Fußball

Apothekerin und Schiedsrichterin des Jahres

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Berlin -

Wochentags berät Dr. Riem Hussein in der Regel ihre Kunden in der Apotheke im Kurzentrum in Bad Harzburg – gemeinsam mit Bruder und Schwester. Am Wochenende pfeift sie Abseits, Freistöße und Elfmeter in Spielen der ersten Bundesliga oder internationaler Fußball-Ligen. 2013 wählte sie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zur Schiedsrichterin des Jahres.

Bis 2003 studierte die 34-Jährige Pharmazie, ein Jahr später approbierte sie in Braunschweig und arbeitete danach in der Industrie: Bei Solvay/Abbott leitete sie die Qualitätssicherung für die Herstellung des Enzympräparats Kreon (Pancrelipas). „Das war eigentlich mein Berufsziel“, sagt sie, „in die Industrie zu gehen. Ich habe relativ schnell entdeckt, dass das nicht meine Welt ist.“ Alles sei sehr bürokratisch, komplex und undurchsichtig. Sei man ein paar Tage nicht im Büro, häuften sich schnell hunderte E-Mails an. Hussein hatte das Gefühl, nie „richtig fertig“ zu werden.

In der Apotheke ließen sich viele Dinge viel schneller erledigen und abhaken, die Prozesse seien kürzer. „Na klar, man muss sich in der Apotheke in viele berufsfremde Dinge einarbeiten. Man könnte fünf verschiedene Studiengänge absolviert haben, um dann immer noch nicht alles zu können.“ Das sei herausfordernd, mache die Arbeit aber interessant.

Im April 2008 eröffnete ihr Vater, der seit den 80er Jahren die Burgberg-Apotheke in Bad-Harzburg führt, eine Filialapotheke im gleichen Ort – die Apotheke im Kurzentrum. Zunächst übernahmen die beiden älteren Geschwister, beide promovierte Apotheker, die Apotheke. Hussein entschied sich 2009 ebenfalls für die Offizin. Der Vater arbeitete weiter in der Hauptapotheke, die Filiale leitet die ältere Schwester: „Aber wir sind gleichberechtigt“, sagt Hussein. Im gleichen Jahr promovierte sie im Fach Pharmazeutische Technologie zu Arzneistoffträgersystemen und Nanopartikeln.

Schon als Kinder hätten die Geschwister in der Apotheke geholfen, sie seien damit aufgewachsen und schließlich „hinein gewachsen“: „Die Kollegen kannten wir schon als kleine Stöpsel“, so Hussein. Das Ziel, die Apotheke zu übernehmen, habe keines der insgesamt fünf Kinder verfolgt, „das hat sich einfach so entwickelt.“

Ähnlich entwickelte sich auch ihre nebenberufliche Karriere: Mit sechs Jahren stand Hussein zum ersten Mal auf dem Platz. Als Spielerin schaffte sie es bis in die zweite Bundesliga. Mit 18 Jahren pfiff sie zum ersten Mal: Bei einem Spiel der C-Jugend tauchte der Schiedsrichter nicht auf. Ohne genau zu wissen, was zu tun war, versuchte sie, allein mit Pfeife und Stoppuhr, „den Regeln Geltung zu verschaffen“. „Es hat Spaß gemacht, Dinge ahnden zu müssen und abzuwägen, was Foul ist und was nicht“, sagt Hussein, „das war schon ein Schlüsselerlebnis.“

Bis zum 25. Lebensjahr spielte sie weiter Fußball. Bei Punktspielen hinterfragte sie Entscheidungen der Schiedsrichter und war mit deren Leistung nicht immer zufrieden: „Ich hatte das Gefühl, da kommt jemand mit wenig Motivation und wenig Fitness.“ Nachwuchs könne man gut gebrauchen, dachte sie.

Bereits 2001 – mit 20 Jahren – absolvierte sie ihren Schiedsrichterschein. Anfangs pfiff sie Samstags für den Landkreis Gosslar und dribbelte Sonntags beim MTV Wolfenbüttel. „Das Spielen hatte Priorität“, so Hussein. Trotzdem wollte sie auch beim Pfeifen weiter kommen: „Das Erste was man sich wünscht, ist, mit einem eigenen Team los zu fahren, das geht ab der Bezirksebene“, so Hussein. Dazu waren zeitaufwändige Lehrgänge nötig.

Der Wechsel von der Pharmaindustrie in den Familienbetrieb kam ihr gelegen: „In einem anonymen Großbetrieb wäre es nicht möglich, bis zu sieben Tage relativ spontan weg zu müssen.“ Seit 2003 pfiff Hussein auf Bezirksebene.

