„Bitte keine offensichtlichen Falschaussagen treffen“

Apotheker zofft sich mit AOK-Sprecher

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Berlin -

Statt einer Erhöhung des Fixums fordert die AOK sogar weitere Sparmaßnahmen von den Apotheken. Felix Maertin, Inhaber der Rhein-Apotheke in Karlsruhe und Erster Vorsitzender der Gruppe Karlsruher Apotheker, fragte nach: Wieso werden stets die Apotheken wegen ihrer Kosten kritisiert und nicht die Krankenkassen, die einen deutlich größeren Kostenblock der Gesamtausgaben ausmachen? Der AOK-Bundesverband antwortete – und verteidigte die Position. Mehr noch: Die Kritik des Apothekers wird im Antwortschreiben als „bloße Polemik“ zurückgewiesen.

Regelmäßig kritisiere der AOK-Bundesverband die Kosten der Apotheken, obwohl seit faktisch 20 Jahren keine Honorarerhöhung stattgefunden habe, hatte Maertin in seiner Mail erklärt. Dabei machten die Verwaltungskosten der Krankenkassen rund 4,5 Prozent der Gesamtausgaben aus und damit mehr als doppelt so viel wie die Apotheken mit einem Anteil von sogar unter 2 Prozent – „bei deutlich weniger Mitarbeiter:innen, die den Hauptanteil der Kosten ausmachen“, erklärte er.

Nach Meinung der AOK hinkt der Vergleich: „Zu Ihrem Effizienzvergleich zwischen Kassen und Apotheken möchte ich anmerken, dass dieser angesichts völlig verschiedener Aufgabenzuschnitte ziemlich schief ist“, antwortete ein Sprecher. Außerdem würden die Krankenkassen in ihrer Aufgabenwahrnehmung immer effizienter, die Kassenzahl habe stetig abgenommen, die Verwaltungskosten der Kassen würden weit unter denen der Privaten Krankenversicherung liegen und seien auch in Gesundheitssystemen mit staatlicher Einheitsversicherung nicht niedriger. „Im Übrigen tragen die Krankenkassen zum aktuellen Sparpaket 100 Millionen Euro bei. Von einem Sparbeitrag der Apotheken ist hingegen nicht die Rede“, betonte der Pressesprecher.

AOK: „Bloße Polemik“

„Dass Krankenkassen die Apotheken von ‚jeglicher Einkommensentwicklung abschneiden‘, ist bloße Polemik“, kritisierte er. „Erstens hängen Ertrag und Wirtschaftlichkeit auch von unternehmerischen Entscheidungen ab; zweitens ist Ihre Darlegung, dass sich das Apothekenhonorar seit 13 Jahren nicht weiterentwickelt habe, unzutreffend“, begründete der Pressesprecher.

Das Apothekenhonorar bestehe aus mehreren Komponenten, nicht nur dem Fixzuschlag von 8,35 Euro. Leider habe der Apotheker weitere wirtschaftlich wesentliche Einnahmeaspekte nicht beachtet, wie den preisabhängigen Zuschlag in Höhe von 3 Prozent des Apothekeneinkaufspreises, aber auch die Zuschläge für Nacht- und Notdienst oder pharmazeutische Dienstleistungen (pDL). Auch den Umstand, dass 500 Millionen Euro in einem Fonds ungenutzt herumlägen und von den Apotheken nicht abgerufen würden, habe Maertin nicht benannt.

Vor diesem Hintergrund sei es zu den von Maertin kritisierten Äußerungen des Vorstandes gekommen. „In einer Situation, in der GKV-Versicherte Rekordbeiträge zahlen und zuletzt fast alle zusätzlichen Belastungen im Gesundheitswesen auf diese abgewälzt wurden, passt eine Einnahmenverbesserung durch eine Steigerung der Apothekenfixums in der Tat nicht zur Lebenswirklichkeit der Bürgerinnen und Bürger. Das hat auch Gesundheitsministerin Nina Warken erkannt“, so der Pressesprecher.

