Dietmar Frensemeyer

„Berufsständisch bin ich mehrfach vorbestraft“

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Berlin -

Den Stallgeruch der Apotheke hatte Dietmar Frensemeyer schon immer. In der väterlichen Offizin ist er groß geworden. Nach seinem Studium übernahm er die Stadt-Apotheke in Achern. Nach 45 Jahren schließt er die Türen heute Mittag ein letztes Mal ab. Der Pharmazeut, der vielen Funktionären bei ABDA und Landesapothekerkammer als Rebell bekannt bleiben wird, geht im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand.

Eigentlich wäre Frensemeyer lieber Architekt geworden. „Aber die Apotheke war damals eine Goldgrube“, sagt er. Die wirtschaftlichen Aussichten, die die Eltern mit der Merkur-Apotheke im baden-württembergischen Gaggenau präsentierten, seien zu gut gewesen. Studiert hat er noch in Karlsruhe, bevor die Pharmazie an die Universität nach Heidelberg verlegt wurde.

Bereits damals regte sich in ihm der Revolutionär. Das Pharmaziestudium in Karlsruhe sei von der Universitätsleitung stiefmütterlich behandelt worden, sagt Frensemeyer. Biologie fand im Keller statt, für 60 Personen gab es im Labor lediglich zwei Abzüge. „Ich habe regelmäßig ohnmächtige Frauen rausgetragen.“ Er entschloss sich, an das Kultusministerium, das Fernsehen und den Spiegel zu schreiben, und plädierte für eine Verlegung.

Den Umzug selbst hat er nicht erlebt. Insgesamt hält er das Pharmaziestudium von einst für besser strukturiert. „Früher musste man zwei Jahre Praktikum in Apotheken machen“, sagt er. Pro Tag habe er etwa 35 Rezepturen in der elterlichen Apotheke hergestellt und dafür 90 D-Mark pro Monat erhalten. „Mit dem Geld bin ich bis an die Grenze des Libanon gefahren.“

1971 übernahm er nach dem obligatorischen Kandidatenjahr in Berlin die Stadt-Apotheke in Achern. Frensemeyer wollte etwas Eigenes aufbauen und nicht in die Fußstapfen des Vaters treten. Außerdem sei auch die Lage der Merkur-Apotheke nicht zukunftsweisend gewesen. Seinen Betrieb wollte er nie als Marketingplattform der Industrie verstanden wissen: „Bei uns gab es nie Verkaufsständer, Zahlteller oder andere Dekorationen. Ich habe meine Kunden nicht behandelt, als würden sie am Flipper stehen.“

Modern sollte die Apotheke aber sein: 1976 investierte er 85.000 D-Mark in den ersten Computer. 1985 entschied er sich für einen kompletten Umbau. 500.000 Mark nahm er in die Hand und beauftragte den Architekten Klaus Richard Bürger aus Krefeld. „Die Apotheke ist heute 30 Jahre alt und immer noch genauso modern“, freut sich Frensemeyer.

Der Apotheker hat während seiner Karriere goldene Zeiten erlebt. „Ich habe gutes Geld verdient“, sagt er. Bis Anfang der 1990er Jahre, bevor Horst Seehofer Bundesgesundheitsminister wurde, hätten Apotheken einen Rohgewinn von 40 Prozent erwirtschaftet. Nach Abzug weiterer Kosten blieben 20 Prozent Reingewinn übrig.

Aus dem Landesapothekerverband trat er aus. Die Kammer hat sein Treiben rege verfolgt – auch juristisch. „Ich wurde permanent mit Berufsgerichtsverfahren überzogen“, sagt Frensemeyer. Beispielsweise bot er einen Stadtplan an, bei dem an seinem Standort die Stadt-Apotheke eingezeichnet war. Deshalb habe es ein Verfahren und letztlich eine Geldstrafe von 1000 Mark gegeben. „Berufsständisch bin ich mehrfach vorbestraft.“

Auch vom ehemaligen ABDA-Präsident Hans-Günter Friese sei eine Abmahnung gekommen, sagt Frensemeyer. Grund gewesen sei der Slogan: „Wir bringen Gesundheit nach Hause. Anruf genügt.“ Doch auch der Apotheker selbst geizte nicht mit Verfahren gegen die Mitgliedsorganisation. Er versuchte 2003, per Klage einen Austritt seiner Kammer aus der ABDA zu erzwingen. „Die gingen mir auf den Keks“, sagt er. Die ABDA sei eine Investmentgesellschaft. Letztlich habe er aber aufgegeben.

Frensemeyer startete 2003 aber auch eine Abmahnwelle gegen zahlreiche Kollegen. Gemeinsam mit seinem Anwalt Dr. Nicolas Günzler überzog er rund 6000 Apotheker, die sich im Vorfeld der Zulassung des Versandhandels für das Bestellportal Aponet.de registriert hatten, mit Klagen und Abmahnungen. Heute will er davon nichts mehr wissen; die Verantwortung liege beim Anwalt, sein eigener Schaden sei sehr groß gewesen. Er selbst gehörte zwar zu den Versandhändlern der ersten Stunde; entnervt von den zahlreichen Reklamationen zog er sich bald zurück.

Die ABDA wird sich laut Frensemeyer nicht verändern. „Dort kümmert man sich nur um die eigenen Firmen.“ Die Beratung der Apotheker müsste viel besser vermarktet werden – auch bei der Politik. Die Zukunft der Apotheker sei „nicht besonders rosig“: Pharmazeuten würden von der Standesvertretung „zu Underdogs gemacht“, kritisiert er.

Einen Nachfolger zu finden, sei nicht schwer gewesen. „Es waren genügend Interessenten da“, sagt er. Letztlich fiel die Wahl auf Axel Fels, der die Stadt-Apotheke als erste eigene Apotheke führen wird. „Ich habe jemanden gesucht, der ein freundlicher Mensch ist und meinen Angebotspreis bezahlt“, sagt Frensemeyer. Wie viel er für die Apotheke haben wollte, will er nicht verraten. Das Team werde übernommen. „Meine Mitarbeiter waren mein größtes Vermögen.“

Künftig will sich der Apotheker wieder mehr bewegen. „Ich habe an Gewicht zugenommen, das muss weg“, sagt er. Silvester wird er in Turin verbringen. Danach plant er einen längeren Aufenthalt in Argentinien, dem Heimatland seiner Frau. Der derzeitige politische Umbruch in dem südamerikanischem Land sei sehr spannend. Ob er sich dort ein Haus kaufen wird, weiß Frensemeyer noch nicht. Lieber sei ihm, möglichst ungebunden zu bleiben. Auch seinen Hobbys – Architektur, Italien, Oldtimer, Haut cuisine – kann er sich nun verstärkt widmen.

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