Anfangs sei man noch unsicher: „Wenn ihnen nach dem Spiel keiner den Kopf abreißt, sind sie schon froh.“ Aber das Pfeifen lag ihr. Zudem gebe es für Frauen mehr Möglichkeiten, sich durch Leistung abzugrenzen. Hussein war durch das regelmäßige Training fit. Eine Schiedsrichterin aus der Bundesliga entdeckte ihre Begabung und förderte sie. „Sie nahm mich in Ihren Spielklassen überall als Assistentin mit.“

2005 entschied sie sich endgültig fürs Pfeifen. Der DFB stufte sie in die Zweite Frauenbundesliga ein, ein Jahr später stieg sie in die Erste auf, drei Jahre später auf internationale Ebene: Seit 2009 pfeift sie für die FIFA, ausschließlich Frauenfußball. Für die Herren pfeift sie in der Regionalliga. Ihre größten Erfolge seien 2010 das DFB-Pokalfinale der Frauen und 2012 die U19-Europameisterschaft in der Türkei gewesen. Vor zwei Jahren wählte sie der DFB zur Schiedsrichterin des Jahres.

„Ich fühle mich wohl im Frauenbereich“, sagt Hussein. Im Männerfußball lägen die Anforderungen aber höher, es gebe mehr zu tun, mehr Entscheidungen zu treffen, die Spiele seien schneller. Besonders aufregend seien aber die internationalen Einsätze: Vor zwei Wochen pfiff sie vor knapp 15.000 Zuschauern ein Testspiel Deutschland gegen Brasilien – auch im Fernsehen lief das Spiel.

Herausforderungen gebe es eine ganze Menge beim Pfeifen: „Sie laufen die ganze Zeit, das belastet körperlich sehr stark, Sie müssen die Augen überall haben und auch Dinge abseits vom Ball sehen. Von der ersten bis zur 90sten Minute müssen Sie hellwach sein. Sie müssen die Aufgaben im Team gut verteilen, so dass jeder weiß, was er zu tun hat.“ Wichtig sei auch, dass die Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und konsequent seien: „Die Frage, was lässt man laufen und was nicht – das muss sich die Waage halten“. Manchmal wollten Mannschaften spielen, manchmal treten, sagt Hussein – die Spiele richtig einzuschätzen und dementsprechend zu pfeifen, sei ebenfalls wichtig.

Zur Frauen-Fußball-WM 2011 wurde Hussein vom ZDF als Expertin verpflichtet. Sie saß während der Spiele als Souffleuse beim Kommentator und half hinter den Kulissen, Szenen einzuordnen. „Das hat sehr viel Spaß gemacht. Es war anstrengend, sich jede einzelne Szene ganz genau anzuschauen und sofort zu entscheiden, wie das Spiel weiter geht.“ Auch den Ablauf und Aufwand beim Fernsehen und bei Live-Produktionen kennen zu lernen, habe sie beeindruckt.

Als beim WM-Spiel Australien gegen Äquatorial-Guinea eine Spielerin vor dem Tor sekundenlang den Ball in den Händen hielt und die Schiedsrichter kein Handspiel sahen, durfte Hussein sogar vor der Kamera ihre Einschätzung geben.

Wer ihre Lieblingsmannschaft ist, behält sie für sich: „Man muss neutral sein.“ Wenn sie in der Freizeit Fußball schaut, guckt sie eher nach dem Schiedsrichter, als nach dem Spiel, „für die eigene Weiterbildung“, sagt sie.

Ihre Einschätzung zu den aktuellen Fragen im Fußball: Die neue Torlinientechnik begrüßt sie: „Manche Dinge sind so knapp, da ist es natürlich toll, wenn sie sicher sagen können, ob der Ball drin war oder nicht. Der Schiedsrichter ist dann aus der Schusslinie.“ Freistoßspray? „Wenn Sie dadurch eine gelbe Karte verhindern können, weil niemand zu früh raus läuft, dann ist das gut.“ Alles was dazu beitrage, dass der Schiedsrichter weniger Ärger habe, sei grundsätzlich positiv.

Doppelbestrafung bei einer „Notbremse“ im Elfmeterbereich? „Das kann man nicht pauschalisieren. Wenn jemand gezielt einfach nur noch verhindern will und gar nicht nach dem Ball geht, dann finde ich die Doppelbestrafung OK. Aber das zu erkennen, ist nicht immer einfach.“

Sie selbst spielt heute nicht mehr, sie habe Angst vor Verletzungen: „Als Schiedsrichter wird man zum Leichtathleten. Man entwickelt auch sein eigenes Training.“ Hussein geht ins Fitnessstudio und läuft viel auf dem Laufband oder im Wald. Am Wochenende und einmal monatlich auch in der Woche pfeift sie.

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