„Dass Sie aus Apotheker-Interesse Kassenvorständen vorwerfen, sich an der ‚Spaltung des Landes‘ und der ‚Zerstörung der Daseinsvorsorge‘ zu beteiligen und den ‚Erfolg antidemokratischer Parteien‘ wie der AfD zu befördern, ist für mich nicht nachvollziehbar – und ich finde diese konfrontative Tonlage auch nicht angemessen“, kritisierte er weiter.

Über die Finanzkommission Gesundheit hätten auch die Apothekenverbände die Möglichkeit, Vorschläge zur finanziellen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu machen. „Wir freuen uns auf deren Impulse und hoffen, dass auch die Apothekerschaft einen konstruktiven Beitrag leisten wird. Nur so erreichen wir die Begrenzung der finanziellen Last für Versicherte und Arbeitgeber, sichern die gesundheitliche Versorgung und bleiben als GKV und AOK eine sichere Bank für die Leistungserbringer“, schloß er.

„Bitte keine offensichtlichen Falschaussagen“

Mit der Antwort des Verbandes war Maertin wenig zufrieden – und schrieb dem Pressesprecher zurück. „Wenn ich mich auf Ihrem LinkedIn-Profil umsehe, finde ich die bekannte Apothekenzerrederei, die ich nur noch müde belächeln kann. Ja, es ist bekannt, man muss nur oft genug etwas sagen, egal wie viel Fundament es hat, irgendwann glauben es einem die Menschen. So wie Sie an Ihre Aussagen glauben, unabhängig von der Realität“, erwiderte er.

Der Apotheker legte erneut Zahlen auf den Tisch: So habe sich der Anteil der Verwaltungskosten an den GKV-Gesamtausgaben von 2017 bis 2024 zwar von 4,71 Prozent auf 3,86 Prozent verringert. Absolut gesehen seien sie jedoch von 10,86 Milliarden Euro auf 12,63 Milliarden Euro gestiegen, also um rund 16 Prozent.

Die GKV-Ausgaben für die öffentliche Apotheke seien im gleichen Zeitraum lediglich von 5,21 Milliarden auf 5,84 Milliarden Euro gestiegen, also nur um rund 12 Prozent. Relativ habe sich der Anteil hier von 2,26 Prozent auf 1,78 Prozent verringert – und das bei höheren Beschäftigungszahlen, wie er betonte.

„Zu Recht lesen Sie Polemik aus meiner Mail. Ich musste es ein wenig zuspitzen, damit überhaupt sich jemand regt und mir Antwort auf meine berechtige Frage gibt“, kritisierte Maertin.

Auf die Ausführungen des Pressesprechers wollte der Apotheker nicht im Einzelnen eingehen. Stattdessen wiederholte er mit Verweis auf die Zahlen die Frage: „Hat die GKV, die Politik, hier ein großes, ein sehr großes Ausgabenloch nicht im Blick?“

Angst um Daseinsvorsorge ist real

Außerdem sei es Realität, dass die Menschen Angst um ihre Daseinsvorsorge hätten. Nehme man ihnen die Daseinsvorsorge, dann träfen diese unbedachte Entscheidungen. „Dann bekommen blaue Parteien, Populisten Zuspruch“, warnte er. Dazu könnten auch die Aussagen des AOK-Bundesverbandes beitragen, etwa wenn man Abgabeautomaten auf dem Land fordere und damit eine Zwei-Klassen-Medizin forciere. „Manche Patienten bekommen dann echte Apotheke und manche halt nicht. Aber Bundesliga-Vereine muss man aus dem GKV-Topf dringend sponsorn. Irre Ansichten“, kritisiert Maertin.

„Im Übrigen formulieren Sie eine klare Falschaussage“, so Maertin: Die Fixumserhöhung stehe im Koalitionsvertrag und auf der Agenda der Gesundheitsministerin. „Sie dürfen es sich anders wünschen, aber bitte keine offensichtlichen Falschaussagen treffen.“

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