NDR-Beitrag

Beratungscheck: „Apothekenpreise sind schon irre“

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Berlin -

Apothekenprodukte bei leichtem Halskratzen: Was bringen sie und was wird in Vor-Ort-Apotheken empfohlen? Dieser Frage ist das NDR-Format „Markt“ nachgegangen und hat in zehn Apotheken in Norddeutschland nachgefragt. Das Ergebnis: große Preisspannen, unterschiedlichste Empfehlungen, kaum Nachfragen zum Krankheitsbild, keine Zusatzhinweise. In nur zwei von zehn Apotheken habe sich das Team gut beraten gefühlt. „In den anderen hatten wir den Eindruck, dass es eher ums Verkaufen ging.“

„Leichtes Halskratzen noch ohne Schmerzen. Einfach nur das Schlucken fällt schwer.“ Mit diesem Beschwerdebild sind die Redakteur:innen undercover von Apotheke zu Apotheke gezogen. Zielsetzung: Wie wird beraten, was wird verkauft, wie sind die Preise?

Beratungspflicht

„Für Apotheker gibt es Leitlinien. Darin steht, was im Beratungsgespräch abgefragt werden soll“, wird im Beitrag erklärt und Beispiele wie Nachfragen zu vorliegenden Beschwerden und weiteren Erkrankungen genannt.

Bereits im Februar 2023 habe das Format Stichproben in Apotheken genommen. Dabei habe es keine ausführliche Beratung bei OTC- und Freiwahlpräparaten gegeben. Darüber hinaus seien Produkte empfohlen worden, „die Allergien auslösen können. Darauf wurden wir damals nicht hingewiesen.“ Auch deshalb wollte „Markt“ überprüfen, ob sich die Beratungsqualität verbessert habe.

Unterschiedlichste Empfehlungen

Die erste Auffälligkeit im Beitrag ist der Preis: Direkt in der ersten Apotheke seien dem Team drei Erkältungspräparate zum Preis von 42,27 Euro empfohlen worden: GeloRevoice (Pohl-Boskamp), Dolo-Dobendan (Reckitt Benckiser) und Imupret (Bionorica). Auf diese Empfehlung wird im Beitrag an unterschiedlichen Stellen immer wieder eingegangen. In der betroffenen Apotheke sei den Redakteur:innen sogar vom günstigsten Produkt abgeraten worden, da es „nicht so effektiv“ sei.

Allgemeinmedizinerin Dr. Sabine Gehrke-Beck von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) erklärt im Beitrag: „Letztendlich macht das keinen Schaden. Sie können das natürlich auch alles drei nehmen – aber es ist auch unnötig.“

„Apothekenpreise sind schon irre“

In einer weiteren Apotheke seien dem Redaktionsteam für dasselbe Beschwerdebild Salbeibonbons für 1,49 Euro verkauft worden. Auf die Preisdifferenz angesprochen, erklärt eine Passantin: „Also ich denke schon, dass das Abzocke ist.“ Eine weitere ergänzt: „Apothekenpreise sind schon irre. Man überlegt sich schon, ob man da hingeht und irgendwelche Medikamente kauft.“

Das Ergebnis der Stichprobe: Obwohl das NDR-Format nach eigenen Angaben stets dieselben Beschwerden im Beratungsgespräch angegeben habe, seien insgesamt zehn unterschiedliche Präparate empfohlen worden. Die Einzelpreise der Arzneimittel und Medizinprodukten liege zwischen 16,72 Euro und 1,49 Euro, „für etwas Halskratzen“, kommentiert „Markt“.

Arzneimittel bei Halskratzen unnötig

Gehrke-Beck kritisiert, dass viele der empfohlenen Präparate bei den vorgegebenen Beschwerden übertrieben seien. Eine „ganz normale Erkältung“ könne das Immunsystem selbst regulieren, eine medikamentöse Unterstützung sei hier nicht notwendig. Allein Ruhe sei notwendig, um die Symptomatik auszukurieren.

Mit die sinnvollste Empfehlung aus der Apotheke, sind laut Gehrke-Beck die Salbeibonbons, auch wenn diese im Vergleich mit der Drogerie oder dem Einzelhandel in der Apotheke „wahrscheinlich teurer“ seien. Darüber hinaus helfe warmer Tee. „Und im Gegensatz zum Gang in die Apotheken kostet der Tee einfach nur ein paar Cent“, urteilt das NDR-Format.

Apotheken wollen nur verkaufen

Hinweise wie Ruhe oder Teetrinken habe das Redaktionsteam in keiner einzigen Apotheke erhalten. „Dort werden die Produkte schließlich auch verkauft“, kommentiert „Markt“. Nur in drei der zehn Apotheken sei nachgefragt worden, welche Symptome konkret vorliegen.

„Markt“ fragt: „Überwiegend hat allein das Stichwort Halskratzen schon gereicht, um uns etwas zu verkaufen; ist das so in Ordnung?“ Laut Abda-Leitlinie seien die Beratungsfragen nur eine Orientierung; nicht jede einzelne Frage müsse gestellt werden, klärt das Format auf.

Helfen die Mittel überhaupt?

Laut Gehrke-Beck gebe es bei den empfohlenen Mitteln solche, bei denen keine Evidenz vorliege, da „keine Studien dazu gemacht wurden und man letztendlich gar nicht weiß, ob sie helfen oder nicht“.

Bei anderen gehe die Wirkung nicht über den Placeboeffekt hinaus. Wiederum andere seien zwar untersucht und hätten „einen kleinen Benefit, der klinisch aber keinen großen Unterschied macht“; die Studien seien aber oft durch die Hersteller finanziert.

Welche Präparate konkret gemeint sind, wird nicht angesprochen. Ebenfalls wird die Produktauswahl im Beitrag nicht weiter vorgestellt; eingeblendet wird ein Bild mit unterschiedlichen Präparaten von Lutschtabletten mit und ohne Wirkstoff und unterschiedliche Hustensäfte.

Das sagen die Hersteller

Einige der betroffenen Hersteller hätten „Markt“ auf Fragen hinsichtlich ihrer Produte geantwortet. Klosterfrau (Neo-Angin) etwa habe auf die klinisch nachgewiesene Wirksamkeit verwiesen. Engelhardt hingegen betonte bezüglich ihrer Isla-Moos-Palette, dass es sich um Medizinprodukte handele. „In den Apotheken wurde es uns gegenüber vom Fachpersonal allerdings als Medikament bezeichnet“, betont das „Markt“-Team.

Bionorica erklärt bezüglich Bronchipret, dass ihr Präparat nicht bei Halsschmerzen vorgesehen sei. „Also: Falschberatung“, urteilt das NDR-Format. In nur zwei von zehn Apotheken habe sich das Team gut beraten gefühlt. „In den anderen hatten wir den Eindruck, dass es eher ums Verkaufen ging.“

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