Kommentar

Verein zum Selbstbetrug

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Berlin -

Die Pharmaindustrie hat in der Öffentlichkeit keinen besonders guten Ruf: Entwickelt ein Hersteller einen neuen Wirkstoff, sieht er sich schnell dem Vorwurf der Geschäftemacherei mit Scheininnovationen gegenüber. Zu den gängigen Klischees zählt auch, dass Ärzte (oder Apotheker) mit luxuriösen Fortbildungsreisen oder Beraterverträgen bestochen werden. Die Industrie ist bemüht, ihr schlechtes Image los zu werden – und das macht es irgendwie noch schlimmer.

 

Seit 2004 gibt der Verein Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) Regeln für ethisches Verhalten zwischen der Industrie und den medizinischen Fachkreisen vor. Der „Kodex“ wurde schon viermal überarbeitet. Tagt der Vorstand, ist es eine Art Familientreffen für Big Pharma: Pfizer, Bayer, Sanovi-Aventis, Novartis, Boehringer Ingelheim, Merck Serono, Janssen-Cilag, Bristol-Myers Squibb. Insgesamt 64 Pharmafirmen haben sich dem Verein angeschlossen, 25 weitere akzeptieren den „Kodex“ – die Zehn Gebote des Pharmavertreters.

Der FSA sieht Sanktionen bei Kodexverstößen vor – etwa wenn ein Hersteller Ärzte zum Golfen nach Sylt einlädt. Die Strafe liegt je nach Vergehen zwischen 5000 und 200.000 Euro, Wiederholungstäter (drei Verstöße in zwei Jahren) bekommen Strafen bis zu 400.000 Euro aufgebrummt. 317 Beanstandungen hat der Verein in acht Jahren bearbeitet, etwas mehr als die Hälfte wurde aus formellen oder materiellen Gründen eingestellt. In immerhin 107 Fällen gab es eine Abmahnung, 30 Mal wurde eine Sanktion der ersten oder zweiten Instanz verhängt.

Doch über die Jahre scheinen entweder die Firmen oder ihre Selbstkontrolle friedlicher geworden zu sein: Für 2011 weist der jetzt vorgelegte Tätigkeitsbericht nur noch 17 Beschwerden aus, drei Viertel davon wurden von Nichtmitgliedern eingereicht. In der Vergangenheit kamen noch 80 Prozent der Anzeigen aus den eigenen Reihen.

Die Bilanz für 2011 sieht so aus:

Abmahnung/Unterlassung: 0.

Entscheidungen 1. Instanz: 0.

Entscheidungen 2. Instanz: 0.

Zwölf Fälle wurden bislang abgeschlossen, alle Verfahren wurden eingestellt.

Nun weiß jeder, der jetzt vor Ostern gefastet hat, wie schwer das mit der Selbstkontrolle ist. Aber dass der FSA seine Bilanz jetzt der eigenen Präventivwirkung und dem Beratungskonzept zuschreibt, klingt dann doch eher nach „Verein zum freiwilligen Selbstbetrug der Arzneimittelhersteller“.

 

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