Gendermedizin

Testosteron: Schutz vor Entzündungen

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Berlin -

Bestimmte Erkrankungen kommen bei Frauen häufiger vor. Die geschlechtsabhängige Inzidenz beschäftigt die Wissenschaft seit langem und die Gendermedizin rückt immer stärker in den Fokus. Deutsche Forscher liefern Anhaltspunkte für die Notwendigkeit eines Umdenken in der Medizin: In zwei Studien konnten sie in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit weiteren Kollegen die bislang unklaren molekularen Ursachen dieser Unterschiede bei Frauen und Männern zeigen. Verantwortlich dafür machen sie das Steroidhormon Testosteron.

Das Geschlechter unterschiedlich anfällig für Krankheiten sind, wurde schon in früheren Studien bestätigt. „Wir wissen, dass etwa entzündliche Erkrankungen wie Asthma, Psoriasis oder Rheumatoide Arthritis bei Frauen sehr viel häufiger vorkommen als bei Männern“, sagt Professor Dr. Oliver Werz von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Bekannt war zudem, dass das Geschlecht ein Rolle in der Produktion der Prostaglandinsynthese spielt. Die Arbeitsgruppe Werz hat gemeinsam mit italienischen, dänischen sowie schwedischen Forschern nun herausgefunden, dass das männliche Sexualhormon Testosteron in die Biosynthese von Entzündungsmediatoren eingreift und außerdem die Wirksamkeit von Antiphlogistika reduziert.

In den Studien, die im „Journal of Clinical Investigation“ sowie im „Scientific Reports“ veröffentlicht wurden, analysierten die Wissenschaftler die im Einzelnen stattfindenden Prozesse während einer Entzündung. Dazu bedienten sie sich Tiermodellen, aber auch Immunzellen von weiblichen und männlichen Probanden. Am Lehrstuhl von Werz wurde zuvor ein Zellsystem entwickelt, das Ihm Rahmen dieser Untersuchung eingesetzt wurde. Das System ermöglicht eine zeitaufgelöste und hochpräzise Beobachtung der Teilschritte im Mikroskop. „Wir haben die Bildung von entzündungsfördernden Substanzen, wie Leukotrienen und Prostaglandinen, untersucht und geschaut, ob sich die Wirkung von Entzündungshemmern in männlichen und weiblichen Zellen unterscheidet“, erläutert Werz.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass proinflammatorische Leukotriene unter der Einwirkung des 5-LO-aktivierenden Proteins (FLAP) von der 5-Lipoxygenase (5-LO) gebildet werden. Zudem bemerkten sie, dass der Einsatz von FLAP-Inhibitoren bei weiblichen Blutproben wirksamer war als bei männlichen Proben. „Diese Unterschiede lassen sich aber durch die Gabe von Testosteron komplett ausgleichen“, sagt Dr. Simona Pace, die Erstautorin der beiden Publikationen.

Die Forscher machen daher die Androgene für den Unterschied innerhalb der beiden Geschlechter verantwortlich. Das Steroidhormon behindert den 5-LO/FLAP-Komplex, was dazu führt, dass weniger Leukotriene und mehr Prostaglandine gebildet werden, die dann den Entzündungsprozess fördern. Möglicherweise kann daher Testosteron vor Entzündungserkrankungen schützen – wie auch schon in früheren Studien von der Forschergruppe um Merz gezeigt wurde.

„Jetzt konnten wir aber den molekularen Wirkmechanismus aufklären und zeigen, dass dies auch die therapeutische Wirkung von Arzneistoffen beeinflusst“, sagt Pace, Postdoktorandin vom Lehrstuhl für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Uni Jena. Die Autoren legen nahe, dass Frauen von einer Therapie mit Anti-Leukotrienen mehr profitieren können als Männer. „Entzündungshemmende Wirkstoffe, die für Frauen geeignet wären, zeigen bei Männern unter Umständen nur eine geringe Wirkung und umgekehrt“, fasst Werz die Studienergebnisse zusammen.



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