„Beratung: Service für Analphabeten“ | APOTHEKE ADHOC
Wirtschaftswoche-Kolumne

„Beratung: Service für Analphabeten“

, Uhr
Berlin -

Einigen ist der Journalist und Autor Marcus Werner aus dem TV bekannt. Andere kennen seinen Roman „Ein Joghurt namens Annika“ und auch als Kolumnist der Wirtschaftswoche (Wiwo) spitzt Werner seine Feder. In der aktuellen Ausgabe hat er die Apotheker ins Visier genommen und rechnet mit dem Berufsstand ab: „Der Kampf der Apotheken gegen den Online-Versand ist aussichtslos. Viele Kunden können auf die formelle Beratung vor Ort wunderbar verzichten“, beginnt seine Kolumne und macht dann Hoffnung: „Neue Aufgaben könnten die Apotheken aber aufwerten und Wartezimmer beim Hausarzt entlasten.“

In Deutschland solle man sich nie vor einer Apotheke verabreden, beschreibt Werner den aus seiner Sicht bestehenden Überfluss: „Denn so werden Sie Ihre Lieben niemals pünktlich wiedersehen. Der eine steht dann vor der ‚Löwenapotheke‘, die andere vor der ‚Marienapotheke‘, der Dritte vor der ‚Apotheke am Rathaus‘.“ Es gebe einfach so unfassbar viele Apotheken. Man könne auch sagen: Mehr als nötig. „Bleiben Sie in irgendeiner deutschen Innenstadt mal auf dem Gehweg stehen, stellen Sie sich auf Ihrer Straßenseite mit dem Rücken zur Häuserzeile und dann wenden Sie Ihren Kopf einmal nach links und danach nach rechts. Fast immer klappt es: Sie entdecken in diesem Panorama irgendwo eine Apotheke. Wirklich!“

In Dänemark sei die Lage anders. Dort stünden die Kunden in den wenigen Apotheken, die es dort gebe, mitunter in Warteschlangen bis raus auf die Straße. Das kenne man in Deutschland so nur von Postfilialen in der Mittagszeit. Bei diesem Apotheken-Überangebot in Städten schmerze es natürlich ganz besonders, wenn einem als Unternehmer dann der „Onlinehandel jung und frisch und frech dazwischen grätscht“. Die alteingesessenen Apotheken plakatierten deshalb immer mal wieder halb Deutschland zu und warnten vor dem Untergang ihrer schönen Welt: „Wenn wir Medikamente im Internet bestellen (was aus Kundensicht für viele eine sehr vernünftige, komfortable Sache ist), müssen ganz viele Apotheken schließen und dann gibt es keine Beratung mehr. Und keinen Notdienst.“

Als interessierter Verbraucher schätzt er das so ein: „Apotheken sterben nicht dort, wo es so wenige gibt, dass die Versorgung vor Ort gefährdet wäre. Sondern dort, wo es so viele gibt, dass sie sich schon heute gegenseitig kannibalisieren. Es würde ja reichen, wenn man beim 180-Grad-Blick in der Innenstadt nur noch eine, und nicht zwei oder drei Apotheken sehen könnte. Wie gesagt: aus Kundensicht.“ Bei einer Überversorgung mit Apotheken werde neue Konkurrenz (wie Onlineapotheken) aus Apothekersicht schnell zur Gefahr für die eigene Existenz. Gerade dann, wenn endlich bald mal digitale Rezepte Standard würden, die man dann ruckzuck online einreichen könne. „Schluss mit dem hinterwäldlerischen Zettelkram! Meine Güte! Unsere EU-Nachbarn lachen uns aus. Wirklich!“, so Werner.

Wozu dann noch in die Apotheke laufen, fragt sich der Kolumnist: „Ja, die Apotheken werben mit der persönlichen Beratung. Aber bitte, liebe Apothekerinnen und Apotheker, seien Sie jetzt mal ganz, ganz ehrlich zu sich selber: In 90 Prozent der Fälle (vielleicht sogar noch häufiger) laufen die Beratungsgespräche doch so ab: ‚Wissen Sie, wie Sie die Tabletten einnehmen?‘ ‚Ja, hat mir die Ärztin eben gesagt.‘ ‚Alles klar, ich stecke Ihnen hier noch ein Päckchen Tempos ein. Gute Besserung.‘ Und wenn ein Rezept im Spiel ist, dann gibt es noch nicht mal mehr die Stelle mit dem Tempo. Hat der BGH verboten.“

Werner hat noch eine zweite Gesprächssituation auf Lager: „Kann ich mit den Tabletten denn Autofahren?“ „Moment, ich gucke mal…“ Und dann werde der Beipackzettel vom Display der Kasse vorgelesen. „Ein gut gemeinter Service für Analphabeten. Und auch für Senioren, die sich auf dem winzig bedruckten und zigfach zusammengefalteten Poster in der Packung nicht mehr zurechtfinden. Okay. Aber wenn diese beiden Kundengruppen zusammen groß genug wären, bräuchten die Apotheker die Online-Konkurrenz ja nicht zu fürchten“, macht sich der Kolumnist lustig.

Er gönne jedem Apotheker seinen Job in seinem Laden vor Ort. Aber dazu brauche es ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Werner: „Wenn andere mit neuen guten Modellen einem das Wasser abgraben, muss man selber mit Neuem kommen.“ Gesundheitsminister Jens Spahn denke ja über Dinge nach, die den Apotheken vorkommen müssten wie ein Geschenk des Himmels. Die Bundesregierung möchte Apotheken künftig das Impfen gegen Grippe erlauben. Das sei aus Apothekersicht natürlich genial. „Denn eine Impfung bietet dir keine Online-Apotheke. Die Impfung wäre für die Apotheke vor Ort das, was für die stationäre Buchhandlung der herrlich duftende Espresso in der Bücherwurm-Lounge ist: Der gewisse Service, den der Onlinehandel rein physisch nicht bieten kann.“

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