„Meine Schwester hat welche über“

Rx-Flohmarkt bei Facebook

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Berlin -

Der wohl unqualifizierteste Vorschlag gegen Lieferengpässe kam Ende 2022 von Dr. Klaus Reinhardt. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) rief die Bevölkerung dazu auf, sich gegenseitig mit Medikamenten auszuhelfen. Zwar ruderte er später zurück, tatsächlich gibt es solche riskanten Aktionen bereits: Eine öffentliche Gruppe auf Facebook zeigt, wohin das Konzept „Medikamentenflohmarkt“ führen kann.

„In vielen Apotheken gibt es verschiedene Medikamente nicht mehr. In dieser Gruppe gibt es die Möglichkeit nach Medikamenten zu fragen und diese bei Bedarf zu teilen“, heißt es im Beschreibungstext von „Medikamentenflohmarkt Medikamente & Hilfe“. Die Gruppe wurde nur vier Tage nach Reinhards Aufruf im Dezember 2022 erstellt. Gegenwärtig hat sie 88 Mitglieder.

Ein kurzer Blick in den öffentlichen Nachrichtenverlauf der Gruppe reicht aus, um festzustellen, dass hier kein nachbarschaftliches Aushelfen gelebt wird. Neben unbeantworteten Gesuchen nach Ozempic, Teledin (sic!) und Ritalin, werden vorrangig Rx-Verkäufe abgewickelt. User helfen Usern sozusagen – nur illegal und ohne Sachkenntnis: „Hat jemand Verwendung für Xanax retard? Günstig abzugeben.“ Solche und ähnliche Angebote finden sich in der Flohmarkt-Gruppe. Interessenten posten unter dem Beitrag und melden Bedarf an.

Ritalin, Saxenda, Medikinet

Wirklich bewusst scheint einigen Usern nicht zu sein, dass sie illegal verschreibungspflichtige Arzneimittel von Personen ohne Sachkenntnis erwerben. Als jemand nach „Ritalin Ersatz“ fragt, postet eine Userin ihre Telefonnummer und ihren Vornamen.

Besonders beliebt beim Flohmarkt: Abnehmspritzen. Zu einem Saxenda-Foto schreibt jemand: „Hab mich eingedeckt, bin jedoch umgestiegen auf Wegovy“, oder „Ich habe 3 Packungen abzugeben, da ich mein Zielgewicht erreicht habe.“ Kostenpunkt: 550 Euro.

Auch Medikinet wird immer wieder angeboten. „Interesse? Gerne Melden“, schreibt der anonyme Anbieter, der daraufhin mit einer Flut von öffentlichen Anfragen konfrontiert wird. Die Abwicklung leitet er zum Großteil auf den Messenger der Social-Media-Plattform oder WhatsApp um. Auch hier posten die Interessenten ihre Handynummern öffentlich.

Ärztin im Urlaub

Eine anonyme Userin meldete sich, weil ihre Fachärztin im Urlaub sei und ihre Medikamente nicht mehr reichten. „Jetzt sind meine Tabletten gegen mein RLS fast aufgebraucht. Pregabalin 100 mg. Der VA schreibt es mir nicht aus. Hat zufällig jemand noch was übrig? Müsste auch nur für ein paar Tage reichen.“ Hilfe ist schnell gefunden: „Meine Schwester hat welche über, wieviel brauchst du? Wo kommst du her, wir Gegend Frankfurt. Wenn’s passt kann man sich kurz treffen.“ Der Rest wird im privaten Chat abgewickelt.

Auch Empfehlungen werden in der Gruppe ausgesprochen. Jemand, der nach Viagra fragt, bekommt von einem Gruppenmitglied mitgeteilt: „Nimm das Medekinet (sic!), wirkt genauso.“ Ein anderer User sucht Kortisontabletten gegen Juckreiz: „Wenn es Urtikaria ist, werden die nicht helfen. Im Gegenteil“, wird er von der Community belehrt.

Betrügerische Machenschaften

Wenn eines beim Rx-Flohmarkt nicht gern gesehen ist, dann sind es Betrügereien. „Ich wollte euch vorwarnen: Hier treibt ein Betrüger sein Unwesen, der echte Sprachnachrichten versendet und so weiter“, schreibt ein empörtes Mitglied. „Er hat mir unverfroren 614 Euro abgenommen.“ Anstelle der „bestellten Ware“ habe der User nur „eine kleine Packung Magentabletten erhalten, die als Pantoprazol bezeichnet werden“. Im Nachgang hätte sich der Betrüger entschuldigt: Seine Kinder seien krank geworden, deshalb konnte er die tatsächliche Ware nicht versenden. „Danach wurde ich eiskalt blockiert“, beschwert sich der Hintergangene.

Bestellt hatte er sechs Packungen Tenuate (Amfepramon). Der Appetitzügler wurde im Februar 2023 EU-weit vom Markt genommen. „Direkt zur Polizei“, empfiehlt eine Userin, der bereits Ähnliches passiert ist. Der anonyme Besteller veröffentlichte auch den WhatsApp-Verlauf mit dem Klarnamen seines Dealers.

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