitischen Lage. Viele Grundstoffe würden nicht mehr in Europa hergestellt. Wenn beispielsweise der Import aus China zusammenbrechen würde, würden wichtige Antibiotika schnell knapp.
Auch die Digitalisierung sei ein zweischneidiges Schwert: Mit KI entstünden ganz neue Formen der Therapiekontrolle – das sei fantastisch, aber es müsse evaluiert werden. Über Social Media verbreiteten sich zudem Fehlinformationen schneller. „Die Informationsflut muss gemanagt werden. Wir müssen Patienten beim Umgang mit den neuen Technologien einbinden und unterstützen“, erklärte Arnold. Die Apotheke könne dies nicht allein lösen, aber Teil der Lösung sein: Die Apotheke könne Vertrauen, Nähe, Empathie bieten. „Trust is a currency in healthcare“, betonte er.
Um die Herausforderungen im Gesundheitswesen zu meistern, brauche es kooperative Primärversorgung – nicht allein auf ärztliche Versorgung bezogen –, erweiterte Prävention und neue Aufgaben wie Datenversorgung, betreute Telemedizin sowie das Management chronischer Krankheiten. Dazu müssten Ressourcen gemanagt und Arbeitsteilung sinnvoll gelebt werden. „Wir müssen gemeinsam arbeiten, damit wir überhaupt eine sichere Versorgung aufrechterhalten und Gesundheitsberufe attraktiver für den Nachwuchs machen. Wir brauchen mehr Kooperation und keine Disruption.“ Mit Blick auf die Finanzen mahnte er aber: „Wir werden mit dieser Kooperation kein Geld sparen, aber wir werden damit eine Versorgung schaffen, die dem entspricht, was wir heute haben – oder vielleicht sogar noch ein bisschen besser.“
Auch Apotheker Jürgen Schäfer betonte die Relevanz der Kooperation – insbesondere auf dem Land. Um eine flächendeckende Versorgung zu schaffen, müsse man in Netzwerken enger zusammenrücken. Ärzte und Apotheker müssten gemeinsam eine hochwertige Versorgung sicherstellen.
Im Hinblick auf den Fachkräftemangel sehen die Apotheker die von der Politik erneut ins Spiel gebrachte PTA-Vertretung nicht als Lösung. Arnold sieht zwar eine verstärkte Bedeutung der Assistenzberufe: „Das werden wir in der Apotheke auch so sehen.“ Aber in all diesen Fällen bleibe der Assistenzberuf ein Assistenzberuf. Eine Weiterbildung sei kein Ersatz für ein Staatsexamen. „Blutdruckmessen, Impfen – das kann natürlich auch die PTA, wenn sie entsprechend geschult ist“, so Arnold. Jeder müsse das Maximum dessen leisten, was seine Berufsbezeichnung hergebe. Das Medikationsmanagement bleibe jedoch an den akademischen Beruf gebunden.
Auch Lobeda erklärte, es sei unstrittig, dass PTA mehr Weiterbildungsmöglichkeiten bräuchten, dies sei jedoch erst der zweite Schritt. Zuerst müsse geklärt werden, wie Prozesse durch neue digitale Methoden optimiert werden können, um Arbeitszeit zu gewinnen. Gleichzeitig werde aktuell die Rolle der Apotheke neu definiert: Man sei lange Dienstleister gewesen, müsse die Rolle nun aber weiterentwickeln. Er verwies auf mehr Leistungen im Bereich der Prävention.
Auch für die Patienten müssten Prozesse vereinfacht werden. Es gebe zwar nicht ohne Grund seit Jahrzehnten eine Trennung zwischen Arzt und Apotheker, die Frage sei jetzt jedoch, ob dies für die nächsten 20 Jahre noch zeitgemäß sei. Er sehe kein Problem darin, wenn ein Patient der in eine Notfallpraxis geht auch dort sein Medikament bekommen kann, statt nach dem Besuch noch zur nächsten Apotheke zu müssen. Gleichzeitig könnten auch Apotheken zum Beispiel in der elektronischen Patientenakte (ePA) vermerkte Dauermedikation abgeben.
Dass man seit 2013 für das gleiche Honorar arbeite, sei „nicht so lustig“, kritisierte Arnold. Die Forderung der Apothekerschaft sowie die Zusagen der Politik stünden weiterhin im Raum. Im aktuellen Gesetzentwurf sei das Fixum bisher nicht enthalten. Das sei aber auch gar nicht nötig, da das Gesundheits- und das Wirtschaftsminsiterium das Fixum ohne Zustimmung von Bundestag und Bundesrat per Verordnung anheben könnten.
Die geplante Verhandlungslösung bezeichnete Arnold als spannend, vermutlich werde hier ähnlich wie bei den Ärzten vieles über die Schiedsstelle laufen müssen: „Es ist spannend, was da rauskommt – schauen wir mal.“ Man habe einen einheitlichen Arzneimittelpreis. Wenn verhandelt werde, müsse im Endergebnis klar sein, dass der Staat dieses flächendeckend umsetzt. Es dürfe keine unterschiedlichen Preise für Privatversicherte, die GKV und Selbstzahler geben, betonte Arnold.
Lobeda erklärte, dass die pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) „super viel Spaß“ machten. Etwa 50 Prozent der Apotheken leisteten diese bereits; es gehe Stück für Stück los. Es gebe Kollegen, die das „großartig“ umsetzten, aber auch viele, die es aus verschiedenen Gründen noch nicht täten.
Schäfer gab zu bedenken, dass pDL bei Landapotheken nicht so einfach umsetzbar seien. Dort stehe die Basisversorgung an erster Stelle, und es gebe verstärkt Personalprobleme. Durch den Einsatz von KI und digitalen Tools müsse Zeit freigesetzt werden, die man dann zielbringend an anderer Stelle – etwa für die pDL – einsetzen könne.
APOTHEKE ADHOC Debatte