„Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels“

Apotheken nach der Pandemie: Erst systemrelevant, jetzt vergessen

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Berlin -

Im Kreis Gießen häufen sich die Apothekenschließungen. Zum Jahreswechsel schloss bereits die Hof-Apotheke in Laubach, am 1. März folgte die nächste Apotheke in Lollar. Zu Ende März hat nun auch Dr. Kristin Forner ihre Filiale in Langgöns geschlossen und das liegt hauptsächlich „an den unfassbar schlechten, politischen Rahmenbedingungen“.

„Ich liebe meine Berufung als Apothekerin für die Menschen vor Ort und bin überzeugt von der Systemrelevanz meiner Aufgabe“, stellt die Apothekerin klar. „Aber die politischen Weichenstellungen spiegeln das nicht wider.“

Forner verweist auf die Inflation und die Tatsache, dass die Apotheken für die Krankenkassen Einsparungen erbringen müssen, um deren Ineffizienzen irgendwie auszugleichen. „Dazu kommen die Lieferketten und die unglaubliche Bürokratie – wieder festgelegt von Krankenkassen – und dementsprechend natürlich auch von der Politik. Dadurch habe ich insgesamt viel mehr Kosten, denn ich brauche mehr Personal. Der Personalmarkt wiederum ist sehr schwierig bei uns, sowohl regional als auch bundesweit“, so die Inhaberin zu den Gründen der Filialschließung in Langgöns.

„Ich habe jetzt seit über zwei Jahren in jeder Woche über 60 Stunden gearbeitet und auch meine Mitarbeiter mussten sehr viele Überstunden machen“, beklagt Forner. „Das ist dann – ehrlich gesagt – ohne Ertrag nicht mehr zumutbar.“ Das Personal übernahm sie komplett für ihre Hauptapotheke. „Unter anderen Rahmenbedingungen wäre eine Schließung nicht nötig gewesen.“

In Langgöns sei die Versorgung zwar gesichert. Dadurch, dass im Landkreis immer mehr Apotheken dichtgemacht haben, musste allerdings der Notdienst anders verteilt werden. „Da merken auch die Städter, dass irgendetwas nicht stimmt. Tagsüber fällt ihnen das nicht auf, weil es in der Stadt noch genügend Apotheken gibt. Nachts bekomme ich einige Anrufe von verzweifelten Menschen, die keine Apotheke in ihrer Umgebung finden. Wenn ich dann sage, dass es gar keine gibt, werden sie oft wütend und fragen, wie das denn funktionieren soll. Ich verweise dann an das Gesundheitsministerium, ich kann das schließlich auch nicht erklären.“

Erst systemrelevant, jetzt vergessen

„Ehrlich gesagt: Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels. Ich sehe nicht, dass die Politik sich in irgendeiner Weise für uns und unseren Fortbestand interessiert.“ Zu Pandemiezeiten hat Forner Briefe aus den Ministerien erhalten: „‚Ihr seid systemrelevant, Ihr müsst dafür sorgen, dass ihr den Betrieb aufrechterhaltet‘, hieß es da“, erinnert sich die Inhaberin. „Meine Mitarbeiter sind in Schichtarbeit gegangen, wir haben mit der Hälfte des Teams einen halben Tag gewuppt, nur damit wir den Betrieb aufrechterhalten konnten und uns ja nicht anstecken. Wir haben da Unglaubliches geleistet.“ Forner selbst bekam während des Lock-Downs ihr erstes Kind.

Zu Pandemiezeiten war die Apotheke noch systemrelevant: „So viel später ist es nicht, mein ältestes Kind ist jetzt drei Jahre alt. Das ist schon eine unglaubliche Kehrtwende zu der Art und Weise, wie wir jetzt behandelt werden.“

Politischer Rückhalt

Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) die auf Versandapotheken bei Lieferengpässen verweist. Forner findet das lächerlich: „Es wird gesagt, in Deutschland ist nichts zu kriegen, bestellen Sie einfach im Ausland, das ist wirklich unglaublich.“

Eines ist für die Inhaberin klar: „Es bräuchte jetzt den Rückhalt aus der Politik. Sie müssten bereit sein, jetzt schnell Gesetze zu ändern, um die Apotheke vor Ort gegenüber Krankenkassen sowie dem Online- und Großhandel zu stärken.“ Für die Inhaberin zentral: die Vereinfachung von E-Rezepten vor Ort, der Bürokratieabbau, eine flexible Versorgung und resiliente Lieferketten vor Vertragspartnerzwang und die Aufhebung des Skonto-Verbots beim Medikamenteneinkauf.

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